SPINNER NEHMEN ÜBERHAND…!

… Und was für die Politik gilt, wird auch im Tal des Eyrieux in der Ardèche bittere Realität. Der Buchsbaumzünsler hat das Regiment übernommen. Die im Grunde genommen hübsche Raupe frisst sich mit ungezügeltem Appetit durch die grossen Buchsbestände der Wälder. Abertausende spinnen die eigentlich immergrünen Büsche ein und verwandeln sie innert kürzester Zeit in fahlbraune Gerippe mit dürrem Laub. Zwar meinen manche, dass sich die Buchsbäume wieder erholen werden, wenn der Zünsler verschwunden ist. Aber ob er das tut, solange noch irgendwo etwas Fressbares zu finden ist…?

Die Raupen seilen sich an ihren Spinnfäden ab, lassen sich durch den Wind verfrachten und landen nicht selten auf den Menschen und Tieren in ihrem Territorium. Raupen und Spinnfäden in den Haaren, auf dem T-Shirt, im Gesicht. Es ist deshalb verständlich, dass die Leute es eigenartig finden, wenn man sie auf den Insektenschwund in ihrer Gegend anspricht. Dennoch: Ungeachtet der  Zünslerinvasion ist es eine traurige Tatsache, dass selbst in dieser naturnahen Region immer weniger Falter, Bienen, Wespen, Käfer und Heuschrecken zu finden sind. Entsprechend rar machen sich die Fledermäuse, Schwalben und Eidechsen. Auch gesunde, fette Spinnen kriegt man kaum mehr zu Gesicht.

Früher war auch in der Drôme einiges besser
Dass der Süden Frankreichs vor noch nicht allzu langer Zeit ein Dorado für Insekten und alle von ihnen abhängigen Tiere war, bestätigte Christoph Meckel in seinem 1997 erschienenen Buch «Ein unbekannter Mensch». Der 1935 in Berlin geborene Schriftsteller und Grafiker lebte lange Zeit im Dorf Rémuzat (im Buch Villededon genannt) in der östlichen Drôme, das er folgendermaßen beschreibt: «Das Dorf ist nicht sehenswert, eine einfache Ortschaft, fünfhundert Meter hoch zwischen Felsen und Marnen, Steilhängen mit Bergeichen, Ginster und Zedern, am Zusammenlauf zweier Flüsse aus Nord und Ost, verwilderten Wasserbetten voll Kies und Geäst, die im Winter Ströme, im Sommer Rinnsale sind.» Im Mittelpunkt des schmalen, aber für alle Liebhaber des ländlichen Frankreich lesenswerten Bandes stehen die Menschen, die hier lebten. Die Tierwelt dieser Gegend kommt jedoch auch zu ihrem Recht. «… Schwalben und Mauersegler bauen Nester am Haus, und im Gras die Katze erwartet den Tag, wenn ein junger Vogel herunterfällt, auf dem ersten Flugversuch zwischen Nest und Baum. Die heißen Wochen des Sommers sind leer und still, nur die Fledermaus schwirrt durch die Höfe im Zwielicht, Eule und Käuzchen rufen in der Nacht. Nach dem zehnten September sammeln sich die Schwalben, kreisen und gleiten in Schwärmen über den Hängen und sind eines Morgens nicht mehr da. (…) Die Nachtluft flimmert von Glühwürmchen, Faltern, Fliegen, Moskitos und Motten.»

In Gärten und Parks wird verbissen gekämpft
Ja, so oder ähnlich haben wir es auch bei uns in der Ardèche erlebt. Ob der neue Umweltminister und populäre TV-Star Nicolas Hulot diese paradiesischen Zustände wiederherstellen kann? Er nimmt unter anderem die Pestizide ins Visier, um dem Bienensterben Einhalt zu gebieten, und kämpft dabei gegen die Vorstellungen des Agrarministers. Einfach wird er es wohl nicht haben, darin sind sich auch seine Parteifreunde einig.

In den häufig nur schwer zugänglichen Wäldern der Ardèche bleiben die Buchsbaumzünsler von Vernichtungsaktionen unbehelligt. Anders sieht es in den Gärten und Parks aus, in denen Buchs zu den beliebtesten Gewächsen gehört, da er sich fast beliebig zu Hecken, Kugeln und fantasievollen Figuren trimmen lässt. Es gibt wohl keinen Schlossgärtner in Frankreich, der etwas auf sich hält, der freiwillig auf den Buchs im Park verzichtet. Selbst ökologisch verantwortungsbewusste Hobbygärtnerinnen und -gärtner, die es zuerst mit dem Ablesen der Raupen versuchen oder ihnen mit dem Hochdruckreiniger zu Leibe rücken, greifen schließlich zu den empfohlenen Pestiziden, um das Schlimmste zu verhindern. Und einmal spritzen genügt nicht, die Prozedur muss mehrmals wiederholt werden, damit sie etwas nützt. Auch in diesem Fall wird der Beelzebub mit dem Teufel ausgetrieben, denn diese Mittel sind erwiesenermaßen auch für Bienen und andere Insekten schädlich bzw. tödlich. Monsieur Hulot geht die Arbeit nicht aus!

Zum Abschluss noch eine Feststellung von Maarten Bijleveld van Leexmond, dem 77jährigen holländischen Biologen, Gründer des WWF Niederlande und des Papiliorama im westschweizerischen Marin, der ein Haus im Hérault besitzt: «Es war Mitte der 2000er Jahre. Eines Tages, als ich in der Garrigue spazieren ging, fragte ich mich, wo die Insekten geblieben sind. Es schien mir, dass es viel weniger gab als früher. Und ich realisierte, dass immer weniger an der Frontscheibe und dem Kühlergrill des Autos klebten, sozusagen keine mehr.» In der Folge tat er sich mit einem Dutzend Entomologen zusammen, deren Nachforschungen und Beobachtungen bestätigten, dass der Insektenbestand seit den 1990er Jahren zurückgegangen ist. Ihrer Ansicht nach  ist das Bienensterben nur der sichtbarste Teil dieses Phänomens, das für das ganze Ökosystem gilt. Mehr darüber demnächst!

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