KLIMARETTUNG MIT PARISER CHIC

FahnenIn Paris hat die Klimakonferenz begonnen. Zum Auftakt gab’s auf der Place de la République trotz Demonstrationsverbot heftige Krawalle mit 149 Festnahmen. Weltweit sollen fast 600’000 Menschen auf die Straße gegangen sein, um die Entscheidungsträger daran zu erinnern, dass dringender Handlungsbedarf bestehe.

Wir packen es an!
40’000 Spezialisten und Politiker aus 194 Ländern sollen in die französische Hauptstadt gereist sein, einige sogar mit der Eisenbahn. 115’000 Polizisten und Militärs wurden aufgeboten, für ihre Sicherheit zu sorgen. Das ist gewiss kein Kinderspiel in der gegenwärtigen Situation. Es ist erst drei Wochen her, als hier blutiger Terror und Chaos herrschten. Doch das Leben geht weiter, wenn auch weniger leichtfüßig als vorher.Krawall

Das gemäßigt linke Wochenmagazin «L’Obs» (bis 2014 «Le Nouvel Observateur») widmet seine neuste Nummer hauptsächlich den IS-Attentaten und ihren Hintergründen, vergisst aber den Klimagipfel dennoch nicht ganz. Mit Tipps und Trends für den urbanen Menschen, der die Erderwärmung ungewöhnlich, spielerisch und fröhlich stoppen will. Denn wer sich Mühe gibt, bewusster zu leben, lebt auch glücklicher und gesünder, meint das Blatt. Um den CO2-Ausstoß von 9 Tonnen pro Kopf auf das Traumziel von 2 Tonnen zu reduzieren, müssten die Franzosen ihren Lebensstil ändern. Aber wie? Die meisten Ratschläge unterscheiden sich nicht von jenen, die auch wir befolgen müssten. Öfter zu Fuß gehen oder velofahren, weniger Fleisch, dafür mehr bio und lokal essen und ganz allgemein den Konsum drosseln.

Nachhaltige Gourmets und Mode-Nerds
Einige Tipps sind dennoch ein wenig anders, französischer eben. Zum Beispiel die Insekten-Apéros, zu denen man sich in einem Pariser Kaffeehaus regelmäßig trifft, um die neusten Kreationen zu degustieren. Beim letzten versuchten 150 Personen, wie mit Paprika, Kurkuma und Sesam gewürzte Mehlwürmer und Heuschrecken schmecken. Den Mehlwurm nenne man Molitor, das höre sich appetitlicher an. Das biete Gelegenheit für sympathische Soirées! Auch das urbane Gärtnern, Jardingue genannt, wird zum gesellschaftlichen Anlass, der in Paris jeden zweiten Dienstag im Monat Gleichgesinnte und deren Kinder zusammenführt. Die paar Kartoffeln und Rüebli füllen ja nicht den Frigo, aber es sei «100% made by you».

Was das Reisen betrifft, schlägt «L’Obs» unter anderem vor, klimafreundlich ins nahe Vercors zu reisen und dort im selbstgebauten Iglu zu nächtigen. Oder nach Lappland, wo für 500 Euro eine Trapperhütte ohne Elektrizität, dafür mit einem Holzofen und Regenwasser in der Tonne auf einen wartet. (Die Frage, wie man dorthin gelangt, ohne seinen ökologischen Fußabdruck übermäßig zu vergrößern, wird nicht erörtert…)

Die Mode spielt in Paris immer noch eine wichtige Rolle. Entsprechend bunt ist auch die SzenePlanet der Boutiquen, die destrukturierte Teile verkaufen, das heißt Kleider, die aus gebrauchten Stücken neu zusammengesetzt werden. Auch Secondhand beziehungsweise seconde main liegt im Trend, besonders, wenn große Marken wie Dior, Gucci, Prada oder Céline zu relativ bescheidenen Preisen angeboten werden. Wer nachhaltig konsumieren will, bringt seine getragenen Butler-Jeans in den Laden zurück und kriegt die neue zum halben Preis. Ein Blick ins Internet zeigt: Je zerrissener und schmutziger die Hose,  desto teurer ist sie. «Garantiert nie gewaschen!» gilt als besonderes Gütezeichen. Ausserdem werden Kurse angeboten, wie man seine Garderobe mit Nadel und Faden selbst kreativ erneuern kann. Das gibt es mittlerweilen auch ausserhalb Frankreichs, aber vielleicht nicht ganz so chic und wahrscheinlich nicht in Verbindung mit kulinarischen Genüssen und Weindegustationen. La douce France!

ACKERN MIT GIFT STATT MIT DEM PFLUG

Man lernt nie aus. So soll das traditionelle Ackern mit dem Pflug die Bodenerosion fördern und die Fauna unter der Erdoberfläche schädigen. Besser sei es, die Anbauflächen mit dem Grubber zu lockern, bevor neu angesät werde. Wesentlich einfacher und schneller geht das jedoch, wenn sie vorgängig  mit einem glyphosathaltigen Herbizid (z.B. Roundup) bearbeitet wurden.

Spritzen mit GlyphosatÖkologisch und unbedenklich?
Und was meinen unsere zuständigen Behörden dazu, das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV)? Alles bestens: «Aufgrund der Daten, die heute zur Verfügung stehen, und der zahlreichen Beurteilungen durch internationale und nationale Fachgremien betrachten das BLW und das BLV Rückstände von Glyphosat aus der Anwendung als Pflanzenschutzmittel als gesundheitlich unbedenklich für die Bevölkerung. (…) In der Schweiz wird Glyphosat in bodenschonenden pfluglosen Anbauverfahren eingesetzt. Diese Anbaumethode fördert indirekt die Bodenfruchtbarkeit.» Das soll deshalb ökologisch sein. Und man beruhigt die verunsicherten Konsumenten: «Die Anwendung von Glyphosat kurz vor der Ernte, wie dies beispielsweise im Ausland u.a. zur Reifebeschleunigung von Getreide möglich ist, ist in der Schweiz nicht zugelassen. Daher ist in Lebensmitteln aus heimischem Anbau nur mit sehr geringen Rückständen zu rechnen. Glyphosat wird auch im nicht-landwirtschaftlichen Bereich zur Unkrautvernichtung verwendet.» Damit folgt der Bund der EU, die meint, dass «nach den vorliegenden Erkenntnissen Bienenvölker bei sachgerechter Anwendung und verantwortungsvollem Umgang mit glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln nicht gefährdet sind».

Immerhin haben Migros und Coop Unkrautbekämpfungsmittel, die Glyphosat enthalten, diesen Frühling aus dem Regal genommen. Zudem: Wie kann ich feststellen, dass mein Brot oder Gipfeli mit Sicherheit  nur aus Getreide besteht, das in der Schweiz produziert wurde? Eine entsprechende Herkunftsbescheinigung habe ich noch nirgendwo entdeckt…

pflugloser AckerbauKämpferin gegen Windmühlen
Sybilla Keitel ist Lehrerin und hat seit rund 25 Jahren – wie Bundeskanzlerin Angela Merkel – ein Häuschen in der idyllischen Uckermark in Nordostdeutschland. Die Idylle wurde jedoch empfindlich gestört, als ein «Landwirt» und Möbelbauer in dieser Gegend großflächig Mais, Raps und Hirse anbaute. Mit Herbiziden, unter anderem Roundup, wurde offenbar nicht gespart: «Kein Regenwurm lebt mehr in diesen Äckern, als seltenes Exemplar existent höchstens noch in den Rändern. Dies gilt auch für andere Bodenlebewesen. (…) Viele Amphibien und Schmetterlinge sind mittlerweile verschwunden. Laut Imker sind in diesem Winter bei den Bienen Verluste von 50 bis 60% aufgetreten. Es wird berichtet, dass Schwalben ihre Jungen aus den Nestern werfen, weil Insekten fehlen.»

Die kämpferische Deutsche hat alles Erdenkliche unternommen, um auf das langsame Sterben aufmerksam zu machen. Sogar an Frau Merkel hat sie mehrmals geschrieben, freilich ohne je eine Antwort zu erhalten.  «Ich habe die Naturkatastrophe überall bekannt gemacht, jeder Angeschriebene weiß also, was Sache ist. Man nickt sorgenvoll mit dem Kopf, ist jedoch nicht zuständig.» Und im Vorwort ihrer 2014 publizierten Initiative:  «Dessen ungeachtet empfehlen ‹die Experten des Ernährungs- und Landwirtschaftsausschusses  im Bundestag› in ihrem Dokument Nr. 351 vom 2. Juli 2014 eine weitere Anwendung von Glyphosat. Sie handeln dabei anscheinend unbeirrt  von öffentlichen Alarmrufen in Wissenschaft und Medien, vor allem aber in einer erschreckenden Ungerührtheit, was den Umgang mit der Natur und ihren Geschöpfen betrifft.» Und sie fragt sich, ob diese Leute von jemandem bezahlt werden, damit sie ihren Verstand kollektiv an den Nagel hängen… Keine dumme Frage, wie mir scheint.

INSEKTENHOTELS SIND TRENDY

Heute schneit es zum ersten Mal in diesem Jahr bis ins Rhonetal. Vor zwei Tagen herrschten noch T-Shirt-Temperaturen mit reichlich blauem Himmel. Hie und dort flatterte noch ein Schmetterling, und am Wegrand lauerte eine Gottesanbeterin auf Beute, etwa eine der letzten noch aktiven Schnarrheuschrecken.Und nun gibt es endlich Schnee, was die Walliser Tourismusbranche bestimmt freut. Für Insektenfreunde brechen jedoch eher monotone Zeiten an…

IMG_1647 (2)Spektakuläre Brutpflege
Am Lac de Montorge steht ein sogenanntes Insektenhotel mit einer Informationstafel, die Sinn und Zweck des dekorativen Häuschens erklärt. Es ist eine Nisthilfe, die in diesem Fall vor allem den Nachkommen von Wildbienen, aber auch holzfressenden Insekten und verschiedenen Wespenarten Unterschlupf bieten soll. Jean-Henri Fabre war ja von der Brutpflege der Sandwespe fasziniert und hat sie wiederholt ausführlich beschrieben. Wie sie die Raupen aufstöbert und ihnen «einen nach dem andern die zehn Hinterleibsringe auf der Bauchseite mit ihrem Stachel ansticht, bis das Beutetier völlig gelähmt ist. Die Sandwespe verlässt ihr Opfer und kehrt zu ihrem Nest zurück, wo sie, im Hinblick auf die Einlagerung der Beute, noch einige Abänderungen vornimmt, den Eingang, den Endraum erweitert.» Das mit gezielten Stichen gelähmte Opfer wird in die Brutkammer mit den Eiern transportiert und dient später den geschlüpften Larven als Nahrungsvorrat. «Übrigens sollte man hundertmal dem Schauspiel beiwohnen, dessen Augenzeuge ich zu werden wünschte, man würde seiner nicht überdrüssig.»*

Insektenhotels ermöglichen es, diese spektakulären Fortpflanzungsmethoden aus nächster Nähe wenigstens teilweise zu beobachten. Das ist ihre wichtigste Aufgabe. Sie dienen vor allem als Informationsmittel für Spaziergänger und Schüler. Wikipedia ist so ehrlich, ihre Schutzfunktion zu relativieren: «Insektenhotels tragen nicht dazu bei, Rote-Liste-Arten zu schützen, und können daher nicht als direkter Artenschutz verstanden werden. Sie werden überwiegend von häufig vorkommenden Kulturfolgerbienen (zum Beispiel Rote Mauerbiene, Osmia bicornis) besiedelt. Selten vorkommende Bienenarten leben meist in Abhängigkeit von speziellen Pflanzenarten…».

Auf den Standort kommt es anIMG_1657 (2)
In der Umgebung des Montorge ist die Landschaft mit den Elementen bestückt, die es braucht, damit das Insektenhotel seinen Zweck erfüllen kann. In nächster Nähe gibt es eine Menge Totholz, Sträucher, Bäume, Naturwiesen, Wasser, Sand. Etliche der Öffnungen sind denn auch mit Lehm verschlossen.

Eine weitere Funktion der Insektenhotels – auch Insektenasyl oder Nützlingshotel genannt – besteht offenbar darin, uns das «gute Gefühl» zu geben, dass wir «etwas für die Umwelt tun». Anders ist der Boom dieser seit den neunziger Jahren existierenden Nisthilfen nicht zu erklären. Das Angebot ist enorm und reicht vom telefonbuchgroßen Insektenhüttchen bis zum luxuriösen Insektenpalast für gehobene Ansprüche. Sie stehen in Kleingärten, Parks, bei Schulhäusern, Einfamilienhäusern, Villen und nicht selten auf Balkonen sowie Hausdächern mitten in der Großstadt und sind für ihre Hersteller zu einem lukrativen Geschäft geworden.

Der Trend, Honigbienen in der Stadt zu halten, ist ebenfalls im Vormarsch. Dazu passt die Erfindung eines Studenten der Schule für Industriedesign der Kunstschule Lausanne (ECAL). Er hat ein tragbares Bienenhaus entwickelt, das in verschiedenen Grössen und in schicken Farben zum moderaten Preis von 250 Franken in den Handel kommen soll. Damit man jederzeit und überall seinen eigenen Honig imkern kann.

* Aus Kurt Guggenheim, Sandkorn für Sandkorn, Zürich 1959.

HOMER DER INSEKTENFORSCHER IN DEUTSCH

Jean-Henri Fabre (1823–1915) war nicht bloß  ein großer französischer EnJean-Henri Fabretomologe, er brillierte auch als Sachbuchautor, Poet, Physiklehrer, Botaniker, Mathematiker, Maler, Philosoph, Einsiedler, Familienvater und vieles, vieles mehr. Ich selbst stieß vor langer Zeit über das 1959 erschienene Buch «Sandkorn für Sandkorn» von Kurt Guggenheim auf dieses Universalgenie. Der Zürcher Schriftsteller beschrieb Fabre darin folgendermaßen: «Er selbst, der Schlanke, Schmale mit seinem bartlosen Gesicht, seinen schwarzen Augen ohne Wimpern, unter seinem ewigen breitkrempigen Schlapphut und mit dem dezenten dunklen Anzug des höheren Schulmeisters bekleidet, ist er unter diesem Himmel, unter dieser Sonne, in diesem Mistral selbst ein wenig wie ein Insekt geworden, trocken, ausgetrocknet, aufmerksam, bedroht und von nie erlahmendem Beschäftigungsdrang.»

Ewiger Hut, ewige Neugier
Auf den Fotos posierte J.-H. Fabre stets mit Hut, ob in seinem Arbeitszimmer oder draussen im Garten seines «Harmas», einen Schlapphut trug er jedoch nie, da hat sich Guggenheim geirrt, er zeigte sich immer mit einer distinguierten steifen Krempe. Obwohl er und seine große Familie – er hatte fünf Kinder in erster und drei Kinder in zweiter Ehe – zeitweise unter bitterster Armut litten (Frankreich entlöhnte damals Lehrer miserabel oder sogar monatelang gar nicht), legte er offensichtlich großen Wert auf korrekte Kleidung. Abgesehen davon ging er seine eigenen Wege und brach als Wissenschaftler mit vielen Konventionen. Sein Stoßseufzer hatte visionären Charakter: «Wann endlich werden wir ein entomologisches Laboratorium erhalten, wo man nicht das tote, im Alkohol aufgeweichte, sondern das lebende Insekt studiert, ein Laboratorium, dessen Forschungsgegenstand die Instinkte, die Gewohnheiten, die Lebensweise, die Arbeit, die Kämpfe und die Fortpflanzung dieser kleinen Gesellschaft sind, mit der sich jedoch sowohl die Landwirtschaft als auch die Philosophie auseinanderzusetzen haben?» Fabre bezeichnete zudem die Insekten als ideales Forschungsgebiet für Arme, da sie stets unentgeltlich und in Fülle zur Verfügung stünden. Das traf zu seiner Zeit in der Provence zweifellos zu.

Der Harmas von Jean-Henri FabreDank einem Kredit eines englischen Freundes konnte der Autor der berühmten «Souvenirs entomologiques» (1879–1907) im sechzigsten Altersjahr sein thymianduftendes Freilandlabor am Rand des Dorfes Sérignan aufschlagen, 8 km nördlich von Orange. Im Landgut «Harmas», das heute ein romantisches Museum mit schönem Garten ist, arbeitete Fabre «beim Gesang der Zikaden» und machte aus dem Tier «ein Wesen, das man liebgewinnt». Er plädierte für einen Forschungsstil, der trotz großer Gewissenhaftigkeit alles Lebendige mit Ehrfurcht behandelt. Das Lebenswerk des eigenwilligen Mannes, der Verhaltensforschung betrieb, lange bevor sie offiziell aus der Taufe gehoben wurde, beeinflusste mit seinen Beschreibungen nicht nur Naturwissenschaftler, sondern auch Dichter und Künstler… und nicht zuletzt einen Pfarrer und einen Anwalt.

Übersetzen aus Faszination
Kurt Guggenheim übersetzte Teile von Fabres Lebenswerk unter dem Titel «Das offenbare Geheimnis» (Erstauflage 1961). Auf die Fabre, BuchÜbersetzung der Gesamtausgabe der «Souvenirs» auf Deutsch musste man erstaunlicherweise bis ins 3. Jahrtausend warten. Erst 2009 kam der erste Band bei Matthes & Seitz unter dem Titel «Erinnerungen eines Insektenforschers» heraus. Als Übersetzer zeichnet der 1933 geborene evangelische Pfarrer Friedrich Koch. Er begann mit dieser Herkulesarbeit nach der Lektüre von Guggenheims Teilübersetzung: «Ich fraß das Buch und las es immer wieder, weil ich hier genau die Fähigkeit zum intensiven Erleben und leidenschaftlichen Beobachten wiederfand, die mich erfüllt.» Auftrag hatte er damals keinen, es war die pure Passion, die ihn antrieb. Der letzte Band soll 2018 auf den Markt kommen.

Der Zufall wollte es, dass ebenfalls 2009 der erste Band einer weiteren, diesmal zweisprachigen Gesamtausgabe in Deutsch und Französisch erschien, und zwar unter dem Titel «Entomologische Erinnerungen». Übersetzer und Herausgeber im Selbstverlag ist in diesem Fall der Deutsche Franz-Josef Wittmann. Ich bin auf den ehemaligen Rechtsanwalt über das amüsante Buch «Bonjour la France! Ein Jahr in Paris» (Ullstein) des Auslandkorrespondenten Stefan Ulrich gestoßen.  Wittmann zog mit seiner Frau in den Ruhestand in ein verwunschenes Haus ans Ufer des Hérault. Bei einem Ausflug ins Departement Drôme besuchte er das Fabre-Museum, kaufte seine Bücher und war bei der Lektüre absolut fasziniert. Und als 2007 seine Lebensgefährtin starb, begann er mit der Übersetzung des Gesamtwerks im Umfang von 2000 Seiten. Der Homer der Insekten wurde zu seinem Rettungsanker.

PS: Neben dem «Harmas» steht seit 2014 das neue, Jean-Henri Fabre gewidmete Museum «Le Naturoptère» mit Wechselausstellungen, das auch für Kinder attraktiv ist. Mit seinem wellenförmigen Dach erinnert es an das Zentrum Paul Klee in Bern, in dem momentan «About Trees» zu sehen ist, eine hochkarätige Ausstellung über Bäume. Für Kunst- und Naturfreunde von Interesse!

WILDBIENEN-HOCHBURG ERSCHMATT

Das Wallis kann mit einigen Schweizer Rekorden auftrumpfen. In diesem Kanton ragen am meisten Viertausender in den Himmel, es wird am meisten Wein produziert, am Eingang des Mattertals liegt auf 1145 m der höchste Weinberg, und bei Findeln gab es einst auf 2100 m die höchsten Roggenäcker Europas. Außerdem kann man ob Saas Fee auf dem Allalin das höchste Drehrestaurant und im Mittelallalin die höchste und größte Eisgrotte der Welt besuchen. Der Aletschgletscher in der zentralen Kette wiederum ist mit 23,6 km der längste Gletscher in den Alpen. Doch es gibt noch einen weiteren Walliser Rekord, der Insektenfreunde vermutlich mehr interessieren wird…

Kein Ballenberg-DorfErschmatt_VS_06
Das Bergdorf Erschmatt, das seit 2013 zur Gemeinde Leuk gehört, liegt auf rund 1230 m auf einer Terrasse über dem Tal des Rotten, wie die Rhone im Oberwallis heißt. Heimelige, von der Sonne verbrannte Holzhäuser und Stadel drängen sich um die stattliche weiße Pfarrkirche aus dem 18. Jahrhundert. Der typische geschlossene Dorfkern wurde ins Inventar der schützenswerten Ortsbilder aufgenommen, obwohl der Schweizer Kunstführer etwas sauertöpfisch bemängelt, es seien auch einige neue Häuser gebaut worden. Auch das Bundesinventar der zu erhaltenden Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung ist nicht rundum zufrieden: «Das Dorf ist heute nicht mehr – wie auf älteren Fotos dokumentiert – in eine intensiv bearbeitete, terrassierte Landschaft eingebettet. Zwar stoßen die von Felsbrocken durchsetzten Wieshänge noch immer von drei Seiten an die alten Häusergrenzen, doch sind die meisten Äcker aufgegeben und viele Obstbäume am Absterben, immer mehr Ferienchalets verstellen die Nahumgebungen.» Und der Konservator und Kulturwissenschaftler Werner Bellwald bedauert im Historischen Lexikon der Schweiz 2004: «Die sog. obere und untere Zelg mit Roggenanbau auf ausgedehnten Terrassierungen (ca. 1200–1500 m) und einjähriger Brache (Zweizelgenwirtschaft) wurden bis in die 1960er Jahre kultiviert. Über Jahrzehnte wurde die Berglandwirtschaft von Arbeiterbauern weitergeführt, die ab 1897 einen Teil ihres Auskommens in der Lonza in Gampel, ab 1908 in der Alusuisse in Chippis und ab 1963 v.a. in der Alusuisse in Steg fanden.

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Allmählich wurde die Landwirtschaft extensiviert, aus Arbeiter- wurden Hobbybauern. Inzwischen sind die Getreideäcker verbuscht oder werden als Schafweiden genutzt.» Es stimmt, Erschmatt ist kein Ballenberg-Dörfchen, es leben hier Leute von heute, und die Terrassen werden nicht mehr wie zu alten Zeiten beackert und gejätet. Jedenfalls nicht alle, denn der seit 1985 gepflegte und bei Ökotouristen beliebte Sortengarten sowie der 2003 gegründete Verein «Erlebniswelt Roggen» bemühen sich immerhin, die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten.

 Auf der Sonnenseite ist gut leben
 Wenn Erschmatt mit dem Motto «Leben auf der Sonnenseite» wirbt, ist das keine Übertreibung. Erschmatt 13 Heliodom_erschmatt_Switzerland_28ist in dieser Beziehung privilegiert. So wundert es denn auch nicht, dass das erste Sonnenhaus der Schweiz 2013 in Erschmatt gebaut wurde: Das von einem Franzosen erfundene Heliodome ist vollständig auf den Sonnenlauf ausgerichtet, es soll angenehm warm im Winter, kühl im Sommer und außerdem noch energiesparend sein. Abgesehen von den Hummeln, die ebenfalls zu den Echten Bienen gehören (siehe Blog 12), sind auch Wildbienen wärmeliebend. Dass es ihnen auf den Erschmatter Terrassen besonders behagt, ergab eine 2005 publizierte Studie, die dem Bergdorf ein bemerkenswert gutes Zeugnis ausstellt.

13 IMG_1627Von den in der Schweiz nachgewiesenen 615 Wildbienenarten konnten auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern in der Umgebung des Dorfes Erschmatt rund 280 Spezies nachgewiesen werden, also etwa 46 Prozent des gesamten einheimischen Artenspektrums (zum Vergleich: weltweit gibt es rund 30’000 Wildbienenarten!). Die Akademie der Naturwissenschaften meint dazu 2014 in ihrem Bericht Bienen im Fokus von Wissenschaft und Politik: «Die inneralpine Lage sowie das kleinräumige Mosaik verschiedener Landnutzungstypen bieten Wildbienen hervorragende Lebensbedingungen». Möglicherweise ist es für die Zweiflügler sogar positiv, wenn sich ein wenig Wildwuchs breitmacht und der Wald mit den alten Kiefern nicht allzu pingelig herausgeputzt wird. Anzufügen bleibt, dass die solitär lebenden Wildbienen extrem schwierig zu erfassen sind und aufschlussreiche Angaben dazu entsprechend selten sind. Dennoch gibt es Zahlen, die nicht nur die Akademie alarmieren: «Insgesamt sind 12 Prozent der ursprünglich in der Schweiz heimischen Arten verschollen und 45 Prozent stehen auf der Roten Liste.» Wildbienen sind anspruchsvoll, was ihren Lebensraum betrifft, sie benötigen Vielfalt und Kleinräumigkeit. Und die ist selbst in den Bergkantonen nicht mehr überall vorhanden. Ein schweizweites Wildbienen-Monitoring soll 2016 gestartet werden. Man darf auf die Resultate gespannt sein.

HAARIGE BRUMMER IM HOCHGEBIRGE

Der Wiener Entomologe Dr. Bruno Pittioni starb 1952 im besten Mannesalter von 46 Jahren an Lungenkrebs. Der Krieg hatte ihn aus seiner Mittelschullehrer-Laufbahn geworfen, weshalb er nach Sofia auswanderte, wo er am Königlichen Bulgarischen Museum als Assistent tätig war. Später wurde er unter Spionageverdacht eingekerkert und musste sich als Dachdecker und Bauarbeiter durchschlagen. Dr. Bruno Pittioni 2_Seite_1 Dennoch hinterließ er zahlreiche Publikationen und eine umfangreiche Sammlung paläarktischer Hummeln.

Sturmerprobt

Die Feldforschung trieb ihn jeweils frühmorgens aus den Federn: «Schon zeitig des Morgens, wenn Gras und Blüten noch triefend nass sind vom Tau und die Temperatur erst wenige Grade über Null erreicht hat, beginnt der Hummelflug in unseren Hochgebirgen. Schon wiederholt habe ich um 7 Uhr früh in 2000 bis 2500 m Höhe ein reges Hummelleben feststellen können; allerdings nur dann, wenn der in diesen Höhen fast immerdar wehende Wind nicht allzu kalt war. Die Sonne spielt weitaus nicht die Rolle, die man ihr gerne zuzuschreiben gewillt ist. Im Gegenteil, an windstillen Tagen kann auch ein feiner Regen herniederrieseln, und der Flug ist dennoch stärker als an sonnenklaren Tagen, an denen ein eisiger Wind um die Alpengipfel braust. Überhaupt gilt für die Hummeln die Regel, dass nicht so sehr die Windstärke als die Windtemperatur hemmend auf ihre Sammeltätigkeit einwirkt. Doch nicht alle Hummeln zeigen in dieser Beziehung das gleiche Verhalten. Die an das Tundrenklima der Arktis und der Alpen angepasste Alpenhummel Bombus alpinus L. fliegt noch in 3500 m Höhe am Rande der Gletscher im eisigen Sturm, der fast das Fliegen zur Unmöglichkeit macht, von einem Blütenpolster zum anderen, um aus den winzigen Kelchen etwas der Alpenazalee den Nektar zu holen. Eng an den Boden geschmiegt kriecht sie von einer Blüte zur anderen, während der pfeifende Gipfelsturm an ihrem zottig behaarten Körper zerrt und sie mit sich zu reißen droht.» Hummeln sollen sogar auf dem Everest auf 5000 m Höhe gesichtet worden sein.

Auf der Roten ListeAlpenhummel auf Distel

Bis um drei oder vier Uhr nachmittags sammeln die Alpenhummeln Nektar: «Zu späteren Tageszeiten findet man höchst selten noch Hummeln bei der Arbeit; höchstens Männchen können da noch auf den Blüten angetroffen werden, die von dem anstrengenden Suchen nach jungen Weibchen nunmehr in süßem Nichtstun ausruhen.» Bruno Pittionis Beobachtungen könnten den Naturfreunden hilfreich gewesen sein, die dem Aufruf von Pro Natura Graubünden folgten und das grauschwarz und orange gefärbte Insekt in den westlichen und östlichen Zentralalpen sowie an der Alpensüdflanke aufgespürt und im Idealfall sogar fotografiert haben.  Wie viele andere Hummeln steht auch die Alpenhummel auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.

Doch warum eigentlich? Pestizide kommen im Gebirge sozusagen nie zum Einsatz, und Monokulturen wie im Flachland gibt es hier ebenfalls nicht. Als Grund für den Rückgang wird die Klimaerwärmung vermutet, die ihren Lebensraum vor allem in den Südalpen einschränkt. Sämtliche Hummelarten meiden nämlich prinzipiell die Hitze, wobei ihre Toleranz unterschiedlich ist. Ein internationales Forscherteam hat nun festgestellt, dass sich die Hummeln nicht an die steigenden Temperaturen anpassen, indem sie nordwärts in kühlere Gegenden ziehen und dadurch den Territoriumsverlust ausgleichen. Verhalten sich die Alpenhummeln ebenso unflexibel oder werden sie die durch die Schnee- und Gletscherschmelze gewonnenen Weiden besiedeln? – In den Bergen hat es über Nacht geschneit. Nur die Alpenhummel-Königinnen überleben den Winter, um im nächsten Frühling einen neuen Staat zu gründen. Sie werden auf jeden Fall noch eine Weile unter Beobachtung bleiben.

PFLANZEN MIT SCHLECHTEM RUF

Sie steht direkt vor dem Büro, kräftig, von blühender Gesundheit und zeitweise heftig umschwärmt. Die Buddleja, auch Schmetterlingsstrauch oder Sommerflieder genannt, ist mit ihren violetten, dicht stehenden Blütenrispen eine Augenweide. buddleya_davidii_sommerfliederWikipedia schreibt: «Bienen, Schmetterlingen, Taubenschwänzchen und Hummeln bietet der Schmetterlingsstrauch eine reichhaltige Nektarquelle besonders in der blütenarmen Zeit in Juli und August.» Das hört sich eigentlich gut an. Doch die Buddleja (im Bild mit einem Admiralfalter) hat ungeachtet dieser positiven Qualitäten einen grottenschlechten Ruf.

Politisch korrekt?
Der in zahlreichen Gartenzentren legal verkaufte Sommerflieder hat nämlich das Pech, auf der Liste der Invasoren zu stehen. Er wurde als Zierpflanze aus China importiert und hat sich in Mitteleuropa seit den 1930er Jahren auch außerhalb der Gärten ausgebreitet. Wegen seiner Vorliebe für trockene, steinige Böden und besonnte Standorte besiedelt er mitunter Eisenbahnböschungen, jedoch vor allem Flussufer und Industriebrachen. Am unteren Rhonelauf im Wallis zum Beispiel kenne ich einige Stellen, wo die Buddleja Fuß gefasst hat, was meiner Meinung nach keinen Schaden anrichtet. Genauso wenig ist gegen den Sommerflieder auf der Industriebrache einzuwenden.  Und was die Bahnböschungen betrifft: Werden die nicht regelmäßig gemäht?

Was kennzeichnet  eigentlich diese sogenannten Invasiven oder Neophyten, die mitunter in einem Ton verteufelt werden, die dem ultrarechten Sprachduktus in Zusammenhang mit der aktuellen Flüchtlingskrise frappant ähnelt? Waldwissen.net, eine Informations-Site für die Forstpraxis, definiert sie folgendermaßen: «…Lebewesen mit aktuellem Migrationshintergrund. (…) Das ‚Neu‘ bezieht sich etwas willkürlich auf die Zeit seit 1492, weil die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus als Beginn einer bisher unbekannten, weltweiten Mobilität der Menschheit gesehen werden kann, durch die auch sehr viele Organismen in neue Gebiete gelangten.» Auf der Schwarzen Liste der Schweiz stehen gegenwärtig 41 und auf der Watch-List (Beobachtungsliste) 16 Pflanzenarten. Darunter gibt es etliche, die einem als Garten- und Parkgewächse vertraut und harmlos erscheinen wie Kirschlorbeer, Kartoffelrose, Lupine, Topinambur, Essigbaum, Jungfernrebe, Feigenkaktus, Paulownie, Silberakazie (Mimose), Robinie oder Besen-Radmelde.

Wird da nicht aus einer Mücke ein Elefant gemacht, zumindest in einigen Fällen? Bildet der bei Biobauern so beliebte Topinambur in Mitteleuropa wirklich eine Gefahr? Verdrängt er einheimische Pflanzen? Oder um als weiteres Beispiel die Lupinen zu nennen: Sie blühen im Herbst truppweise auf den Wiesen der Mayens de Sion, zur Freude von Wanderern und Chaletbesitzern. Zu dieser Zeit blüht hier sonst nicht mehr viel, so dass sie von Bienen bestimmt ebenso geschätzt werden. Und falls dem Bauern diese «Invasion» nicht passt, hat er das Problem ja mit der Sense rasch behoben…

Ein Anwalt der Invasiven
François Couplan ist ein bei Fribourg wohnender, französisch-schweizerischer Ethnobotaniker, der die Menschen auf den Geschmack wilder, essbarer Pflanzen bringen möchte. Unter anderem mit Kursen in freier Natur im In- und Ausland sowie Büchern zu diesem Thema. Dem gertenschlanken Mittsechziger mit dem federgeschmückten Hut nimmt man seine kulinarische Vorliebe sofort ab. François CouplanIn seinem allerneusten Werk mit dem aufmüpfigen Titel «Aimez vos plantes invasives. Mangez-les!» (Ed. Quae) verteidigt er die verpönten Fremdlinge, die sich bei uns integriert haben, und gibt Tipps zum Zubereiten und Genießen. Ein heißes Eisen, wie er selber in einem Interview mit der Westschweizer Coop-Zeitung sagt. Doch es sei eine Angelegenheit, die ihn schon lange ärgere. Er finde es schade, dass Hass geschürt werde gegen Pflanzen, die auf irgendeine Weise in unsere Gefilde gelangt seien und sich in unserem Lebensraum durchgesetzt haben. Schließlich seien diese Arten nicht selten durch den Menschen eingeführt worden. Er verstehe nicht, wieso darüber entschieden werde, dass die eine Pflanze hier wachsen dürfe und die andere nicht…

PS: Unser Sommerflieder wird im Herbst zurückgestutzt und die verblühten Dolden vorschriftsmäßig entsorgt! Außerdem habe ich fast vergessen zu erwähnen, dass unser Essigbaum momentan ein wunderschönes, leuchtendrotes Blattwerk präsentiert.

WENN SPINNEN NICHT MEHR RICHTIG SPINNEN

Spinnen gehören bekanntlich nicht zu den Sympathieträgern der Tierwelt. Selbst sonst «normale» Menschen können angesichts eines harmlosen, kleinen Achtbeiners ängstlich, ja geradezu hysterisch reagieren. Umso erstaunlicher ist die Bewunderung, welche die über neun Meter hohe Spinne von Louise Bourgois wDie Spinne von Louise Bourgeoiseltweit auslöst. Die Riesenskulptur war 2011 auch in der Schweiz unterwegs – von Basel, Bern und  Zürich bis nach Genf – und erhielt wie überall, wo sie sonst noch stand, einhelliges Lob.

Gebt uns die Spinne zurück!

Für die in Frankreich aufgewachsene Künstlerin (1911–2010) war die langbeinige «Maman» mit ihren 17 Marmoreiern unter dem Leib der Inbegriff der Mütterlichkeit, eine Inkarnation ihrer eigenen Mutter, an der sie sehr hing. Warum aber ausgerechnet eine Spinne? Weil Spinnen ihre Freunde seien, weil ihre Mutter unter anderem klug, geduldig, vernünftig, feinsinnig, unersetzbar, ordentlich und nützlich wie eine Spinne gewesen sei und sich und ihre Tochter verteidigen konnte. Mit der Bedrohung war wohl der Vater gemeint, zu dem Louise Bourgois ein gestörtes Verhältnis hatte. Der Zürcher Spezialist für Kunstrecht Andreas Ritter schwärmt in seinem Artikel im «Weltwoche-Magazin» Nr. 4 von dem «wunderbaren» Kunstwerk am Bürkliplatz. Es sei «zum Shootingstar auf Zeit für Einheimische und Touristen, für Kenner und Laien» geworden: «Selten habe ich ein Werk soviel fotografiert gesehen». Und er wünscht sich inniglich, dass die Stadt den Geldsäckel öffnet, um der Bevölkerung die Spinne zurückzugeben.

Irgendwie erstaunlich ist es schon, dass dieses Monster die Herzen der Menschen im Sturm eroberte. Arachnophobie, die panische Angst vor Spinnen, ist weniger selten, als man denkt. Es soll Menschen geben, die nie ohne ein Insektizid in den Keller oder sonstwo hingehen, wo es Spinnen geben könnte. Es gibt jedoch auch solche, die sich von Spinnen und ihrem seidenen Faden einwickeln lassen und ihnen regelrecht verfallen. Dazu gehört zum Beispiel der Aargauer Biologe Rainer F. Foelix, dessen lange vergriffenes Buch «Biologie der Spinnen» endlich wieder in einer aktualisierten Neuauflage im Handel ist (Chimaira-Verlag). Es hatte mich Ende der 1980er Jahre, als ich mit dem Tierfotografen Max Meier ein Kinderbuch über dieses Thema schrieb, total fasziniert: gut und auch für Laien verständlich geschrieben und trotzdem wissenschaftlich fundiert. Natürlich hat mich auch Max mit seinen Bildern und Geschichten dazu auf den Geschmack gebracht. Noch gut in Erinnerung sind mir seine Erklärungen zu den fahrig gesponnenen, unvollkommenen Netzen: «Sie ist müde und alt geworden. Sie mag nicht mehr wie früher und wird bald sterben. Vielleicht ist sie aber auch schlecht ernährt und hat keine Kraft mehr…»

Schöne Radnetzbauerin, wo bist du?

Diesen Sommer habe ich bewusst nach Radnetzen Ausschau gehalten… und selten genug welche entdeckt. Ob im Wallis oder in Südfrankreich, das Ergebnis war etwa gleich schlecht. Ob es an der Hitze lag? Das kann ich mir nicht vorstellen. 1200px-Wespenspinne-w-
Es gibt zwei strategisch gute Stellen am Ufer des Eyrieux in der Ardèche, wo die schönen Wespenspinnen – sie war 2001 Spinne des Jahres – früher regelmäßig ihre Radnetze zwischen die Felsen klebten. Über die Funktion der für diese Art eingewobenen, charakteristischen Zickzackbänder ist sich die Fachwelt nicht im klaren: Dienen sie zur Tarnung oder Stabilisierung des Netzes? Jedenfalls ist es stabil genug, um damit auch größere und kräftige Insekten wie Heuschrecken, Bienen, Wespen oder Libellen zu erbeuten. Die Wespenspinne gilt in Deutschland und Österreich als «gegenwärtig nicht gefährdet», ja sogar als häufig (in der Schweiz gibt es noch keine Rote Liste für Spinnentiere). Wenn es jedoch an jenen Insekten mangelt, die auf ihrem Speiseplan stehen, ist guter Rat teuer. Möglicherweise wurde sie trotz ihres Wespenkostüms, das Vögeln den Appetit vergällen soll, intensiver bejagt als sonst, nach dem Motto: Vogel friss oder stirb. Ich bin gespannt, ob sie sich in der nächsten Saison wieder an ihren Lieblingsplätzen finden lässt.

SPÄTE EHRE FÜR DEN SPATZ

HaussperlingeDer Haussperling war 2002 der Vogel des Jahres in Deutschland, und 2015 wird ihm diese Ehre auch in der Schweiz zuteil. Das ist ein sicheres Zeichen, dass es mit ihm abwärts geht. Der ehemals nicht allseits beliebte Spatz erhält Seltenheitswert. Daran seien vor allem die fehlenden Nistmöglichkeiten im Siedlungsraum und der Rückgang der Insekten schuld. Die moderne Bauweise mit viel Glas und Beton (Schuhschachtel-Architektur) bietet Vögeln und Fledermäusen kaum mehr Unterschlüpfe. In der Schweiz sollen die Bestände der Haussperlinge in den letzten beiden Jahrzehnten um bis zu 40% zurückgegangen sein.

Füttern verboten!

Außerdem ist es noch gar nicht so lange her, als Vogelwarten bei Wintereinbruch dringend davor warnten, Spatzen zu füttern. Meisen, Rotkehlchen, Hausrotschwanz usw. durften, falls Schnee lag, ans Futterhäuschen, doch der Clochard unter den Vögeln verdiente ihrer Meinung nach diese Zuwendung nicht. Er galt als Konkurrenz der «wertvolleren» Singvögel und war den Ornithologen zu gewöhnlich. Abgesehen davon, dass diese Haltung nicht von großer Tierliebe spricht, erscheint mir die Umsetzung dieser Einteilung in Gut und Böse nicht ganz einfach zu sein. Wikipedia berichtet jedoch auf seiner hervorragenden Seite über den Haussperling von Futterhäuschen, die deutsche Naturschützer in den 1960er Jahren tatsächlich zu diesem Zweck unter den Namen «Spatznit» und «Kontraspatz» anboten! Wie das funktioniert, wird allerdings nicht erklärt…

Inzwischen findet ein Sinneswandel statt. Abgesehen davon, dass der «Dreckspatz» noch immer als unhygienisch und Überträger von diversen Krankheiten gilt, findet man im Internet eine Fülle von Tipps, wie und womit man junge und kranke Spatzen aufpäppeln kann. Zur Rettung der Sperlinge wird empfohlen, Magerwiesen anzusäen und Nistkästen für Höhlenbrüter aufzuhängen.

Kraftnahrung für den Nachwuchs

Die Nestlinge benötigen als Starthilfe möglichst eiweißreiche Nahrung in Form von Raupen und Insekten, die in Städten noch seltener sind als in Gartensiedlungen und bei Bauernhöfen. Später wird es einfacher, da sie vorwiegend vegetarisch von Körnern und mehr oder weniger allem leben, was sie finden und verdaulich ist. Weil sich die unscheinbaren  Anpassungskünstler auch in frisch gesäten Äckern und in Hühnerhöfen bedienten, wurden (und werden?) sie nicht selten mit Gift bekämpft. Erstaunlicherweise wird unsere kurzgeschnittene Wiese – Rasen kann man das beim besten Willen nicht nennen – täglich von einem Trupp Spatzen als Weideplatz aufgesucht. Auch eine Elster gesellt sich oft dazu und pickt eifrig nach Samen, nehme ich einmal an, die von der davorliegenden großen Magerwiese stammen. Und alle, nicht nur Truffo, mögen das Hundefutter aus gepufftem Mais.

Ob das Zufüttern den Spatzen längerfristig über die Runden hilft? Haussperlinge brüten bis zu viermal jährlich und ziehen jeweils fünf bis sechs Junge auf. Um die weit aufgerissenen, immer hungrigen Schnäbel mit Insekten zu füttern, müssen sie eine ansehnliche Menge suchen und erbeuten. Eine Illustration dazu ist das Foto eines Sperlings mit drei fetten, grünen Raupen im Schnabel vor dem Eingang zum Nistkasten (zu finden unter Haussperling Bild). Hoffentlich sind andere Spatzeneltern ebenso erfolgreich!