DIE EINEN GEHEN, ANDERE KOMMEN

Auch in der Ardèche zeigt uns der Frühling die kalte und ziemlich nasse Schulter: Der Mai war von Schneestürmen, Dauerregen und heftigen Gewittern geprägt, und laut Meteo soll es noch eine Weile so weitergehen. Dazu passt, dass unser Internet seit drei Wochen streikt, und auch hier ist kein Ende abzusehen. Was ist bloß mit la douce France los?

01591887_laifDas macht Angst
Die Hobbyangler einer Vereinigung, die sich auch um den Schutz der Gewässer kümmert, aus denen sie Fische holen, säubern seit 20 Jahren Ende Mai den Fluss Ouvèze, über dem sich Privas erhebt, der Hauptort des Départements Ardèche. Die Fronarbeit ist selbstverständlich mit einem gemütlichen Teil verbunden, bei dem die Paella und ein Glas Wein nicht fehlen dürfen. François Bouneaud, der Sekretär des Vereins, wird dennoch nachdenklich, wenn er über die Entwicklung seiner Passion und Region berichtet. «Ich habe mit 6 Jahren zu fischen begonnen, und nun bin ich 63! Es ist meine Leidenschaft, das Geräusch des Wassers, das Licht bei Tagesanbruch, die Stille. Wen es einmal gepackt hat, kommt nicht mehr so leicht davon los. Aber die Natur hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Man sieht weniger Insekten, weniger Vögel, und es gibt viel weniger Wasser als vor 50 Jahren. Es sind heimtückische Verschmutzungen, die Schaden anrichten, man beobachtet immer mehr Algen. Das ist nicht gut. Es macht Angst.»326px-Le_Pouzin_(Ardèche,_Fr)_l'Ouvèze_au_Pont_Romain.JPG

François Bouneaud ist nicht der einzige, der sich Sorgen über die Verarmung der Natur macht. Insekten sind nicht nur in dieser eigentlich intakt wirkenden Gegend erschreckend selten geworden. Die Rede ist von den einheimischen Insekten, von denen es hier früher regelrecht wimmelte. Dafür vermehren sich Eindringlinge wie die Asiatische Hornisse rasend schnell.

HornisseIn der Nachbarschaft wohnt ein Imker, der sich auf die Zerstörung der Nester dieser Bienenjäger spezialisiert hat. Über Arbeit kann er sich nicht beklagen, die Anfragen werden immer häufiger. Und er selbst ist ebenfalls betroffen: Vor ein paar Jahren musste er ein imposantes Nest in der Nähe seiner Bienenhäuser entfernen, und er zeigt ein Foto auf dem Handy: Dieses Frühjahr haben die geflügelten Asiaten mit dem Nestbau an seinem Wohnhaus begonnen…

Laurent DumasIm April, Mai und Juni ist auch in Frankreich Spargelzeit. Ob grün, weiß oder violett – die Stangen schmecken nirgendwo so gut wie in der Gegend, in der sie gestochen wurden. Laurent Dumas zieht sie seit Jahren in Bio-Qualität in der fruchtbaren Erde der Rhoneebene. Sie sind wirklich einzigartig, ich kann mich nicht erinnern, je schmackhaftere und frischere grüne Spargeln gegessen zu haben. gazetteasperge2-300x225Und nun dies: Mitten in der Erntezeit wurde ein Großteil seiner Parzellen von einer kleinen Wanze heimgesucht, deren Larven sich von den kostbaren Stangen ernähren. Das Gemeine Spargelhähnchen (Crioceris asparagi) hat beim Gemüsebauern erhebliche Schäden angerichtet, er konnte dem Bioladen Satoriz nur einen Bruchteil der üblichen Menge liefern. Was Wunder, dass Laurent der nächsten Spargelsaison mit großer Sorge entgegenschaut…Spargelhähnchen

Da ist der Wurm drin
Nicht nur die Insekten machen sich rar, auch andere Lebewesen wie die Regenwürmer sind zu einer selten gesichteten Spezies geworden. Doch heute morgen kroch ein beachtliches Exemplar von rund fünfzig Zentimeter Länge über den Weg. Es gibt ihn also noch, den rosafarbenen Erdarbeiter! Aber wie lange? Ein neuer bedrohlicher Feind, der ursprünglich aus Vietnam und Kambodscha stammt, wandert unaufhaltsam aus dem Süden Frankreichs in Richtung Norden und ist jetzt in der Ardèche angelangt.

geant-bipalium-kewense-tue-un-ver-de-terreBipalium kewense ist ein bis etwa einen Meter langer, schwarz bis bräunlich glänzender Strudelwurm, der aussieht, als sei er plattgewalzt. Die invasiven Exoten mit dem dreieckigen Hammerkopf ernähren sich von Regenwürmern, die sie durch einen neurotoxischen Giftbiss töten. Sie sind zudem am ganzen Körper mit einem Schleim überzogen, der Fressfeinden den Appetit vergällen soll und bei Menschen Allergien auslösen kann. Vermutlich wurde er wie mindestens zehn weitere Plattwurmarten des Stammes Plathelminthes durch Pflanzenimporte eingeführt. Fazit: Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis der Regenwurmkiller aus Asien auch in der Schweiz und Deutschland Einzug hält.

PS: Der Rückgang der Vögel in Frankreich wird nun offiziell als ökologische Katastrophe bezeichnet. Schuld daran seien vor allem der Insektenschwund, der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft sowie die Agrarpolitik der EU, die Brachen nicht mehr fördert. Dem ist beizufügen, dass auch Naturinseln wie die Ardèche von diesem Phänomen betroffen sind. Statt von Vogelgezwitscher wird man morgens wohl bald vom Surren der Drohnen geweckt…

 

DIE SANFTMÜTIGEN DUNKLEN


arton978Dass Honig gesund ist, weiß jedes Kind. Wie gesund und heilkräftig er sein kann, entdecke ich jedoch erst neuerdings, weil Robert seit diesem Sommer an einer kleinen, aber perfiden Wunde oberhalb des Knöchels herumdoktert, die einfach nicht richtig heilen will. Der Buchsbaum, an dem er sich verletzt hat, soll ja auch stark giftig sein… Die Reise durchs Internet führte mich zum Honig, der sogar in Arztpraxen und Spitälern zur Wundbehandlung eingesetzt wird. Wunder bewirke der mit Gammastrahlen von Bakterien befreite «Medihoney» zwar nicht, aber er habe seinen Platz in der Schulmedizin erobert. Roberts Bein wird vorläufig noch mit einer schwarzen Salbe verarztet, aber, wer weiß, vielleicht ist es schließlich der gute alte Honig, der zum Guten führt.

Reichhaltiger Nektar
Diesen Sommer lernte ich in dvincent-canovaer Ardèche die Dunkle Biene (Apis mellifera mellifera) kennen und beschrieb diese Begegnung im Blog vom 25. Juli 2016. Der Imker Vincent Canova hat sich dieser urtümlichen Art verschrieben und verkaufte uns neben seinem üblichen Honig ein Glas, das mit einer schwarzen Banderole versehen war mit dem Hinweis, ihn nicht täglich zu genießen, da er etwas ganz Besonderes sei. Vincent gewinnt seinen Honig nicht durch Schleudern, sondern lässt ihn langsam abtropfen. Und der Honig mit diesem Vermerk ist der erste, der aus den Waben fließt. Weil er in direktem Kontakt mit dem Wabendeckel gewesen sei, sei er besonders reich an Inhibin. Diese antibiotische hormonelle Substanz deponiert die Arbeiterbiene auf der Oberfläche des Honigs, bevor sie die Wabe deckelt. Deshalb könne dieser Nektar auch zu anderen Zwecken als zum Süßen des Tees verwendet werden. «Es ist also eine Art Medikament», frage ich Vincent. Worauf er nickt, jedoch schweigt. Denn als Imker darf er grundsätzlich sein Produkt nicht als Heilmittel anbieten.

Ein ausgesprochen kurioses Rezept stammt übrigens aus dem alten China. Man ernährte einen Mann so lange ausschließlich mit Honig, bis er starb. Dann legte man ihn in einen mit Honig gefüllten Behälter, in dem sich die Leiche mit der Zeit auflöste (obwohl Blütenhonig eigentlich als Mittel für die Mumifizierung gilt). Die so entstandene Mixtur galt als besonders heilkräftig und war entsprechend teuer.

Imkern vor einem Jahrhundert
titelseit-liv-abeilleEin paar Tage später erhielt ich von Sylvette, die mit ihren Freundinnen im Sommer hin und wieder einen Brocante-Stand betreibt, ein Büchlein über Bienen und Bienenzucht aus dem Jahr 1922. Der Autor E. Alphandéry war seinerzeit Präsident des Imkervereins des Rhonetals und Direktor der Zeitschrift «La Gazette apicole». Das Buch ist also vor fast einem Jahrhundert erschienen, und das sieht man ihm auch an. Zum Einstieg kommen die französischen Dichter zum Wort, die diese geheimnisvollen Insekten in schwärmerischen Versen besingen. Dann geht’s jedoch in medias res mit der Anatomie, der Entwicklung vom Ei über die Larve zur Arbeiterin, Drohne oder Königin. Im Mittelpunkt steht die Dunkle Biene, die damals noch allgemein verbreitet war und hier deshalb als Abeille française bezeichnet wird. Es wurden jedoch auch Kreuzungen und andere Rassen gehalten.

Auf 300 Seiten fand das Imkerherz vermutlich alles, was es begehrte. Die unterschiedlichsten Formen von Kästen und Körben werden vorgestellt, sämtliche Geräte, die Arbeiten in allen Monaten, Krankheiten und Feinde der Schützlinge, Statistiken aus allen europäischen Ländern, Koch- und Arzneimittelrezepte usw. Eine Fundgrube, die mich voraussichtlich noch lange beschäftigen wird!

dsc01310Was mir beim Durchblättern besonders auffällt, sind die Menschen, die sich mit der Imkerei beschäftigten, beziehungsweise deren Kleidung. Auf einem Foto steht der Buchautor im weißen Anzug mit Krawatte und elegantem Strohhut vor dem Bienenhaus und schreibt seine täglichen Notizen in ein Büchlein. Ein Paar hantiert mit einem Schwarm, um ihn in einen anderen Korb zu zügeln: Sie trägt eine kurzärmlige Bluse, wadenlangen Rock und Stöckelschuhe, er schwarze Hosen mit Gilet, weißes Hemd und selbstverständlich Krawatte sowie elegantes, auf Hochglanz poliertes Schuhwerk. Die meisten sind so oder ähnlich angezogen, von Schutzanzügen, Schleiern oder Handschuhen keine Spur. dsc01308Die Damen und Herren holten Schwärme von den Bäumen, als hätten diese Bienen keinen Stachel besessen.

Tatsächlich scheinen die Dunklen Bienen einen besonders friedfertigen Charakter zu besitzen. Der 1994 gegründete Verein Schweizerischer Mellifera Bienenfreunde beschreibt sie folgendermaßen: «Sanftmut, ruhiger Sitz auf den Waben, geringe Schwarmneigung, ausgeglichener Honigertrag, Winterfestigkeit sowie gutes Hygieneverhalten».

Der französische Bienenspezialist riet Anfängern dennoch, sich mit Handschuhen und einem Schleier zu schützen. Es komme allerdings sehr selten vor, dass man von den Bienen ernstlich gestochen werde. Selbst bei länger dauernden und heiklen Manipulationen seien sie friedlich, falls man Vorsicht walten lasse und ruhig bleibe. Er räumt jedoch ein, dass die Imkerei wohl mehr Anhänger fände, wenn die Bienen keinen Stachel hätten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

BIENENFEST KONTRA KEROSIN

 

dsc01252Zuerst die gute Nachricht: Im Kanton Wallis ist die Imkerei im Aufwind, das Interesse der Jungen an der Bienenzucht ist in den letzten Jahren gestiegen. Die Organisatoren des Bienenfests «L’Abeille en fête», das vom 1. bis 4. September in Martigny stattfand, sind mehr als zufrieden. Schulklassen, Familien mit Kindern, aber auch ältere Semester begutachteten die über siebzig Stände mit Produkten aus der «Bienenwerkstatt» (Honig, Wachs, Propolis…), degustierten und kauften, machten sich bei den Fachleuten schlau, staunten, spielten, besuchten Vorträge, begutachteten die kunstvoll bemalten Bienenhäuschen und tauchten mit dem Film «Apis Mellifera» in eine Welt ein, die selbst gestandene Imkerinnen und Imker so noch nie gesehen haben.dsc01251

Bienen filmen in der Küche

Jean-Baptiste Moulin war Förster, ist Multimedienkünstler (siehe www.videalp.com) und imkert seit fünfzehn Jahren. Seinen ersten Film über Bienen drehte er 2003. 2006 folgte ein zweiter über die Ausbildung zum Bienenzüchter, 2010 der dritte über die Herstellung der diversen Produkte. Das geheimnisvolle Leben und Wirken dieser Insekten fasziniert ihn nach wie vor. Dieses Thema sei unerschöpflich, verlange jedoch eine Menge Geduld. In seinem neusten, 25 Minuten dauernden Epos rückt er seinen Pfleglingen noch näher auf den Leib, zeigt in Makroaufnahmen anatomische Details, schaut ihnen beim Füttern der Larven und Einbringen des Pollens zu.

promo_jb2Die intimen Einblicke entstanden einerseits in den Bienenstöcken, andererseits in einem kleinen Wohnwagen, den der Walliser mit vier Bienenvölkern bzw. über 120 000 Bienen als Schauspielern ausgestattet hatte. «Man muss erfinderisch sein, denn die Insekten dürfen nicht gestresst werden.» Er ging so weit, Situationen zu inszenieren, auf die die Bienen reagierten. Um ihr Verhalten noch genauer zu studieren und aufzuzeichnen, richtete er einen kleinen Stock mit ungefähr hundert Bienen in der heimischen Küche ein… (der Mann wird wohl Junggeselle sein). Der Aufwand hat sich offensichtlich gelohnt, die Zuschauer sind begeistert, und vielleicht spielt der eine oder die andere mit dem Gedanken, sich noch intensiver mit dem Universum von Apis mellifera zu beschäftigen.

Ungeachtet aller positiven Aspekte, die mit der Bienenzucht verbunden sind, wurden die Probleme auch an der Veranstaltung in Martigny nicht verschwiegen. Zur Bedrohung durch die Varroamilbe, Pestizide und den Kleinen Bienenstockkäfer gesellt sich wahrscheinlich früher oder später die Asiatische Hornisse, die bereits in fast ganz Frankreich verbreitet ist. Das soll jedoch die Jungen und weniger Jungen nicht von der Imkerei abhalten. Dank guter Ausbildung hofft man, auch diese Gefahren wenn nicht auszumerzen, so doch unter Kontrolle zu halten. Mehr unter www.labeilleenfete.chdsc01254

Ein Savoyarde kämpft fürs Insektenwohl

Jacques Fabry ist der festen Überzeugung, dass die Hauptverantwortlichen für den Insektenschwund nicht die Pestizide, sondern die Flugzeuge sind. Seit Jahren beobachtet er den Himmel, der vom rasant zunehmenden Flugverkehr vernebelt werde. Für Bienen wie alle andern Insekten sei dies eine Katastrophe, da sie sich auf ihren Flügen am Licht orientieren. Durch den Ausstoß von Kerosin, vermischt mit Schmutzpartikeln und Wasser, bilde sich ein nahezu permanenter Nebelschleier. Seit Jahren dokumentiert er diese Umweltverschmutzung mit Fotos und Videos, protokolliert seine Beobachtungen, stellt sie in seinen Blog (siehe www.over-blog.com) und klärt die Medien, Behörden und Wissenschaftler über seine Theorie auf. Die von ihm begründete «Avioklimatologie» sollte seiner Ansicht nach längst an Universitäten gelehrt werden.

jacques-fabry-avioclimatologue-estime-que-la-surmortalite-des-abeilles-est-du-a-la-pollution-atmospheriqueDer 64jährige Autodidakt hat die Auswirkungen dieses «Treibhausdachs» vor allem bei den Honigbienen studiert. «Sie sind vollständig desorientiert, torkeln wie betrunken durch die Luft, fliegen sinnlos im Kreis herum, überschlagen sich und finden ihren Stock nicht mehr.» Wegen des verschleierten Himmels nehme zudem die Produktion der Blütenpflanzen ab, was zu Nahrungsmangel der Pollensammler führe. All dies zusammen bedeutet: mehr Krankheiten, höhere Sterberaten, geringere Honigproduktion und schlechtere Bestäubung der Nutzpflanzen. Und wie löst man dieses Problem? «Es muss versucht werden, normale Lichtverhältnisse zu schaffen. Man muss neue Triebwerke entwickeln, die das Wasser auffangen, das sie ausstoßen.» Werde nichts unternommen, ende dies mit Sicherheit in einem weltweiten Desaster. Und bis jetzt habe er leider mit seinen diesbezüglichen Prophezeiungen immer recht gehabt…

PS: Zwei Forscherinnen der Uni Bern haben soeben bekanntgegeben, dass die Pflanzen bei Kunstlicht nachts von Insekten weniger bestäubt werden und selbst weniger Samen produzieren, als wenn sie ausschließlich vom Mond und den Sternen beschienen werden. Ich werde auf diese interessante Studie nächstens zurückkommen!

 

EIN RESERVAT FÜR DIE URBIENE

plage-stpierreville-46777Das Gebiet um das Tal des Eyrieux französischen Departement Ardèche, im Osten des Zentralmassivs, die sogenannten Boutières, zieht Menschen an, die das Urtümliche mögen. Keine Golfplätze und 4-Sterne-Hotels mit Spa, dafür Campingplätze, Wildbäche und ausgedehnte Kastenienwälder, in denen Wildschweine hausen. Statt Einkaufsmeilen mit schicken Boutiquen gibt’s kleine Märkte mit Produkten aus der Gegend: Gemüse und Obst, Ziegen- und Schafkäse, Trockenwürste und Honig. Mit etwas Glück lässt sich sogar der kostbare Honig von Bienen finden, die so selten geworden sind, dass man Vereine gründet, um sie zu retten. Etwa auf dem Sonntagsmarkt von Saint-Pierreville, am Stand von Vincent Canova, der auch einige Bioläden beliefert (mehr darüber auf mielduvivarais@gmail.com).

arton978Die Ahnfrau im dunklen Gewand
Apis mellifera mellifera, die Dunkle Europäische Biene, hat die Blütenpflanzen unseres Kontinents bereits vor Millionen Jahren bestäubt und so für deren Verbreitung gesorgt. Der Mensch tauchte erst viel später auf, entdeckte aber ihren Honig als Nahrungquelle vermutlich schon sehr früh. Sie ist dunkel gefärbt, fast schwarz, winterhart, genügsam und langlebig. Auf menschliche Unterstützung ist sie eigentlich nicht angewiesen, sie bringt sich selbst durch, wenn man sie lässt. Ihr Untergang begann Mitte des 19. Jahrhunderts, als man zur Steigerung der Honigproduktion fremde Bienenrassen einkreuzte. Wikipedia: «Das führte zu ihrer Verdrängung in vielen Regionen ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets. Vielerorts besteht reges Interesse an einer Wiedereinbürgerung. In manchen Ländern Europas wie der Schweiz, Frankreich, Belgien, Dänemark, Norwegen, Schweden, Irland, England, Österreich (Tirol), Polen gibt es noch umfangreiche, mehr oder weniger reine Bestände, in Deutschland nur noch in wenigen, meist hochgelegenen Regionen.»signet

In den Boutières wird sie umgangssprachlich Abeille noire genannt, die Schwarze Biene. Fünf Männer und eine Frau setzen sich dafür ein, die gefährdete Einheimische zu fördern und das Wissen über diese Rasse zu verbreiten.

SONY DSCDer Initiator und Präsident des Projekts, Vincent Canova, ist Berufsimker. Er hat den Betrieb seiner Eltern übernommen, die auf ihrem Hof in Gluiras während über vierzig Jahren Honig produzierten, und dies stets mit der Schwarzen Biene. Der großgewachsene Mittdreißiger hat sich zum Ziel gesetzt, der Bienenzucht in der Boutières wieder einen größeren Stellenwert zu verschaffen. Zum Beispiel, indem er sich voll und ganz der Nachhaltigkeit verschreibt, dem Respekt vor seinen Schützlingen, die er so natürlich wie möglich halten und nutzen will. Ihr Lebensrhythmus soll nicht der Produktionssteigerung angepasst werden. Denn immer mehr Ertrag mit Hilfe importierter, degenerierter Zuchtbienen kommt für ihn nicht in Frage. Doch wie stellt sich sein Verein die Alternative dazu vor?

Ruhezonen für fleißige Arbeiterinnen
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Es gibt bereits rund ein Dutzend Vereinigungen in Frankreich und Belgien, die sich für die Rettung von Apis mellifera mellifera einsetzen. Ihr Kürzel FEDCAN steht für Fédération européenne des conservatoires d’abeille noire. Zu diesem Zweck werden Zonen ausgeschieden, die den Urbienen reserviert sind. In den Boutières ist ein Reservat mit einer Kernzone von 6 km und einer Pufferzone von 25 km geplant. Hier sollen sie nach strikten Regeln gehalten werden. Das heißt: keine Transhumanz, natürliche Produktion der Königinnen, strikte biologische Behandlung von Krankheiten und Parasiten, natürliche Schwarmvermehrung und keine Maximierung der Honigproduktion. Außerdem werden die Völker regelmäßig kontrolliert, um die Reinheit der Rasse zu erhalten. Doch damit nicht genug. Man will die Bevölkerung durch Vorträge und Ausstellungen sensibilisieren, Schulen besuchen, pädagogische Lehrmittel herstellen, Feste organisieren, eine Schule für Bienenzucht im Sinne der FEDCAN gründen, die Schwarze Biene für Interessierte besser zugänglich machen und anderes mehr…

thDass das ehrgeizige Projekt nicht nur mit Idealismus verwirklicht werden kann, ist den Initianten bewusst. Sie hoffen auf finanzielle und ideelle Unterstützung durch Menschen, denen die Bienen und eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt am Herzen liegt. Mehr auf der (noch nicht ganz fertigen) Internetsite: www.abeillenoiredesboutieres.fr/

 

 

 

 

BRÄME, BREMSEN UND GÖTTERTRANK

gotthardpass_010Der Gotthard und sein brandneuer, 57 Kilometer langer Basis-Eisenbahntunnel standen letzte Woche im Rampenlicht. Die Schweiz jubelte! Fast die ganze Korona war vor Ort, inklusive Merkel, Hollande und Renzi als Vertretern der Nachbarstaaten, um Beifall zu spenden, die meisten wirkten jedoch bei der Fahrt durch das Jahrhundertbauwerk eher gelangweilt. Kein Wunder: Die Reise über den Götter- und Teufelsberg ist nämlich wesentlich spannender als jene durch das Jahrhundertloch. Ich weiß nicht, wie oft wir in den Sommerferien mit Sack und Pack über den Gotthard gen Süden gebraust sind. Abenteuerlich war es jedes Mal, und es wurde jeweils laut gesungen, was in unserer Familie sonst nicht oft vorkam.

Cover Gotthard«Die cheibe Bräme»
Dem Trio der Geschwister Schmid sei Dank gibt es seit 1945 den legendären Hit «Über de Gotthard flüget Bräme» (siehe und höre unter www.youtube.com/watch?v=Z4NcLAWbzy8)!  Ohne diesen schmissigen Ohrwurm wäre die Autofahrt über die Haarnadelkurven hinauf auf den Pass zum Hospiz und dem kalten See nicht halb so lustig gewesen. Das Lied auf die Bremsen, die aufs Blut der Soldaten, Postwagenpferde und übersömmernden Rinder scharf waren, prophezeit, dass das immer so gewesen sei und auch in Zukunft so bleiben werde.gotthardpass-museum-1203-0

Offensichtlich haben sich die Geschwister Schmid getäuscht, denn es heißt, die Blutsauger aus der Familie der Fliegen würden im Gotthardmassiv nur noch selten gesichtet (ich kann mich allerdings nicht erinnern, dort je wirklich Bremsen gesehen zu haben…). Laut einem Artikel der «Aargauer Zeitung» vom 22. August 2014 wird auch das Mittelland immer weniger von diesen «Störenfrieden» heimgesucht. Die Brüder Guido (80)  und Leo (88) Koch aus Büttikon erinnern sich: «Früher konnten wir die Kühe im Sommer nachmittags kaum auf der Weide lassen. Es gab so viele Brämen, dass sich das Vieh dagegen fast nicht wehren konnte.» FLIEGE_620Man habe sich mit rauchenden Feuerkesseln gegen die Plagegeister gewehrt: «Wir haben einst immer noch etwas Gummi verfeuert. Der dadurch entstehende Gestank hatte für die Brämen zusätzlich eine abschreckende Wirkung.» Eine Methode, die sich selbstverständlich nicht empfiehlt, obwohl es schmerzhaft sein kann, wenn Bremsen zuschlagen.

rinderbremse-tabanus-bovinusAuch wenn es nicht jede Frau gerne hört: Blut saugen in der Regel nur die Weibchen, während die Männchen von Blütennektar leben. Und sie sind besonders an schwülen, feuchten Tagen hungrig, weshalb sie auch «Gewitterfliegen» oder «Regenbremsen» genannt werden. Wo sie in Massen auftreten, können Bremsen ganze Viehherden schwächen und beispielsweise in Afrika auch auf Menschen lebensgefährliche Krankheiten übertragen. Vermissen tut man die «cheibe Bräme» darum eigentlich nicht. Trotzdem ist es einmal mehr rätselhaft, warum sie auf dem Rückzug sind. Oder wird uns der feuchte Frühling und Sommeranfang etwa eine Bremseninvasion wie anno dazumal bescheren?

Metsieder und Bienenfreund
alexander-eckert-foto.256x256 Alexander Eckert lebt in einem behäbigen Bauernhaus in Innerberg bei Bern, wo er ein Handwerk ausübt, das in der Schweiz Seltenheitswert besitzt: Er produziert Met, den Honigwein, den schon die alten Griechen, Römer und Germanen schätzten. Der von Stuttgart ins Bernische zugezogene Informatiker hängte seinen Beruf vor sieben Jahren an den Nagel und gründete die erste Metsiederei in der Schweiz. Die Welt der Bits und Bytes war ihm zu kopflastig, er sehnte sich nach mehr Natur und einer Tätigkeit, die ein handfestes Ergebnis hervorbringt. Doch was ist eigentlich Met? Seine Homepage www.metsiederei.ch gibt Auskunft: «Honig gärt von sich aus, wenn er zuviel Wassergehalt besitzt, und wandelt sich so zu etwas Berauschendem, Magischem. In Europa wurde Met im Hochmittelalter vom Traubenwein verdrängt und fast vergessen, obwohl er sich damit sehr gut messen kann. Met ist und war immer schon ein mystisches Getränk.» Dieser vergorene Honig  soll übrigens laut Kneipp der gesündeste Alkohol sein.

honigweinAlexander Eckert ließ sich zum diplomierten Berufsimker ausbilden und stellt heute rund 42 Hektoliter Met in drei verschiedenen Varianten her. Dazu verarbeitet er zwei Tonnen Honig, den er zum größeren Teil in Bioqualität aus Rumänien bezieht, wo es noch «wirkliche Wildwiesen und -flächen gibt, die man in der Schweiz so nicht mehr findet.» Und er befürchtet, dass es zu viele Pestizide und zu wenig Blütenpflanzen gebe, um die Zukunft der Bienen und des Honigs zu garantieren. Er hat jedoch keineswegs vor, seinen Traumjob aufzugeben und siedet weiterhin Met, den Trunk der Götter und Krieger. (Quelle: «marmite», Ausgabe 3, 2016).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE BLAUÄUGIGE KÖNIGIN

Tulum Ruinen ganz grossJetzt flattern sie wieder ins Haus, die Prospekte und Inserate für Flug- und Schiffsreisen in alle Welt. Und weil es im Wallis seit Tagen regnet, schneit und stürmt, packen wir die Gelegenheit beim Schopf und ziehen nach Tulum. Tulum liegt an der mexikanischen Karibikküste auf der Halbinsel Yucatan, wo die von Palmen umsäumten Strände weiß und der Himmel ständig blau ist. Sollte man meinen. In Wirklichkeit regnet es jetzt auch dort, so dass wir uns die weite Reise sparen und und uns stattdessen getrost an den Computer setzen können.

Die Bienen der Maya
Neben seinen prächtigen Stränden ist Tulum durch seine imposanten Ruinen berühmt geworden. Von der einst bedeutenden ummauerten Handelsstadt ist der größte Teil verschwunden, aber das Schloss und die drei Tempel zeugen vom ehemaligen Glanz. Wikipedia führt uns zu jenem Heiligtum, das uns besonders interessiert: «Neben dem Schloss liegt der Tempel des Herabsteigenden Gottes bzw. Templo del Dios Descendente. Seinen Namen erhielt er von der im Dachfries enthaltenen Figur des herabsteigenden Gottes. Diese in Tulum mehrfach (beispielsweise im Schloss) abgebildete Gottheit wurde mit dem Sonnenuntergang, dem Regen, dem Blitz und der Bienenzucht in Verbindung gebracht und hieß auf Mayathan Ah Mucen Cab (Bienengott).»Melipona

Wobei wir beim Thema dieses Blogs angelangt wären, bei der Biene Melipona beecheii, deren Honig und Wachs von den Maya genutzt und die wie ein Heiligtum verehrt wurde. Melipona besitzt zwar keinen Stachel, kann jedoch kräftig zubeißen. Ihre blauen Augen sind eine weitere Besonderheit der «königlichen Dame», deren Honig auch oder sogar vorwiegend als Heilmittel und zu rituellen Zwecken verwendet wurde.

Weil die schöne Melipona viel weniger Honig als unsere Honigbiene produziert, wurde sie nach der Kolonisierung durch Apis mellifera ersetzt, geriet allmählich in Vergessenheit und wäre schließlich beinahe ausgestorben. Dazu beigetragen haben auch die großflächigen Rodungen des Dschungels. Dass durch ihr Verschwinden die Flora zu verarmen droht, merkte man erst später: Die einheimische Melipona-Biene bestäubt nämlich Pflanzen, die von den dortigen, inzwischen «afrikanisierten» Honigbienen nicht frequentiert werden.Melipona Honig gewinnen

Hilfe aus dem Westen
Zur Rettung der stachellosen Bienen und ihrer Wirtspflanzen wurden mehrere Aktionen gestartet. Ein Westschweizer Paar, das auf Tulum ein Hotel betreibt und das Imkern als Hobby pflegt, begeisterte sich für die Maya-Biene und gründete 2013 eine Stiftung, die Fondation Melipona maya. Man will die Produktion steigern und hat die ideale Abnehmerin in Frankreich gefunden. 1982 gründete Catherine Flurin mit ihrem Mann Philippe Ballot ihr Bienen-Unternehmen in den Pyrenäen. Sie gehörten zu den ersten Bio-Imkern und nahmen sich vor, «die Bienen als ein echtes kleines, über hundert Millionen Jahre altes Volk zu respektieren» und vor allem keine Chemie einzusetzen. Als Arzttochter interessierte sich Catherine schon bald für den therapeutischen Aspekt von Produkten wie Honig, Propolis und Gelée royale, und die Firma Ballot-Flurin begann Anfang der 1990er Jahre mit der Produktion ihrer Linie DOUCE. Der Erfolg stellte sich rasch ein, und heute beschäftigt der Betrieb fünfzig Angestellte. Und seit 2014 wird mit Honig aus Mexiko die Kosmetiklinie Melipona erzeugt. Sie wird von den Kundinnen geschätzt, da die Haut nach dem Eincremen aussieht, «als sei sie mit Pailletten bedeckt». Den Nachfahren der Maya, die mit der Imkerei der blauäugigen Schönheit betraut sind, kommt der finanzielle Zustupf entgegen, vor allem auch, weil der Zeitaufwand bescheiden ist. Mehr, auch über das etwas kuriose Bienenyoga, unter www.ballot-flurin.com

Ein weiteres Projekt zur Wiederaufforstung der tropischen Wälder Amerikas und zur Förderung der stachellosen Bienen läuft schon länger unter dem Namen PROMABOS in El Salvador. Seit 2003 werden auf Gelände, das Bienenzüchtern gehört, gezielt Bäume und Sträucher angepflanzt, die von Melipona beecheii besucht werden. Mehr unter www.apimondiafoundation.org.

PS: Wer sich für den Sinn und Zweck von Farben und Mustern im Tierreich interessiert, ist mit dem kürzlich in Neuauflage im NZZ-Verlag erschienenen Bildband «Design by Nature – Warum die Tiere so aussehen, wie sie aussehen» gut bedient. Für den Text und die Illustrationen zeichnet Otmar Bucher verantwortlich, der ehemalige Chefredaktor des «schlauen Schüler-Magazins» SPICK, für das ich die Ehre und das Vergnügen hatte, Artikel zu schreiben.