WENN SPINNEN NICHT MEHR RICHTIG SPINNEN

Spinnen gehören bekanntlich nicht zu den Sympathieträgern der Tierwelt. Selbst sonst «normale» Menschen können angesichts eines harmlosen, kleinen Achtbeiners ängstlich, ja geradezu hysterisch reagieren. Umso erstaunlicher ist die Bewunderung, welche die über neun Meter hohe Spinne von Louise Bourgois wDie Spinne von Louise Bourgeoiseltweit auslöst. Die Riesenskulptur war 2011 auch in der Schweiz unterwegs – von Basel, Bern und  Zürich bis nach Genf – und erhielt wie überall, wo sie sonst noch stand, einhelliges Lob.

Gebt uns die Spinne zurück!

Für die in Frankreich aufgewachsene Künstlerin (1911–2010) war die langbeinige «Maman» mit ihren 17 Marmoreiern unter dem Leib der Inbegriff der Mütterlichkeit, eine Inkarnation ihrer eigenen Mutter, an der sie sehr hing. Warum aber ausgerechnet eine Spinne? Weil Spinnen ihre Freunde seien, weil ihre Mutter unter anderem klug, geduldig, vernünftig, feinsinnig, unersetzbar, ordentlich und nützlich wie eine Spinne gewesen sei und sich und ihre Tochter verteidigen konnte. Mit der Bedrohung war wohl der Vater gemeint, zu dem Louise Bourgois ein gestörtes Verhältnis hatte. Der Zürcher Spezialist für Kunstrecht Andreas Ritter schwärmt in seinem Artikel im «Weltwoche-Magazin» Nr. 4 von dem «wunderbaren» Kunstwerk am Bürkliplatz. Es sei «zum Shootingstar auf Zeit für Einheimische und Touristen, für Kenner und Laien» geworden: «Selten habe ich ein Werk soviel fotografiert gesehen». Und er wünscht sich inniglich, dass die Stadt den Geldsäckel öffnet, um der Bevölkerung die Spinne zurückzugeben.

Irgendwie erstaunlich ist es schon, dass dieses Monster die Herzen der Menschen im Sturm eroberte. Arachnophobie, die panische Angst vor Spinnen, ist weniger selten, als man denkt. Es soll Menschen geben, die nie ohne ein Insektizid in den Keller oder sonstwo hingehen, wo es Spinnen geben könnte. Es gibt jedoch auch solche, die sich von Spinnen und ihrem seidenen Faden einwickeln lassen und ihnen regelrecht verfallen. Dazu gehört zum Beispiel der Aargauer Biologe Rainer F. Foelix, dessen lange vergriffenes Buch «Biologie der Spinnen» endlich wieder in einer aktualisierten Neuauflage im Handel ist (Chimaira-Verlag). Es hatte mich Ende der 1980er Jahre, als ich mit dem Tierfotografen Max Meier ein Kinderbuch über dieses Thema schrieb, total fasziniert: gut und auch für Laien verständlich geschrieben und trotzdem wissenschaftlich fundiert. Natürlich hat mich auch Max mit seinen Bildern und Geschichten dazu auf den Geschmack gebracht. Noch gut in Erinnerung sind mir seine Erklärungen zu den fahrig gesponnenen, unvollkommenen Netzen: «Sie ist müde und alt geworden. Sie mag nicht mehr wie früher und wird bald sterben. Vielleicht ist sie aber auch schlecht ernährt und hat keine Kraft mehr…»

Schöne Radnetzbauerin, wo bist du?

Diesen Sommer habe ich bewusst nach Radnetzen Ausschau gehalten… und selten genug welche entdeckt. Ob im Wallis oder in Südfrankreich, das Ergebnis war etwa gleich schlecht. Ob es an der Hitze lag? Das kann ich mir nicht vorstellen. 1200px-Wespenspinne-w-
Es gibt zwei strategisch gute Stellen am Ufer des Eyrieux in der Ardèche, wo die schönen Wespenspinnen – sie war 2001 Spinne des Jahres – früher regelmäßig ihre Radnetze zwischen die Felsen klebten. Über die Funktion der für diese Art eingewobenen, charakteristischen Zickzackbänder ist sich die Fachwelt nicht im klaren: Dienen sie zur Tarnung oder Stabilisierung des Netzes? Jedenfalls ist es stabil genug, um damit auch größere und kräftige Insekten wie Heuschrecken, Bienen, Wespen oder Libellen zu erbeuten. Die Wespenspinne gilt in Deutschland und Österreich als «gegenwärtig nicht gefährdet», ja sogar als häufig (in der Schweiz gibt es noch keine Rote Liste für Spinnentiere). Wenn es jedoch an jenen Insekten mangelt, die auf ihrem Speiseplan stehen, ist guter Rat teuer. Möglicherweise wurde sie trotz ihres Wespenkostüms, das Vögeln den Appetit vergällen soll, intensiver bejagt als sonst, nach dem Motto: Vogel friss oder stirb. Ich bin gespannt, ob sie sich in der nächsten Saison wieder an ihren Lieblingsplätzen finden lässt.

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