BRAUCHT DIE OECD NACHHILFEUNTERRICHT?

 

Seit der Entomologische Verein von Krefeld diesen Sommer das Ergebnis seiner während der letzten 30 Jahre durchgeführten Untersuchung veröffentlicht hat, ist der Insektenschwund in die Schlagzeilen gerückt. Die Medien haben dem dramatischen Rückgang von Fluginsekten in diesem Zeitraum um rund 80 Prozent zu Recht viel Platz eingeräumt. Dieses Resultat ist umso alarmierender, als die Daten ausschließlich in Schutzgebieten gesammelt wurden. Was einige bereits seit längerem in vielen europäischen Ländern, aber auch in China und den USA festgestellt hatten, jedoch nicht beweisen konnten, ist nun eine mit 1500 Proben belegte Tatsache. Die Aufmerksamkeit, die jetzt dieser Naturkatastrophe geschenkt worden ist, lässt jedoch hoffen, dass Initiativen ergriffen werden, um dem Übel zu Leibe zu rücken.  Gewiss sind Auswilderung und Monitoring von Bartgeier, Luchs & Co. weniger mühselig und für die Biologen eindeutig spannender, als dem Aussterben von zum Teil unscheinbaren Insekten auf den Grund zu gehen. Deren ökologische Bedeutung übertrifft jedoch jene der attraktiven «Großen» bei weitem.

Die Schweiz am Pranger
Unlängst war es der Menschenrechtsrat der Uno, der die Schweiz maßregelte. Kurz darauf teilte die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) unserem Land in Sachen Umweltschutz miserable Noten aus. Nachholbedarf gebe es zum Beispiel beim Erhalt der Artenvielfalt, bei den Schutzgebieten (zu wenige, schlecht vernetzt), der Landwirtschaft  (zu viele Pestizide), der Wasserkraft (zu geringe Restwassermengen). Mit ihren 6,2% sei die Schweiz weit davon entfernt, bis 2020 die weltweit vereinbarten 17% der Landesfläche unter Schutz zu stellen. Zudem gebe es verglichen mit den übrigen Ländern viel zu wenig geschützte Wälder.

Was die Pestizide betrifft, scheint die OECD nicht ganz falsch zu liegen, wenn man sich in Wikipedia umschaut. Denkt man jedoch an die riesigen Ackerflächen, wie sie z.B. in Deutschland oder Frankreich häufig sind, kommt einem die kleinräumige, gebirgige Schweiz dagegen eher «harmlos» vor. Ausserdem werden unsere Landwirte durch zahlreiche Auflagen gezwungen sowie durch finanzielle Anreize motiviert, mit Hecken, Steinhaufen und Ähnlichem die Biodiversität zu fördern.

Die Forderung nach mehr Schutzgebieten wiederum mag rein zahlenmäßig berechtigt sein. Ein Blick auf die Landkarte genügt jedoch, um zu sehen, dass wir in den Alpen, Voralpen und dem Jura mit Naturlandschaften reich gesegnet sind, und dies trotz des von der OECD beklagten Tourismus. Wesentlich größer ist die Gefahr, dass die Schweizer Landschaft von den Windturbinenanlagen zerstört wird, die an 159 Standorten, auch in Schutzgebieten, geplant sind! – Beim Wald wiederum liegen die Kritiker eindeutig falsch: Es gab in der Schweiz während einigen Jahrhunderten nie mehr so viel Wald und Totholz wie heute. Und auf die Biodiversität wirkt sich ein unbewirtschafteter Forst erwiesenermaßen nicht positiv aus. Doch lassen wir den Fachmann sprechen…

Mehr Natur in Wald und Rebberg
Der Walliser Biologe Antoine Sierro hat im Jahr 2000 als Mitarbeiter der Vogelwarte Sempach ein Projekt mit dem Ziel gestartet, die Vielfalt und Anzahl der Brutvögel in den Rebbergen zu erhöhen. Er überzeugte hundert Winzer, in ihren Rebbergen Büsche und Bäume zu pflanzen, die Böden stärker zu begrünen und weniger Pflanzen- und Insektenvernichtungsmittel einzusetzen. Sie machten mit, und zwölf Jahre später brüteten bereits 40% mehr Vögel in den Weinbergen, darunter auch seltene Arten. Im soeben erschienenen Wallis-Sonderheft VINUM berichtet er über diese erfolgreiche Zusammenarbeit. Hier einige Zitate zum Thema Insekten und Wald: «Im Rahmen meiner selbständigen Tätigkeit als Biologe beschäftigte ich mich auch mit Schmetterlingen, insbesondere mit dem in der Schweiz sehr seltenen Blasenstrauch-Bläuling. Seit 2000 versuchte ich die Winzer davon zu überzeugen, Blasensträucher für diese Schmetterlingsart zu pflanzen. Der Strauch, in dessen Samenkapseln die Bläuling-Raupe lebt, meidet Wälder und wächst hauptsächlich am Saum von Rebfeldern. Der seltene, sehr empfindliche und dabei wunderschöne Bläuling ist gewissermaßen der Cornalin unter den Schmetterlingen.»

«Der Wald kehrt überall in der Schweiz zurück, vor allem auf Kosten der Wiesen und Bergalpen. Allerdings wird der Wald heute nicht mehr für Brennholz genutzt, und auch Waldbrände kommen heute viel seltener vor, so dass er immer dichter wird und sich für zahlreiche Arten, die Helligkeit oder Lichtungen brauchen, nicht mehr als Lebensraum eignet.» Erstarrt die Natur, wenn der Mensch nicht genügend eingreift? «Na ja, fast… Sie haben bestimmt von dem Brand gehört, der 2003 in Leuk rund 310 Hektaren Wald zerstörte. Die Bewohner dieser Region empfanden dies als Katastrophe, doch für die Natur generell und insbesondere die Vögel stellte dieser Waldbrand eine einmalige Chance dar. Ich verfolgte die Entwicklung für die Vogelwarte. Dabei stellten wir fest, dass mehrere seltene Arten, etwa der Steinrötel, wieder zurückkehrten. Die Schmetterlingspopulation explodierte regelrecht, vor allem der Segelfalter breitete sich wieder aus. Im Bewusstsein der Menschen gilt der Wald als unantastbar, doch nach einem Waldbrand können sich zahlreiche Pionierpflanzen ansiedeln. Die Natur bietet unzählige Schattierungen, doch lässt sich das oft nur schwer vermitteln.» Diese nicht ganz neue Erkenntnis sollte den Fachleuten der OECD eigentlich ebenfalls bekannt sein.

PS: Bundeskanzlerin Merkel, die sich jetzt so sehr über ihren Landwirtschaftsminister aufregt, hatte Ende Juni 2017 am Bauerntag den Landwirten hoch und heilig versprochen, sich für die Verwendung von Glyphosat einzusetzen.

 

 

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SIE EROBERN DIE STÄDTE

Auch in der Ardèche ist dieser Sommer ausgesprochen heiß und lähmend. Es regnet kaum, Teiche und Bäche trocknen aus, und die Flüsse sind stellenweise zu Rinnsalen geschrumpft. Die Feuerwehr ist in erhöhter Alarmbereitschaft, da jeder weggeschmissene Zigarettenstummel einen Waldbrand auslösen kann. Mitte August sehen die Wälder bereits sehr herbstlich aus: Zahlreiche Laubbäume sind verdorrt, und die von den Buchsbaumzünslern heimgesuchten Büsche vermitteln ein tristes Bild. Die großen Ferien neigen sich dem Ende zu, und man versucht, sich von der Bruthitze nicht unterkriegen zu lassen. Zum Beispiel, indem man auf eine der vielen Restaurantterrassen flüchtet.

«Ich liebe Bienen, aber…»
In Privas, dem Hauptort des Departements Ardèche, ist man allerdings auch dort nicht mehr sicher. Seit Anfang August werden die Terrassen im Stadtzentrum täglich ab elf Uhr bis zum Einbruch der Dämmerung von Bienenschwärmen heimgesucht. Sobald etwas Zuckerhaltiges auf den Tisch kommt, sei dies ein Süßgetränk, eine Glace oder ein Kaffee, stürzen sie sich darauf. Die Wirte versuchen, die ungebetenen Gäste mit den verschiedensten Mitteln wie Gewürznelken, ätherischen Ölen oder Sirup auf den Tischen und unter den Bäumen abzulenken. Mehr oder weniger vergeblich. Gäste und Mitarbeiter werden gestochen, und wer allergisch ist, hat Pech gehabt. Genauso wie die Kinder, die auf Bienengift ebenfalls empfindlich reagieren…

Die betroffenen Restaurateure sind verzweifelt. Einer meint sogar: «Man muss eine Petition unterzeichnen. Ich liebe Bienen und bin mir bewusst, dass man sie nicht töten sollte. Aber jetzt reicht es, wir halten es nicht mehr aus!» Ein anderer ist mit den Nerven am Ende: «Ich öffne die Bar, und schon zehn Minuten später sind sie über alles hergefallen. Würde es sich um einen Bienenschwarm mit einer jungen Königin handeln, wäre es nicht so schlimm, den könnte ein Imker einfangen. Doch hier sind es einfach ausgehungerte Arbeitsbienen, und das ist ein echtes Problem.»

Dieser Meinung ist auch der Imker Denis Barbier. Er erklärt das Phänomen der «Stadtbienen» mit dem Wassermangel, der Bruthitze und vor allem dem Mangel an Blumen. Normalerweise entferne sich eine Biene nie weiter als drei Kilometer von ihrem Stock. Weiter fliege sie nur, wenn sie ausgehungert sei. «Die Besitzer ernähren sie offensichtlich jetzt im Sommer nicht, so dass sie auf der Suche nach Nahrung sind. Es ist aber auch möglich, dass es sich um Bienen von Völkern handelt, die auf den Hausdächern oder Balkonen gehalten werden.» Und was kann man nun dagegen tun? Denis Barbier insistiert: «Vor allem soll man sie nicht töten, sondern es mit Sirup gefüllten Schalen versuchen, die man genügend weit von den Tischen entfernt plaziert.» Denn ohne diese Bestäuber gebe es auch keine Früchte und Gemüse mehr. Das wäre eine Katastrophe. Dann müssten wie in China Hunderte von «Menschen-Bienen» mit Pinseln Blüte um Blüte bestäuben. Zu den Nützlingen unter den Bestäubern gehören übrigens nicht nur die Bienen, sondern auch die Hummeln sowie die ungeliebten Wespen und Hornissen, deren Nester deshalb nur im Notfall vernichtet werden sollten.

Zikaden-Sound in der City
Jetzt kommt eine positive Nachricht: Auch die Singzikaden erobern die Städte. Und dies nicht nur in der Provence, die als deren legendäre Heimat gilt. Sie kommen in mehreren Unterarten in ganz Frankreich und selbstverständlich auch in den übrigen südlichen Ländern Europas sowie in den wärmeren Gegenden der Schweiz, Deutschlands und Österreichs vor. Wieso zieht es Zikaden vom Land in die urbanen Lebensräume? Joseph Jacquin-Porretaz, Biologe und Direktor des Insektenzentrums Naturoptère in Sérignan-du-Comtat (von dieser Institution war bereits in einem früheren Blog in Zusammenhang mit Jean-Henri Fabre die Rede), erklärt sich dieses Phänomen folgendermaßen: Erstens würden weniger Pestizide verwendet, und zweitens gebe es in den Städten mehr und mehr Grünzonen.

Extreme Sommerhitze kann sich allerdings auch auf die Zikadenpopulationen des Südens negativ auswirken. Die Larven leben ein bis mehrere Jahre lang im Boden (den Weltrekord hält die im Nordosten der USA lebende Art Magicicada septendecim mit sagenhaften 17 Jahren). Dem Vollinsekt bleiben dann nur noch drei bis vier Wochen, um sich fortzupflanzen. Laut dem Experten Jacquin-Porretaz wird es in den nächsten Jahren viel weniger Zikaden geben, da sie sich wegen der Trockenheit nicht entwickeln konnten. Ganz abgesehen von den Waldbränden, bei denen die Humusschicht samt den darin lebenden Larven verbrannt wird. (Quelle: «Le Dauphiné libéré» vom 9. und 15. August 2017).

Und wo bleibt die Nachtigall?
Der «Gesang» der Zikaden, eigentlich ist es ein Trommeln, wird also seltener. Genauso wie der wunderschöne Gesang der Nachtigall, die im Vallée de l’Eyrieux noch bis vor wenigen Jahren entlang dem Fluss zu hören war. Ihr Verschwinden wird auch vom deutschen Naturschutzbund beklagt. Der NABU führt den Rückgang auf den Verlust von Brutmöglichkeiten zurück. Da die «Königin der Nacht» vorwiegend von Insekten, Larven und Spinnen lebt, könnte meiner Meinung nach nicht zuletzt auch Nahrungsmangel eine Ursache dafür sein.

 

 

 

SPINNER NEHMEN ÜBERHAND…!

… Und was für die Politik gilt, wird auch im Tal des Eyrieux in der Ardèche bittere Realität. Der Buchsbaumzünsler hat das Regiment übernommen. Die im Grunde genommen hübsche Raupe frisst sich mit ungezügeltem Appetit durch die grossen Buchsbestände der Wälder. Abertausende spinnen die eigentlich immergrünen Büsche ein und verwandeln sie innert kürzester Zeit in fahlbraune Gerippe mit dürrem Laub. Zwar meinen manche, dass sich die Buchsbäume wieder erholen werden, wenn der Zünsler verschwunden ist. Aber ob er das tut, solange noch irgendwo etwas Fressbares zu finden ist…?

Die Raupen seilen sich an ihren Spinnfäden ab, lassen sich durch den Wind verfrachten und landen nicht selten auf den Menschen und Tieren in ihrem Territorium. Raupen und Spinnfäden in den Haaren, auf dem T-Shirt, im Gesicht. Es ist deshalb verständlich, dass die Leute es eigenartig finden, wenn man sie auf den Insektenschwund in ihrer Gegend anspricht. Dennoch: Ungeachtet der  Zünslerinvasion ist es eine traurige Tatsache, dass selbst in dieser naturnahen Region immer weniger Falter, Bienen, Wespen, Käfer und Heuschrecken zu finden sind. Entsprechend rar machen sich die Fledermäuse, Schwalben und Eidechsen. Auch gesunde, fette Spinnen kriegt man kaum mehr zu Gesicht.

Früher war auch in der Drôme einiges besser
Dass der Süden Frankreichs vor noch nicht allzu langer Zeit ein Dorado für Insekten und alle von ihnen abhängigen Tiere war, bestätigte Christoph Meckel in seinem 1997 erschienenen Buch «Ein unbekannter Mensch». Der 1935 in Berlin geborene Schriftsteller und Grafiker lebte lange Zeit im Dorf Rémuzat (im Buch Villededon genannt) in der östlichen Drôme, das er folgendermaßen beschreibt: «Das Dorf ist nicht sehenswert, eine einfache Ortschaft, fünfhundert Meter hoch zwischen Felsen und Marnen, Steilhängen mit Bergeichen, Ginster und Zedern, am Zusammenlauf zweier Flüsse aus Nord und Ost, verwilderten Wasserbetten voll Kies und Geäst, die im Winter Ströme, im Sommer Rinnsale sind.» Im Mittelpunkt des schmalen, aber für alle Liebhaber des ländlichen Frankreich lesenswerten Bandes stehen die Menschen, die hier lebten. Die Tierwelt dieser Gegend kommt jedoch auch zu ihrem Recht. «… Schwalben und Mauersegler bauen Nester am Haus, und im Gras die Katze erwartet den Tag, wenn ein junger Vogel herunterfällt, auf dem ersten Flugversuch zwischen Nest und Baum. Die heißen Wochen des Sommers sind leer und still, nur die Fledermaus schwirrt durch die Höfe im Zwielicht, Eule und Käuzchen rufen in der Nacht. Nach dem zehnten September sammeln sich die Schwalben, kreisen und gleiten in Schwärmen über den Hängen und sind eines Morgens nicht mehr da. (…) Die Nachtluft flimmert von Glühwürmchen, Faltern, Fliegen, Moskitos und Motten.»

In Gärten und Parks wird verbissen gekämpft
Ja, so oder ähnlich haben wir es auch bei uns in der Ardèche erlebt. Ob der neue Umweltminister und populäre TV-Star Nicolas Hulot diese paradiesischen Zustände wiederherstellen kann? Er nimmt unter anderem die Pestizide ins Visier, um dem Bienensterben Einhalt zu gebieten, und kämpft dabei gegen die Vorstellungen des Agrarministers. Einfach wird er es wohl nicht haben, darin sind sich auch seine Parteifreunde einig.

In den häufig nur schwer zugänglichen Wäldern der Ardèche bleiben die Buchsbaumzünsler von Vernichtungsaktionen unbehelligt. Anders sieht es in den Gärten und Parks aus, in denen Buchs zu den beliebtesten Gewächsen gehört, da er sich fast beliebig zu Hecken, Kugeln und fantasievollen Figuren trimmen lässt. Es gibt wohl keinen Schlossgärtner in Frankreich, der etwas auf sich hält, der freiwillig auf den Buchs im Park verzichtet. Selbst ökologisch verantwortungsbewusste Hobbygärtnerinnen und -gärtner, die es zuerst mit dem Ablesen der Raupen versuchen oder ihnen mit dem Hochdruckreiniger zu Leibe rücken, greifen schließlich zu den empfohlenen Pestiziden, um das Schlimmste zu verhindern. Und einmal spritzen genügt nicht, die Prozedur muss mehrmals wiederholt werden, damit sie etwas nützt. Auch in diesem Fall wird der Beelzebub mit dem Teufel ausgetrieben, denn diese Mittel sind erwiesenermaßen auch für Bienen und andere Insekten schädlich bzw. tödlich. Monsieur Hulot geht die Arbeit nicht aus!

Zum Abschluss noch eine Feststellung von Maarten Bijleveld van Leexmond, dem 77jährigen holländischen Biologen, Gründer des WWF Niederlande und des Papiliorama im westschweizerischen Marin, der ein Haus im Hérault besitzt: «Es war Mitte der 2000er Jahre. Eines Tages, als ich in der Garrigue spazieren ging, fragte ich mich, wo die Insekten geblieben sind. Es schien mir, dass es viel weniger gab als früher. Und ich realisierte, dass immer weniger an der Frontscheibe und dem Kühlergrill des Autos klebten, sozusagen keine mehr.» In der Folge tat er sich mit einem Dutzend Entomologen zusammen, deren Nachforschungen und Beobachtungen bestätigten, dass der Insektenbestand seit den 1990er Jahren zurückgegangen ist. Ihrer Ansicht nach  ist das Bienensterben nur der sichtbarste Teil dieses Phänomens, das für das ganze Ökosystem gilt. Mehr darüber demnächst!

AUGENWEIDEN UND BIENENFREUNDLICHE BAUERN

Das Schweizer Stimmvolk hat das Energiegesetz angenommen, und es bleibt nur noch die Hoffnung, dass trotzdem Wege und Mittel gefunden werden, um in Sachen Windturbinen das Schlimmste zu verhüten. Elias Meier vom Verband Freie Landschaft Schweiz verspricht, am Ball zu bleiben (elias.meier@freie-landschaft.ch).

Pfingsten ist wie üblich launisch, was Gelegenheit zum Schmökern in Zeitungen, Magazinen und alten Büchern bietet. Es muss ja nicht immer nur Trump, Putin und Macron sein.

Hohe Zeit der Blumenwiesen
Die unter Naturschutz stehende Klappertopfwiese vor der Haustür blüht dank Einsprengseln von Klatschmohn, Wiesensalbei, Esparsetten und Margeriten farbenfroh. Auch in der Höhe geht es auf den Weiden momentan bunt zu und her. Besonders eindrucksvoll war der gestrige Kurzausflug zwischen zwei Regengüssen zum Tzeusier-Stausee über Ayent VS, wo die Alpen- und Schwefelanemonen mit dem kleinen Frühlingsenzian und dem kräftigeren Stengellosen Enzian dichte Bestände bilden. Eine echte Augenweide!

Stefan Eggenberger, Leiter des nationalen Daten- und Informationszentrums für Wildpflanzen Info Flora, bedauert, dass solche Wiesen in der Schweiz immer seltener und sogar in den Alpen schleichend durch sattgelbe, jedoch eintönige Löwenzahnflächen ersetzt werden. Biodiversität sieht anders aus! «Erst so realisiert man, dass etwas nicht in Ordnung ist mit unserem Naturkapital. Oder denken Sie an die 1960er Jahre zurück: Nach einer Autofahrt klebten überall Insekten an der Windschutzscheibe. Heute sind wir schneller und mehr unterwegs, aber die Autos sind fast sauber. Wo sind nur all die Insekten geblieben?»

Und was ist seiner Ansicht nach die Ursache für den erschreckenden Rückgang der Artenvielfalt ? «Eines der größten Probleme ist unsachgemäßer Stickstoffeinsatz in der Landwirtschaft. Das Ammoniak, das aus der Gülle in die Luft entweicht, gelangt flächendeckend auch in sensible Lebensräume. Diese Düngung führt dazu, dass die natürlichen Standortunterschiede verschwimmen.» Die Folge sei die Banalisierung der Landschaft durch die Ausbreitung nährstoffliebender Pflanzen wie Löwenzahn.

Insekten gibt es auch dieses Jahr auf unserer Bilderbuch-Magerwiese am Montorge-See oberhalb von Sion wiederum sehr wenige. Jede Hummel, jeder Schmetterling, ja sogar jede Biene oder Fliege ist ein Ereignis. Es ist zudem das erste Mal, dass auf der Terrasse keine Mauereidechsen zu sehen sind. Wovon sollten diese Insektenjäger denn auch leben? (Quelle: «NZZ» vom 2.6.2017; www.infoflora.ch).

Dass neben dem Dünger auch die Pestizide reduziert werden müssen, wissen auch unsere Landwirte und Winzer. In den letzten zwei, drei Wochen sind die Helikopter bereits morgens um sechs Uhr losgedonnert, um die Reben zu spritzen. In einem «Blick»-Video kommentiert ein Weinbauer aus Fully das Prozedere und meint, man gebe sich im allgemeinen Mühe, weniger und umweltfreundlichere Pflanzenschutzmittel einzusetzen. Störend finde er hingegen, dass nicht die Winzer die Spritzpläne erstellen, sondern die Produzenten bzw. Händler der Pestizide. Das ist allerdings erstaunlich…

Bienenfreundlicher Aargau
Im Kanton Aargau will man das alarmierende Bienensterben mit einem sogenannten Ressourcenprojekt in Zusammenarbeit mit den Landwirten und Winzern gezielt bekämpfen. Durch zahlreiche Maßnahmen, die den Bauern einiges abfordern, wofür sie jedoch durch finanzielle Beiträge relativ großzügig entschädigt werden, sollen Honig- und Wildbienen geschützt und gefördert werden.

Laut «NZZ» haben sich in den ersten fünf Monaten 250 im Kanton Aargau ansässige Bauern zum Mitmachen entschlossen. Sie verpflichten sich, die strikten Mäh- und Spritzvorschriften einzuhalten, legen Kleinstrukturen an (Holz-, Sand-, Erd- und Steinhaufen), lassen Brachen mit Wildblütenpflanzen stehen, schaffen Tümpel, besuchen Weiterbildungskurse usw. Die ausführliche Beschreibung des ehrgeizigen Projekts «Bienenfreundliche Landwirtschaft im Kanton Aargau» findet man unter www.agrofutura.ch.

Meiner treuen «Followerin», Imkerin und Kommunikationsfachfrau in Österreich geht es übrigens nicht besser als unseren Schweizer Bienenhaltern. In ihrem neusten Blog klagt sie: «Meine traurige Bilanz: 75% Verlust im Winter 2016/17. Die Hälfte meiner Völker war bereits im Herbst sehr schwach, und die zusätzliche Varroa-Behandlung hat ihnen leider den Rest gegeben. Hinzu kommt, dass sie auf Grund der Rückkehr des Winters im Februar viel Hunger leiden mussten.» Beides habe dazu geführt, dass sie Anfang März drei tote Völker vorgefunden habe. Mehr dazu gibt’s unter www.honigsuess.com zu erfahren.

WAHNSINN WINDKRAFT

Die Franzosen haben gewählt. Die meisten aus dem linken Lager haben sich zähneknirschend für Macron entschieden, so auch in unserem Freundes- und Bekanntenkreis. Fast wäre es ihnen lieber gewesen, mit einem sozialistischen Kapitän ihr Wirtschaftsboot kentern zu lassen, als das Steuer einem Ex-Banker zu übergeben, mag er noch so clever, sympathisch und gutaussehend sein. Zum Glück hat die Vernunft schließlich doch gesiegt, und der FN-Kelch ist – wenigstens die nächsten fünf Jahre – an uns vorbeigegangen…

Windräder um jeden Preis?
Den Schweizern steht am 21. Mai ein Urnengang bevor, der es ebenfalls in sich hat. Das Energie-Paket 2050, über das abgestimmt wird, enthält bestimmt einige positive Aspekte. Dazu gehört jedoch der vorgesehene massive Ausbau der Windenergie meiner Meinung nach eindeutig nicht. Für einen vernachlässigbaren Anteil von je nach Quelle 2 bis 7% des gesamten Stromverbrauchs sollen bis zu 1000 Windräder unsere Landschaft verunstalten. «Elegant» findet Bundesrätin Leuthard diese bis zu 150 Meter hohen Rotoren. Ich kann mir denken, dass die meisten Menschen, die das Pech haben, in unmittelbarer Nähe eines Windparks zu wohnen, auf dieses ästhetische Geschenk gerne verzichten würden. Und sind sie einmal da, werden sie nicht so schnell wieder entfernt, denn der Abbau dieser Riesen ist nicht ganz einfach und geht ins Geld.

Erstaunlich ist, wie zurückhaltend die Schweizer Umweltorganisationen auf dieses Problem reagieren. Pro Natura, WWF, Greenpeace und sogar der Schweizer Vogelschutz/BirdLife Schweiz und die Stiftung Fledermausschutz propagieren die Ja-Parole oder schweigen zu diesem Thema. Und dies, obwohl die Nachteile gerade für die fliegende Tierwelt schwerwiegend sind. Nur ein paar Beispiele:

– In Deutschland sollen jedes Jahr 12’000 Mäusebussarde in die Rotorblätter fliegen und getötet werden.

– Auch kleine Vögel, die nachts gegen Süden oder Norden ziehen, sind höchst gefährdet. Da Windparks auch auf Alpenpässen stehen oder geplant sind, über die der Vogelzug stattfindet, sind das regelrechte Todesfallen. Laut einer Hochrechnung auf der Basis einer Studie der Vogelwarte Sempach können 1000 Windturbinen pro Jahr 40’000 bis 100’000 Vögel erschlagen.

– Vögel brüten im Bereich von Windparks nicht und nutzen deren Umfeld laut einem Bericht der Vogelwarte allgemein weniger: «Solche Stresssituationen können bei Wintergästen oder rastenden Zugvögeln zu einer physischen Schwächung führen, was geringere Überlebenschancen haben könnte.»

– Fledermäuse werden häufig von Windrädern erschlagen, ihr Radarsystem schützt sie offenbar nicht (immer) davor. Der Grund dafür, dass sie in der Nähe der Windturbinen jagen, sollen die Insektenschwärme sein, die von deren Wärme angezogen werden. Zur Erinnerung: Alle Fledermäuse sind in der Schweiz geschützt.

– Imker berichten, dass sich ihre Bienen im Bereich von Windparks «gestört» verhalten und wenig oder gar keine Pollen einbringen. Auch Wildbienen sollen Gebiete meiden, die von Windrädern beeinflusst sind.

Außerdem: Für ein Windrad, dessen Statik nach zwanzig Jahren ausgedient hat, werden 1500 Tonnen Beton und 900 Tonnen Stahl verbaut. Kostenpunkt: 5 bis 7 Mio. CHF. Dazu kommt der Abbruch. Wo bleibt da die Wirtschaftlichkeit und die Rechnung mit der grauen Energie?

Direkte Demokratie adieu!
In den älteren und jüngeren Stellungnahmen der Umweltorganisationen wird immer wieder betont, dass «auf Windräder in naturnahen Gebieten verzichtet werden soll» (BirdLife). Doch was ist eigentlich naturnah? Gilt das bloß für Naturschutzgebiete oder auch für Landschaften, die man einfach als schön und natürlich empfindet? Dann wären Alpenpässe, Jurahöhen, Flusstäler und Weideland mit Hecken und alten Obstbäumen für Windpärke tabu. Und in der Nähe von Siedlungen möchte man sie ja bekanntlich auch nicht haben, vor allem wenn man selbst dort wohnt.

Auf der Anhöhe über dem Dorf Gluiras in der Ardèche sollte ein Windpark errichtet und damit auch die Gemeindekasse gefüllt werden. Eine Schweizerin, die seit längerem dort lebt, kämpfte gegen dieses Projekt und überzeugte schließlich die Mehrheit der Einwohner. Fazit: Der Windpark wurde an der Urne abgelehnt, die sanften Hügel bleiben ein Paradies für Ziegen und Schafe.

Diese Möglichkeit haben wir Schweizer, die wir uns so gerne unserer einzigartigen direkten Demokratie rühmen, nach der Annahme der Energiestrategie 2050 nicht mehr. Falls der Bund den Nachweis erbringen kann oder will, dass es einen Windpark braucht, ist dieses Instrument wirkungslos. Elias Meier, Präsident des Verbands Freie Landschaft Schweiz (www.freie-landschaft.ch): «In der Realität heißt das, dass die Anwohner kaum mehr Einsprache erheben können, wenn sie sich gegen ein geplantes Projekt wehren wollen.» Er ist 21 und hat sich durch seinen Kampf gegen die Umweltzerstörung durch Windräder einen Namen gemacht. Er und die kommenden Generationen müssen mit und in einer Schweiz leben, die durch Kurzsichtigkeit oder auch Geldgier entstellt wurde. Wollen wir das? Können wir das verantworten?

 

UND WO BLEIBEN DIE FRÖSCHE?

Es blüht und sprießt, pfeift und jubiliert allenthalben. Der Frühling kommt nun wirklich mit Macht, und obwohl man von den politischen Machtdemonstrationen einiger Herren mehr als genug hat, lässt man es sich vom Lenz gerne gefallen. Am Montorge bei Sion stehen die Mandel- und Kirschbäume im Blust, die Hänge sind voller Berganemonen, der Wald schmückt sich mit Leberblümchen, und entlang der Suone schießt die Färberwaid in die Höhe. Es fehlt eigentlich nichts zum Glück. Außer den Grasfröschen und Erdkröten, die sich dieses Jahr rar machen.

Ohne Insekten keine Frösche
Das Rhonetal war früher ein einziges Amphibienparadies. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten aus mancherlei Gründen geändert. Die Trockenlegung zahlreicher Teiche und Weiher in der Ebene, die Erweiterung des Straßennetzes und Insektizide werden als die wichtigsten genannt. Laut dem Walliser Biologen Pierre-Alain Oggier ist der Grasfrosch jedoch erstaunlich berggängig und wurde sogar im Riffelsee oberhalb von Zermatt auf 2757 m ü.M. gesichtet. Ob es dort Nachwuchs gibt, ist nicht erwiesen, aber im See von Morgins, auf 1366 m, war sein Brutgeschäft erfolgreich: 1985 wurden dort rund tausend Grasfrösche gezählt. Grasfrösche sind sehr anpassungsfähig und vollbringen bei ihrer Wanderung zum Laichplatz eine beeindruckende Leistung. Ihr Ziel ist der Weiher, in dem sie aus dem Ei geschlüpft waren und sich zum Fröschlein entwickelt hatten.

Eigentlich sollte im kleinen Lac de Montorge und den umliegenden Tümpeln momentan Hochbetrieb herrschen. Die meteorologischen Verhältnisse sind ideal: Es hat mehrmals geregnet bei milden, frühlingshaften Temperaturen. Dennoch sieht und hört man nur ein paar vereinzelte Tiere, und auch die Laichklumpen sind rar. Dasselbe gilt für die Erdkröten, die noch vor dreißig Jahren im Wallis bis auf eine Höhe von 1500 m in zum Teil bemerkenswert großen Populationen vorkamen. Wenn es jedoch so wenig Insekten gibt wie letztes Jahr, ist es nicht erstaunlich, dass die Bestände der Frösche und Erdkröten schrumpfen.

Damit wären wir wieder einmal bei den Pestiziden. Migros und Coop haben beschlossen, ihren Gemüse- und Obstlieferanten in dieser Beziehung noch genauer auf die Finger zu schauen. Dadurch sollen nicht nur die Konsumenten, sondern auch die Arbeiter und die Umwelt geschont werden. Für die Tierwelt ist das eine gute Nachricht. Die beiden Großverteiler halten sich dabei an die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO. Für das Bundesamt für Landwirtschaft geht das jedoch zu weit. Man halte sich vorläufig an die bestehenden eidgenössischen Vorschriften. Neuste amerikanische Studien über Neonicotinoide deuten übrigens darauf hin, dass diese Stoffe nicht nur Bienen und andere Insekten schädigen, sondern sich auch auf das menschliche Gehirn negativ auswirken könnten.

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!
Die Schweiz rühmt sich, wo sie kann, ihrer wunderschönen Landschaft, die Touristen aus allen Ecken der Welt anlocken soll. Der Tourismus ist denn auch für unser Land ein enorm wichtiges Standbein, selbst wenn es hier und dort etwas schwächelt. Zermatt, Verbier, St. Moritz, Gstaad sind die Highlights, aber auch die übrigen Alpentäler und der Jura werden von den Ausländern und Einheimischen geliebt, weil hier die Welt noch einigermaßen intakt wirkt.

Und nun will unser Bundesrat dieses Juwel mit Windturbinen zerstören. Der Gewinn an «sauberer» Energie ist lächerlich gering, das ficht jedoch unsere Regierung nicht an.

Der Verband «Freie Landschaft Schweiz» versucht, diesen Irrsinn abzuwenden: «1000 Windkraftwerke sind nötig, um das Ziel der Energiestrategie 2050 von 4.3 Terawattstunden Windstromproduktion zu erreichen. Nur gerade 6% wären so durch die Windkraft gedeckt. (…) Die Windturbinen bringen einen gravierenden Schaden für die am meisten geschützten und bekannten Landschaften unseres Landes. Gemäß den kürzlich veröffentlichten Schweizer Studien sind 30 000 bis 70 000 getötete Vögel pro Jahr zu erwarten, so auch geschützte und vom Aussterben bedrohte Arten.»

Das sind allzu viele Opfer für das bisschen Strom, der zudem bei Windstille ausbleibt. Dasselbe gilt für die Sonnenenergie bei bedeckten Himmel (man denke nur an den zähen Hochnebel über dem Mittelland im letzten Herbst und Winter). Der Verband empfiehlt darum dringend, am 21. Mai 2017 die Energiestrategie 2050 abzulehnen. Mehr unter www.freie-landschaft.ch.

Bleibt nur noch zu hoffen, dass der gesunde Menschenverstand der Windenergie-Lobby und ihren seltsamen Argumenten den Wind aus den Segeln nimmt.

 

  

DROHNEN STATT BIENEN?

drohne-und-blumeWährend in St. Moritz die Ski-WM die Gemüter erhitzt, wird es bei uns im Rhonetal frühlingshaft warm. Ungeachtet der verschneiten Berge wehen hier laue Lüfte, die in Erinnerung rufen, dass es bald wieder blühen wird im Tal der Aprikosenbäume. Für die Bienen geht die Winterpause dem Ende entgegen, die ersten dieser für den Obstbau so wichtigen Bestäuber wagen sich bereits jetzt ins Freie, um die Gegend zu erkunden. Ginge es nach dem japanischen Forscherteam von Eijiro Miyako, würden sie allerdings in ein paar Jahren nicht mehr gebraucht, da er sie durch Drohnen ersetzen will, allerdings nicht durch ihre männlichen Artgenossen, sondern durch diese lästigen mechanischen Brummer.

beeBrutaler Blümchensex
Bereits 2013 präsentierten Forscher aus Harvard eine Mini-Drohne namens «Mobee», die das Geschäft der konventionellen Bestäuberbienen übernehmen sollte. Die Harvard Monolithic Bee wurde äußerlich einem Insekt nachempfunden und hat den Vorteil, gegen Pestizide unempfindlich zu sein. Und nicht nur das. Laut den Deutschen Wirtschafts-Nachrichten würden die Roboter-Bees die umweltgestressten Bienen entlasten: «Ein Ökosystem besteht aus einem natürlichen Kreislauf. Daher ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die künstlichen Insekten durch ihre Arbeit die Population ihrer natürlichen ‹Artgenossen› sogar fördern.» Je mehr Arbeit die motorisierten Drohnenbienen übernehmen, desto stärker würden sich wieder Blütenpflanzen vermehren. Und um so leichter hätten es die heute häufig geschwächten Bienenschwärme, sich dank diesem ergiebigeren Angebot zu erholen. «Denn durch die künstliche Helferbiene (Mobee) werden die Wege für die echten Bienen kürzer, und ihre Nahrung wird reichhaltiger. Dadurch können sie Energie sparen, die sie in den Bau des Bienenstocks und in die Bildung von Nachwuchsgenerationen stecken können.»

Das Blatt beurteilt die Entwicklung solcher Helferlein positiv, falls nicht noch mehr Lebensraum der Bienen durch Pestizide vernichtet wird. Und meint augenzwinkernd, dass die beste Lösung der Drohnen-Mensch wäre, da er weniger unberechenbar als die Wesen aus Fleisch und Blut sei. Was ist aus der Mobee geworden?

drohneInzwischen hat ihr eine japanische Konkurrentin die Show gestohlen. Diese etwa vier Zentimeter große Drohne imitiert kein Insekt, sondern sieht wie ein buntes, mit Propellern ausgestattetes Kinderspielzeug aus. Das Revolutionäre ist die aus einem besonderen Gel und Pferdehaaren bestehende Vorrichtung, an der die Pollen haften. Ein Kurzfilm zeigt sie beim Bestäuben einer Lilie, und es ist kein erfreulicher Anblick. Geräuschvoll stürzt sich die Maschine auf die Blüte und scheint ihr einen Kinnhaken zu versetzen. Ein brutales Schauspiel, und ob die Bestäubung gelungen ist, scheint mir fraglich. Der Besuch einer echten Imme ist im Vergleich dazu ein zärtliches Liebesspiel.

Flügellahme Wildbienen
deform1Für die Landwirtschaft ist der Rückgang der Bienen nach wie vor ein Problem, daran haben diese technischen Kuriositäten bislang nichts geändert. Dass dabei auch die Wildbienen eine wichtige Rolle spielen, kommt im «Schweizerbauer» vom 2. Februar 2017 zum Ausdruck. Weltweit würden «1,4 Milliarden Arbeitsplätze sowie drei Viertel des landwirtschaftlichen Anbaus» von Bienen abhängen. Doch da ist Gefahr im Verzug: Ein neuentdecktes Virus, das durch winzige Milben übertragen wird, deformiert die Flügel von Wildbienen. Dadurch werde nicht nur das Sammeln von Blütennektar erschwert, es verkürze auch die Lebenserwartung der befallenen Individuen. Die Untersuchung der Flugrouten von mit Sendern ausgestatteten infizierten und gesunden Bienen soll genauere Informationen über den neuen Feind und dessen Auswirkungen bringen.

groozigdoseZum Schluss noch dies
Junge französisch- sprachige Walliser haben 2014 ein Startup zur Kommerzialisierung essbarer Insekten gegründet (www.groozig.com). Seither betreiben sie eine gut gemachte Internetseite, knüpfen Kontakte zu Züchtern, Köchen und der Presse. Nun planen sie, einen Concept Store unter ihrem Namen «Groozig» zu eröffnen. Vermutlich soll der witzig sein, aber ist er auch verkaufsfördernd? Für Deutschschweizer bedeutet gruusig nämlich nichts anderes als widerlich, ekelerregend und grausig…

 

JANUARLOCH

 

Für einmal ist es trüb, sogar Regen ist angesagt. Und das im Wallis, wo der Himmel prinzipiell immer blau ist und es, wenn schon, schneien müsste, um die Touristen ins Tal und auf die Höhen zu locken. Wenn wir schon beim Wetter sind: Für die Deutschschweizer Wetterprognose existiert das Wallis schlicht nicht. 4025 Dieser Meinung war bereits vor über dreißig Jahren die Journalistin Lieselotte Kauertz (1924−2006). Die witzige Wahl-Walliserin mit deutschen Wurzeln war nicht nur für den «Walliser Boten» und andere Zeitungen, sondern auch als Reiseleiterin und Sekretärin für Alice Herdan-Zuckmayer tätig. Ich lernte sie 1983 über die Arbeit an einem Schweiz-Reiseführer kennen, für den sie den Kanton Wallis betreute und in dem sie schrieb: «Vor dem Staunenden liegt das Walliser Rhonetal im gleißenden Sonnenlicht, das es gern für Reisende aus dem Norden bereithält, die das schlechte Wetter gepachtet haben.» Und sie fand es skandalös, dass man am Radio stets hören musste, das Mittelland liege unter einer Nebeldecke und in der Südschweiz (sprich: Tessin) regne es. Kein Wort vom blauen Himmel über dem Rhonetal! Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

vogel-fuettern-winter_lbv_ingo_rittscher-810x394Keine Vögel am Futterbrett! Wirklich?
Für Insektenforscher und -freunde ist der Winter eine ruhige Zeit. Um so mehr beschäftigen einen die Vögel, die während der kalten Monate den ganzen Tag über hungrig sind. Dass dies anscheinend nicht überall der Fall ist, erfährt man aus den Medien. Mit fetten Lettern verkünden sie: Die Vogelhäuschen werden dieses Jahr von den Vögeln gemieden! Zahlreiche Futterstellen bleiben unbesucht, sogar die leckersten Meisenknödel hängen unberührt in Bäumen und Terrassen. Die «NZZ» klagt: «In vielen Futterhäuschen ist derzeit nur wenig Betrieb; Meisen, Amseln und Rotkehlchen sind vielerorts nur selten zu sehen. Wer den Tieren etwas Gutes tun wollte, ist enttäuscht.»rotspecht

Die Schweizer Vogelwarte sieht die Gründe dafür unter anderem im warmen Herbst, der für gute Futterverhältnisse in der Natur gesorgt habe. Schließlich seien die Tiere nicht unbedingt auf das Futter der Menschen angewiesen. Und wenn das Angebot an Futterstellen groß sei, würden sich die Hungrigen auf viele Orte verteilen.images

Während ich diese Nachrichten lese, zwitschert eine große Vogelschar schier ohrenbetäubend vor dem Bürofenster. Das Vogelhäuschen und der mit Fettkugeln und Erdnusswürsten bestückte Feigenbaum werden von Spatzen, Meisen und Rotkehlchen heftig umschwärmt. Amseln hüpfen auf dem Rasen herum und sind mittlerweilen fast zahm geworden… Obwohl auch im Wallis der Herbst ungewöhnlich lang und warm war, haben die gefiederten Freunde ihren gesunden Appetit offenbar nicht verloren und würden sich über die Erklärungen der Ornithologen in Sempach wundern.

Soldatenfliegen auf dem Vormarsch
Im Blog «Insektenessen» habe ich Ende Dezember auf die Absurdität hingewiesen, dass in der Schweiz und anderen Ländern Insekten für den menschlichen Verzehr erlaubt, für Nutztiere jedoch verboten sind. Jetzt steigt die Bühler Group Uzwil – rund 10 800 Mitarbeitende in 140 Ländern mit einem Umsatz von 2,4 Millarden Franken – in die industrielle Insektenproduktion ein.300px-hermetia_illucens_black_soldier_fly_edit1 Bühler Insect Technology Solutions will Neuland erobern: «Mit einem Partner in China arbeiten wir am Aufbau einer Pilotanlage für die industrielle Verarbeitung von Fliegenlarven und Mehlwürmern. Das Ziel ist die Gewinnung eines Insektenmehls als Ersatz für Fischmehl sowie eines hochwertigen Fettes, das dem Palmkernöl ähnlich ist. (…) Der Fokus liegt zunächst auf den Larven der Schwarzen Soldatenfliege. Wegen ihrer beeindruckenden Fähigkeit, organische Abfälle in hochwertiges Eiweiß umzuwandeln, wird diese Spezies auch die ‹Königin der Abfallverwertung› genannt. black-soldier-fly-larvae-hermetia-illucensZu einem späteren Zeitpunkt werden dann auch Lösungen für andere Arten wie etwa Mehlwürmer entwickelt. Insektenproteine haben großes Potential für die Aquakultur sowie als Lebens- und Futtermittel: Bis 2050 könnte der Anteil der Insekten an der weltweiten Eiweißproduktion bereits 15% betragen.» Mehr Infos unter www.buhlergroup.com

Übrigens: Die ökologisch vielversprechende Schwarze Soldatenfliege (Hermetia illucens) gehört zur Familie der Waffenfliegen, die ihre kriegerischen Namen der Ähnlichkeit mit alten Uniformen verdanken. Sie stammen vermutlich aus Südamerika und wurden nach Europa eingeschleppt. Ein weiterer «böser Neozoon», der sich zum Nützling mausert.

EIN BAUM FÜR GÖTTER UND BIENEN

650x365_sion_hiverEs hat geschneit. Endlich. Das fahle Braungrün wird von einer weißen, wenn auch dünnen Decke kaschiert. Immerhin. Das Wallis zeigt einmal mehr, dass es ein ausgesprochenes Trockental ist − die Stimmung in den Skistationen war auch schon besser. Dafür versinkt Griechenland im Schnee, und Jeffrey S. Kingston (Uhren-, Wein- und Gastrokenner) schwärmt in seinem Neujahrs-Mail von spektakulären 160 cm Tiefschnee und einer Menge Sonnenschein in seinem geliebten Sun Valley in Idaho, wo die Berge und die Chalets nicht viel anders aussehen als in den Schweizer Alpen. Müssen wir uns darauf einstellen, zum Skifahren künftig in die USA zu jetten?

goetterbaum-ganzDer schöne Exot muss verschwinden!
Hierzulande hat man dem Götter- oder Himmelsbaum (Ailanthus altissima) den Kampf angesagt. In Sion und Sierre ist seit diesem Dezember eine gnadenlose Ausrottungsaktion in Gange. Der Invasor wachse zu schnell in die Höhe, produziere zu viele Samen, breite sich unaufhaltsam aus und erobere die umliegenden Wälder, wo er die einheimischen Bäume verdränge. Außerdem koste der Krieg gegen den lästigen Fremdling eine Stange Geld.

k_1476356812Ja, es gibt in unserer Gegend Götterbäume. Und es wäre jammerschade, würden sie alle verschwinden. Ich habe ein wenig in den Büchern gestöbert und bin auf erstaunliche Informationen gestoßen, die das neuerdings verfemte Bittereschengewächs rehabilitieren. Demnach wurde der aus Südostasien stammende Götterbaum um 1730 erstmals in England in Parks und an Straßenrändern angepflanzt und verbreitete sich nach und nach in Süd- und Mitteleuropa. Dank seinen gelb-roten Früchten ist er höchst  dekorativ, und seine übrigen Eigenschaften machen ihn eigentlich ausgesprochen sympathisch.

Ailanthus altissima var. altissima / Chinesischer Götterbaum / Tree of Heaven / Ailanthe glanduleuxAus dem Harz seiner rissigen Rinde gewinnt man Räucherwerk sowie Heilmittel gegen Durchfall, Würmer und andere Beschwerden. Aus dem Holz wurden früher Fischerboote gezimmert und Holzschuhe geschnitzt. Außerdem übersteht der Götterbaum lange Dürreperioden und Temperaturen bis minus 30 °C problemlos, stellt keine Ansprüche an den Boden und ist gegen urbane Luftverschmutzungen resistent. Die duftenden Blüten sollen zudem viel Nektar produzieren und von Bienen und anderen Insekten intensiv besucht werden. Sein Honig ist laut Wikipedia würzig und wohlschmeckend, mit muskatellerartigem Aroma. Und die Pollen des Götterbaums sollen ein neues potentielles Allergen darstellen. Eine Augen- und Bienenweide also, wirklich ein Götterbaum, für den das Zentral- und Unterwallis grundsätzlich ein idealer Standort wäre! Aber eben doch ein böser Neophyt…

musee-de-la-nature-sionIns Museum statt auf die Piste
Der Schneemangel hat auch Vorteile. Man nimmt sich beispielsweise endlich Zeit, ins Naturmuseum in Sitten zu spazieren, um die Mini-Ausstellung von Wildbienen des Entomologen Maurice Paul (1835−1898) aus dem späten 19. Jahrhundert zu besichtigen. Zugegeben: Sensationell sind die beiden Kästen beim Eingang nicht. Sie führen jedoch auch Laien auf einen Blick vor Augen, welche Vielfalt an Größe und Formen «die sensible Welt der Wildbienen» entwickelte. Die spannend inszenierte Ausstellung zum Thema «Der Mensch und die Natur im Wallis» ist natürlich ebenfalls einen Besuch wert.wildbienen

Und schließlich singt der in Zürich lebende Künstler Heinrich Röllin auf seiner Neujahrskarte ein beeindruckendes Loblied auf die Imme:

«Eine Biene wiegt 80 Milligramm und bringt von einem Flug 50 Milligramm Pollen. Auf Kleeblüten sind 1500 Besuche notwendig, bis ein Bienenmagen gefüllt ist, aber eine Biene muss 60mal ihren Magen leeren, wenn sie nur einen Fingerhut Nektar sammeln will. Man nimmt an, dass 20 000 Bienenflüge notwendig sind, um einen Liter Nektar einzubringen. Aus einem Liter Nektar werden aber nur 150 Gramm Honig gewonnen. 1 Kilogramm Honig ist demnach die Lebensarbeit von 6000 Bienen. Und das alles unentgeltlich!»