DIE EINEN GEHEN, ANDERE KOMMEN

Auch in der Ardèche zeigt uns der Frühling die kalte und ziemlich nasse Schulter: Der Mai war von Schneestürmen, Dauerregen und heftigen Gewittern geprägt, und laut Meteo soll es noch eine Weile so weitergehen. Dazu passt, dass unser Internet seit drei Wochen streikt, und auch hier ist kein Ende abzusehen. Was ist bloß mit la douce France los?

01591887_laifDas macht Angst
Die Hobbyangler einer Vereinigung, die sich auch um den Schutz der Gewässer kümmert, aus denen sie Fische holen, säubern seit 20 Jahren Ende Mai den Fluss Ouvèze, über dem sich Privas erhebt, der Hauptort des Départements Ardèche. Die Fronarbeit ist selbstverständlich mit einem gemütlichen Teil verbunden, bei dem die Paella und ein Glas Wein nicht fehlen dürfen. François Bouneaud, der Sekretär des Vereins, wird dennoch nachdenklich, wenn er über die Entwicklung seiner Passion und Region berichtet. «Ich habe mit 6 Jahren zu fischen begonnen, und nun bin ich 63! Es ist meine Leidenschaft, das Geräusch des Wassers, das Licht bei Tagesanbruch, die Stille. Wen es einmal gepackt hat, kommt nicht mehr so leicht davon los. Aber die Natur hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Man sieht weniger Insekten, weniger Vögel, und es gibt viel weniger Wasser als vor 50 Jahren. Es sind heimtückische Verschmutzungen, die Schaden anrichten, man beobachtet immer mehr Algen. Das ist nicht gut. Es macht Angst.»326px-Le_Pouzin_(Ardèche,_Fr)_l'Ouvèze_au_Pont_Romain.JPG

François Bouneaud ist nicht der einzige, der sich Sorgen über die Verarmung der Natur macht. Insekten sind nicht nur in dieser eigentlich intakt wirkenden Gegend erschreckend selten geworden. Die Rede ist von den einheimischen Insekten, von denen es hier früher regelrecht wimmelte. Dafür vermehren sich Eindringlinge wie die Asiatische Hornisse rasend schnell.

HornisseIn der Nachbarschaft wohnt ein Imker, der sich auf die Zerstörung der Nester dieser Bienenjäger spezialisiert hat. Über Arbeit kann er sich nicht beklagen, die Anfragen werden immer häufiger. Und er selbst ist ebenfalls betroffen: Vor ein paar Jahren musste er ein imposantes Nest in der Nähe seiner Bienenhäuser entfernen, und er zeigt ein Foto auf dem Handy: Dieses Frühjahr haben die geflügelten Asiaten mit dem Nestbau an seinem Wohnhaus begonnen…

Laurent DumasIm April, Mai und Juni ist auch in Frankreich Spargelzeit. Ob grün, weiß oder violett – die Stangen schmecken nirgendwo so gut wie in der Gegend, in der sie gestochen wurden. Laurent Dumas zieht sie seit Jahren in Bio-Qualität in der fruchtbaren Erde der Rhoneebene. Sie sind wirklich einzigartig, ich kann mich nicht erinnern, je schmackhaftere und frischere grüne Spargeln gegessen zu haben. gazetteasperge2-300x225Und nun dies: Mitten in der Erntezeit wurde ein Großteil seiner Parzellen von einer kleinen Wanze heimgesucht, deren Larven sich von den kostbaren Stangen ernähren. Das Gemeine Spargelhähnchen (Crioceris asparagi) hat beim Gemüsebauern erhebliche Schäden angerichtet, er konnte dem Bioladen Satoriz nur einen Bruchteil der üblichen Menge liefern. Was Wunder, dass Laurent der nächsten Spargelsaison mit großer Sorge entgegenschaut…Spargelhähnchen

Da ist der Wurm drin
Nicht nur die Insekten machen sich rar, auch andere Lebewesen wie die Regenwürmer sind zu einer selten gesichteten Spezies geworden. Doch heute morgen kroch ein beachtliches Exemplar von rund fünfzig Zentimeter Länge über den Weg. Es gibt ihn also noch, den rosafarbenen Erdarbeiter! Aber wie lange? Ein neuer bedrohlicher Feind, der ursprünglich aus Vietnam und Kambodscha stammt, wandert unaufhaltsam aus dem Süden Frankreichs in Richtung Norden und ist jetzt in der Ardèche angelangt.

geant-bipalium-kewense-tue-un-ver-de-terreBipalium kewense ist ein bis etwa einen Meter langer, schwarz bis bräunlich glänzender Strudelwurm, der aussieht, als sei er plattgewalzt. Die invasiven Exoten mit dem dreieckigen Hammerkopf ernähren sich von Regenwürmern, die sie durch einen neurotoxischen Giftbiss töten. Sie sind zudem am ganzen Körper mit einem Schleim überzogen, der Fressfeinden den Appetit vergällen soll und bei Menschen Allergien auslösen kann. Vermutlich wurde er wie mindestens zehn weitere Plattwurmarten des Stammes Plathelminthes durch Pflanzenimporte eingeführt. Fazit: Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis der Regenwurmkiller aus Asien auch in der Schweiz und Deutschland Einzug hält.

PS: Der Rückgang der Vögel in Frankreich wird nun offiziell als ökologische Katastrophe bezeichnet. Schuld daran seien vor allem der Insektenschwund, der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft sowie die Agrarpolitik der EU, die Brachen nicht mehr fördert. Dem ist beizufügen, dass auch Naturinseln wie die Ardèche von diesem Phänomen betroffen sind. Statt von Vogelgezwitscher wird man morgens wohl bald vom Surren der Drohnen geweckt…

 

SIE EROBERN DIE STÄDTE

Auch in der Ardèche ist dieser Sommer ausgesprochen heiß und lähmend. Es regnet kaum, Teiche und Bäche trocknen aus, und die Flüsse sind stellenweise zu Rinnsalen geschrumpft. Die Feuerwehr ist in erhöhter Alarmbereitschaft, da jeder weggeschmissene Zigarettenstummel einen Waldbrand auslösen kann. Mitte August sehen die Wälder bereits sehr herbstlich aus: Zahlreiche Laubbäume sind verdorrt, und die von den Buchsbaumzünslern heimgesuchten Büsche vermitteln ein tristes Bild. Die großen Ferien neigen sich dem Ende zu, und man versucht, sich von der Bruthitze nicht unterkriegen zu lassen. Zum Beispiel, indem man auf eine der vielen Restaurantterrassen flüchtet.

«Ich liebe Bienen, aber…»
In Privas, dem Hauptort des Departements Ardèche, ist man allerdings auch dort nicht mehr sicher. Seit Anfang August werden die Terrassen im Stadtzentrum täglich ab elf Uhr bis zum Einbruch der Dämmerung von Bienenschwärmen heimgesucht. Sobald etwas Zuckerhaltiges auf den Tisch kommt, sei dies ein Süßgetränk, eine Glace oder ein Kaffee, stürzen sie sich darauf. Die Wirte versuchen, die ungebetenen Gäste mit den verschiedensten Mitteln wie Gewürznelken, ätherischen Ölen oder Sirup auf den Tischen und unter den Bäumen abzulenken. Mehr oder weniger vergeblich. Gäste und Mitarbeiter werden gestochen, und wer allergisch ist, hat Pech gehabt. Genauso wie die Kinder, die auf Bienengift ebenfalls empfindlich reagieren…

Die betroffenen Restaurateure sind verzweifelt. Einer meint sogar: «Man muss eine Petition unterzeichnen. Ich liebe Bienen und bin mir bewusst, dass man sie nicht töten sollte. Aber jetzt reicht es, wir halten es nicht mehr aus!» Ein anderer ist mit den Nerven am Ende: «Ich öffne die Bar, und schon zehn Minuten später sind sie über alles hergefallen. Würde es sich um einen Bienenschwarm mit einer jungen Königin handeln, wäre es nicht so schlimm, den könnte ein Imker einfangen. Doch hier sind es einfach ausgehungerte Arbeitsbienen, und das ist ein echtes Problem.»

Dieser Meinung ist auch der Imker Denis Barbier. Er erklärt das Phänomen der «Stadtbienen» mit dem Wassermangel, der Bruthitze und vor allem dem Mangel an Blumen. Normalerweise entferne sich eine Biene nie weiter als drei Kilometer von ihrem Stock. Weiter fliege sie nur, wenn sie ausgehungert sei. «Die Besitzer ernähren sie offensichtlich jetzt im Sommer nicht, so dass sie auf der Suche nach Nahrung sind. Es ist aber auch möglich, dass es sich um Bienen von Völkern handelt, die auf den Hausdächern oder Balkonen gehalten werden.» Und was kann man nun dagegen tun? Denis Barbier insistiert: «Vor allem soll man sie nicht töten, sondern es mit Sirup gefüllten Schalen versuchen, die man genügend weit von den Tischen entfernt plaziert.» Denn ohne diese Bestäuber gebe es auch keine Früchte und Gemüse mehr. Das wäre eine Katastrophe. Dann müssten wie in China Hunderte von «Menschen-Bienen» mit Pinseln Blüte um Blüte bestäuben. Zu den Nützlingen unter den Bestäubern gehören übrigens nicht nur die Bienen, sondern auch die Hummeln sowie die ungeliebten Wespen und Hornissen, deren Nester deshalb nur im Notfall vernichtet werden sollten.

Zikaden-Sound in der City
Jetzt kommt eine positive Nachricht: Auch die Singzikaden erobern die Städte. Und dies nicht nur in der Provence, die als deren legendäre Heimat gilt. Sie kommen in mehreren Unterarten in ganz Frankreich und selbstverständlich auch in den übrigen südlichen Ländern Europas sowie in den wärmeren Gegenden der Schweiz, Deutschlands und Österreichs vor. Wieso zieht es Zikaden vom Land in die urbanen Lebensräume? Joseph Jacquin-Porretaz, Biologe und Direktor des Insektenzentrums Naturoptère in Sérignan-du-Comtat (von dieser Institution war bereits in einem früheren Blog in Zusammenhang mit Jean-Henri Fabre die Rede), erklärt sich dieses Phänomen folgendermaßen: Erstens würden weniger Pestizide verwendet, und zweitens gebe es in den Städten mehr und mehr Grünzonen.

Extreme Sommerhitze kann sich allerdings auch auf die Zikadenpopulationen des Südens negativ auswirken. Die Larven leben ein bis mehrere Jahre lang im Boden (den Weltrekord hält die im Nordosten der USA lebende Art Magicicada septendecim mit sagenhaften 17 Jahren). Dem Vollinsekt bleiben dann nur noch drei bis vier Wochen, um sich fortzupflanzen. Laut dem Experten Jacquin-Porretaz wird es in den nächsten Jahren viel weniger Zikaden geben, da sie sich wegen der Trockenheit nicht entwickeln konnten. Ganz abgesehen von den Waldbränden, bei denen die Humusschicht samt den darin lebenden Larven verbrannt wird. (Quelle: «Le Dauphiné libéré» vom 9. und 15. August 2017).

Und wo bleibt die Nachtigall?
Der «Gesang» der Zikaden, eigentlich ist es ein Trommeln, wird also seltener. Genauso wie der wunderschöne Gesang der Nachtigall, die im Vallée de l’Eyrieux noch bis vor wenigen Jahren entlang dem Fluss zu hören war. Ihr Verschwinden wird auch vom deutschen Naturschutzbund beklagt. Der NABU führt den Rückgang auf den Verlust von Brutmöglichkeiten zurück. Da die «Königin der Nacht» vorwiegend von Insekten, Larven und Spinnen lebt, könnte meiner Meinung nach nicht zuletzt auch Nahrungsmangel eine Ursache dafür sein.

 

 

 

SPINNER NEHMEN ÜBERHAND…!

… Und was für die Politik gilt, wird auch im Tal des Eyrieux in der Ardèche bittere Realität. Der Buchsbaumzünsler hat das Regiment übernommen. Die im Grunde genommen hübsche Raupe frisst sich mit ungezügeltem Appetit durch die grossen Buchsbestände der Wälder. Abertausende spinnen die eigentlich immergrünen Büsche ein und verwandeln sie innert kürzester Zeit in fahlbraune Gerippe mit dürrem Laub. Zwar meinen manche, dass sich die Buchsbäume wieder erholen werden, wenn der Zünsler verschwunden ist. Aber ob er das tut, solange noch irgendwo etwas Fressbares zu finden ist…?

Die Raupen seilen sich an ihren Spinnfäden ab, lassen sich durch den Wind verfrachten und landen nicht selten auf den Menschen und Tieren in ihrem Territorium. Raupen und Spinnfäden in den Haaren, auf dem T-Shirt, im Gesicht. Es ist deshalb verständlich, dass die Leute es eigenartig finden, wenn man sie auf den Insektenschwund in ihrer Gegend anspricht. Dennoch: Ungeachtet der  Zünslerinvasion ist es eine traurige Tatsache, dass selbst in dieser naturnahen Region immer weniger Falter, Bienen, Wespen, Käfer und Heuschrecken zu finden sind. Entsprechend rar machen sich die Fledermäuse, Schwalben und Eidechsen. Auch gesunde, fette Spinnen kriegt man kaum mehr zu Gesicht.

Früher war auch in der Drôme einiges besser
Dass der Süden Frankreichs vor noch nicht allzu langer Zeit ein Dorado für Insekten und alle von ihnen abhängigen Tiere war, bestätigte Christoph Meckel in seinem 1997 erschienenen Buch «Ein unbekannter Mensch». Der 1935 in Berlin geborene Schriftsteller und Grafiker lebte lange Zeit im Dorf Rémuzat (im Buch Villededon genannt) in der östlichen Drôme, das er folgendermaßen beschreibt: «Das Dorf ist nicht sehenswert, eine einfache Ortschaft, fünfhundert Meter hoch zwischen Felsen und Marnen, Steilhängen mit Bergeichen, Ginster und Zedern, am Zusammenlauf zweier Flüsse aus Nord und Ost, verwilderten Wasserbetten voll Kies und Geäst, die im Winter Ströme, im Sommer Rinnsale sind.» Im Mittelpunkt des schmalen, aber für alle Liebhaber des ländlichen Frankreich lesenswerten Bandes stehen die Menschen, die hier lebten. Die Tierwelt dieser Gegend kommt jedoch auch zu ihrem Recht. «… Schwalben und Mauersegler bauen Nester am Haus, und im Gras die Katze erwartet den Tag, wenn ein junger Vogel herunterfällt, auf dem ersten Flugversuch zwischen Nest und Baum. Die heißen Wochen des Sommers sind leer und still, nur die Fledermaus schwirrt durch die Höfe im Zwielicht, Eule und Käuzchen rufen in der Nacht. Nach dem zehnten September sammeln sich die Schwalben, kreisen und gleiten in Schwärmen über den Hängen und sind eines Morgens nicht mehr da. (…) Die Nachtluft flimmert von Glühwürmchen, Faltern, Fliegen, Moskitos und Motten.»

In Gärten und Parks wird verbissen gekämpft
Ja, so oder ähnlich haben wir es auch bei uns in der Ardèche erlebt. Ob der neue Umweltminister und populäre TV-Star Nicolas Hulot diese paradiesischen Zustände wiederherstellen kann? Er nimmt unter anderem die Pestizide ins Visier, um dem Bienensterben Einhalt zu gebieten, und kämpft dabei gegen die Vorstellungen des Agrarministers. Einfach wird er es wohl nicht haben, darin sind sich auch seine Parteifreunde einig.

In den häufig nur schwer zugänglichen Wäldern der Ardèche bleiben die Buchsbaumzünsler von Vernichtungsaktionen unbehelligt. Anders sieht es in den Gärten und Parks aus, in denen Buchs zu den beliebtesten Gewächsen gehört, da er sich fast beliebig zu Hecken, Kugeln und fantasievollen Figuren trimmen lässt. Es gibt wohl keinen Schlossgärtner in Frankreich, der etwas auf sich hält, der freiwillig auf den Buchs im Park verzichtet. Selbst ökologisch verantwortungsbewusste Hobbygärtnerinnen und -gärtner, die es zuerst mit dem Ablesen der Raupen versuchen oder ihnen mit dem Hochdruckreiniger zu Leibe rücken, greifen schließlich zu den empfohlenen Pestiziden, um das Schlimmste zu verhindern. Und einmal spritzen genügt nicht, die Prozedur muss mehrmals wiederholt werden, damit sie etwas nützt. Auch in diesem Fall wird der Beelzebub mit dem Teufel ausgetrieben, denn diese Mittel sind erwiesenermaßen auch für Bienen und andere Insekten schädlich bzw. tödlich. Monsieur Hulot geht die Arbeit nicht aus!

Zum Abschluss noch eine Feststellung von Maarten Bijleveld van Leexmond, dem 77jährigen holländischen Biologen, Gründer des WWF Niederlande und des Papiliorama im westschweizerischen Marin, der ein Haus im Hérault besitzt: «Es war Mitte der 2000er Jahre. Eines Tages, als ich in der Garrigue spazieren ging, fragte ich mich, wo die Insekten geblieben sind. Es schien mir, dass es viel weniger gab als früher. Und ich realisierte, dass immer weniger an der Frontscheibe und dem Kühlergrill des Autos klebten, sozusagen keine mehr.» In der Folge tat er sich mit einem Dutzend Entomologen zusammen, deren Nachforschungen und Beobachtungen bestätigten, dass der Insektenbestand seit den 1990er Jahren zurückgegangen ist. Ihrer Ansicht nach  ist das Bienensterben nur der sichtbarste Teil dieses Phänomens, das für das ganze Ökosystem gilt. Mehr darüber demnächst!

FEHLT DIE BEUTE, HILFT NUR NOCH BETEN

«Morgen, Kinder, wird’s was geben…» Ja, es ist Vorweihnachtszeit mit allem, was dazugehört: Weihnachtsmärkte, Ohrwürmer wie Jingle bells, jingle bells, jingle all the way in den Warenhäusern, Nikolaus-Skirennen, Glühwein, Einkaufsstress allenthalben… Nur etwas fehlt: der Schnee. Jedenfalls im Wallis sind nur die Gipfel weiß, die Sonne verteidigt ihren Platz hartnäckig. Auch schön, so konnten wir gestern im Rebberg noch einige Trauben pflücken und eine putzmuntere Heuschrecke beobachten.

blog-51Gottesanbeterin auf dem Vormarsch?
Den meisten Zeitungen war es mindestens eine Spalte wert: Die Gottesanbeterin ist zum Insekt des Jahres 2017 erkoren worden. Im Gegensatz zum Star von 2016, dem weitgehend unbekannten Dunkelbraunen Kugelspringer, bietet diese Fangheuschrecke genügend Stoff. Sogar der seriöse deutsche Naturschutzbund bezeichnet sie als «Femme fatale, Vorbild für Kung-Fu-Kämpfer und japanisches Symbol der Wachsamkeit, Geduld und Beständigkeit». Ihren Ruf als Gattenmörderin, die «ihre Männchen nach dem Sex frisst» (NZZ am Sonntag), macht die Gottesanbeterin auch für Menschen zum Faszinosum, die sich sonst nicht sehr für Insekten interessieren. Dahinter steckt jedoch keine sinnlose Brutalität; das (gelegentliche) Opfer des Männchens ist sogar biologisch sinnvoll, da es als Energielieferant für das befruchtete Weibchen dient, das wenige Tage später bis zu 200 Eier in einer Schaummasse ablegt. Dieser Schaum wird so hart, dass er hungrigen Vögeln widersteht und sogar sehr tiefe Temperaturen dem Gelege nichts anhaben können.gottesanbeterin-kopulation

Die Europäische Gottesanbeterin ist ursprünglich von Afrika eingewandert und hat sich allmählich gegen Norden ausgebreitet. Sie mag es warm und möglichst trocken. Die Wahl des deutschen Kuratoriums wird vom NABU wie folgt kommentiert: «In Deutschland kam das Insekt des Jahres 2017 lange Zeit nur in Wärmeinseln wie dem Kaiserstuhl bei Freiburg vor.

blog-51-oothekMittlerweile aber wurde die Gottesanbeterin mit Ausnahme von Niedersachsen und Schleswig-Holstein bereits in allen deutschen Bundesländern nachgewiesen. Einige der Fundorte mögen auch auf Verschleppung als unbeabsichtigtes ‹Urlaubsmitbringsel› aus dem Süden zurückgehen. Aber insgesamt ist die Art ein gutes Beispiel für die Auswirkungen des globalen Klimawandels auf die mitteleuropäische Tierwelt. Mit steigendem Temperaturen wird sich die Gottesanbeterin voraussichtlich immer weiter ausbreiten.»

Wärme allein genügt jedoch nicht. Wenn die Larven im Spätfrühling schlüpfen, benötigen sie ein reiches Nahrungsangebot an noch kleineren Insekten, denn sie müssen innerhalb von gut zwei Monaten von 6 mm auf 6 cm (Männchen) oder gar 7,5 cm (Weibchen) heranwachsen. Und nicht nur das: sie müssen auch genügend fit sein, um sich im August fortzupflanzen.blog-51beute So selbstverständlich, wie es scheint, ist das nicht, vor allem in einem verregneten, kalten Frühjahr wie jenem von 2016. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Der Bestand an Gottesanbeterinnen ist in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen, und zwar in der Ardèche wie im Wallis. Und diesen Sommer war es besonders schlimm. Da hilft nur noch beten!

Die Rebzikade singt nun auch im Wallis
blog-51-rebzikade Nach der Kirschessigfliege sorgt ein weiteres Insekt für Probleme: Die Amerikanische Rebzikade hat sich diesen Herbst auch im Wallis manifestiert. Sie wurde in den 1940er Jahren aus Übersee eingeschleppt und breitete sich allmählich in Europa aus. Scaphoideus titanus misst zwar bloß 5 mm, riesig sind hingegen die Schäden, die die Goldgelbe Vergilbung anrichten kann, die von ihr übertragene Rebenkrankheit. Und sie ist besonders schwierig zu bekämpfen.

blog-51-rebzikade-schadenNeben strenger Kontrolle, Hygiene und Pflanzenschutzmitteln, die großräumig eingesetzt werden müssen, sollen laut Wikipedia bzw. dem Österreichischen Weinbauverband auch die umliegenden Wälder und Gärten einbezogen werden: «Innerhalb ausgewiesener Befalls- und Sicherheitszonen gelten weiter folgende Regelungen. Aufgelassene Weingärten, Vermehrungsflächen, Weinhecken usw. sind bis Ende Mai in einen ordnungsgemäßen Pflegezustand zu bringen oder zu roden. Waldreben (Clematis vitalba) auf bepflanzten Grundstücken und an benachbarten Waldrändern sind zu entfernen. Ihre Wiederaustrieb ist zu verhindern. Sämtliche Weingärten, Weinhecken, Weinlauben sowie einzelne Rebstöcke sind gemäß den behördlichen Vorgaben zu behandeln.» Verständlich, dass die Rebbauern keine Freude an diesem Einwanderer haben.

 

INSEKTENFALLE KUNSTLICHT

Les OllieresIn unserem Eyrieux-Tal, das zum Schutzgebiet Natura 2000 auserkoren wurde, machen sich die Insekten diesen Sommer noch rarer als in den vergangenen Jahren. In den letzten fünf Wochen habe ich ein einziges junges Grünes Heupferd gesichtet, einige wenige Libellen sowie Tag- und Nachtfalter, die wir heute als Ausnahmeerscheinung bestaunen. Bis heute zeigte sich bei uns noch keine Gottesanbeterin. GottesanbeterinDabei waren sie früher häufig, doch offenbar ist das Nahrungsangebot für diese Insekten, die selbst hauptsächlich Insekten erbeuten, allzu mager. Auch Wespen und Hornissen lassen sich bisher höchst selten blicken, um sich am Schinken auf dem Teller zu bedienen, und die beiden brandmageren Winzlinge von Mauereidechsen scheinen auch auf dem Hungertripp zu sein… Erschreckend daran ist unter anderem, dass man sich an diesen Zustand, der ja auch seine angenehmen Seiten hat, nur allzu rasch gewöhnt. Und wer, wie so viele, auch draußen in der Natur nur noch Augen für das Smartphone hat, nimmt sowieso nicht viel von solchen Veränderungen seiner Umgebung wahr.Grünes Heupferd

Im Dorf soll’s dunkler werden
Dieses Wochenende fand in ganz Frankreich die 26. Ausgabe der Nuit des étoiles, der Nacht der Sterne, statt. Rund vierhundert Veranstaltungen widmeten sich der Astronomie und dem Problem, das die künstlichen Lichtquellen Mensch und Tier bereiten. Eine davon wurde im Nachbardorf Les Ollières-sur-Eyrieux mit einem Vortrag und einer Ausstellung durchgeführt.Strassenlampe jpg

Anlässlich einer Arbeitswoche zu diesem Thema wurde beschlossen, die Lichter in der Gemeinde von diesem Herbst an nachts teilweise zu löschen. Die Bürgermeisterin erklärte diesen Entscheid folgendermaßen: «Es geht nicht darum, in die Steinzeit zurückzukehren, sondern im Gegenteil, mit seiner Zeit zu leben, indem man die Nachttiere und die Gesundheit von uns allen schützt. Außerdem spart die Gemeinde dadurch Geld, was nicht ganz unwichtig ist.» Les Ollières wird nicht die einzige Ortschaft in Frankreich sein, die sich dazu entschlossen hat, der Umwelt zuliebe etwas mehr Dunkelheit zu wagen.

Licht EuropaDie Zahlen zur Lichtverschmutzung sind denn auch beeindruckend, obwohl ich mir kaum vorstellen kann, dass sie sich derart präzis erfassen lässt. So sollen 80% der Menschheit in Gebieten leben, in denen die Nacht durch Kunstlicht beeinflusst ist. Über 99% Europas und Amerikas seien davon betroffen. Der Lichtersmog sei der zweitwichtigste Grund für den Insektenschwund, gleich nach den Pestiziden. Laut einer Hochrechnung werden in Deutschland jede Nacht mindestens eine Milliarde Insekten durch Lichtimmissionen getötet. Obwohl ein Teil davon von Fledermäusen oder Vögeln verzehrt wird, haben Insektenfresser auch in Städten auf längere Sicht bestimmt das Nachsehen.

Kampf um Kirschen und Aprikosen
Das Motto dieses Blogs stimmt nicht immer mit der Wirklichkeit überein: Fast täglich berichten die Medien von Insekten, die sich schneller vermehren, als manchen lieb ist. Dazu gehört die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii), die aus Südostasien eingewandert ist und seit 2009 auch in der Schweiz und Frankreich ihr Unwesen treibt. Bei den Wein- und Obstbauern ist der orangefarbene Zweiflügler mit den knallroten Augen höchst unbeliebt. Er hat die diesjährige Kirschenernte in den französischen Departementen Drôme und Ardèche um rund die Hälfte schrumpfen lassen. Zahlreiche Landwirte geraten dadurch in eine finanzielle Notlage, etliche geben sich geschlagen und fassen einen Berufswechsel ins Auge. Kirschen SuzukiiDazu kommt, dass das zur Bekämpfung der Kirschessigfliege eingesetzte Insektizid Dimethoad in Frankreich seit Februar 2016 verboten ist, obwohl die für Bienen und andere Insekten gefährliche Substanz in anderen EU-Staaten und auch in der Schweiz nach wie vor zugelassen ist. Einige der betroffenen Jungbauern in der Ardèche finden dies ungerecht und beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Protest! Sie versammelten sich am Samstagmorgen, 30. Juli, vor dem Regierungsgebäude in Privas und versuchten, mit den zuständigen Beamten eine Lösung zu finden. Man versprach ihnen eine finanzielle Entschädigung, konkret ist jedoch noch nichts festgelegt. Den Landwirten reicht das nicht, sie erwarten präzise Vorschläge, wie sie die «Suzuki» bekämpfen können, ohne dafür mehr Arbeit und/oder Geld zu investieren. UnbenanntDenn sie befällt nicht nur Kirschen und Trauben, sondern auch Aprikosen, Pfirsiche und Himbeeren. Wenn es so weitergehe, meint einer, werde es in der Ardèche bald keine Obstproduktion mehr geben. Dann importiere man künftig alles aus dem Ausland…

PS: Zecken sind zwar streng genommen keine Insekten, sondern Milben, und sie haben sich dieses Jahr auch in Südfrankreich extrem vermehrt. Eine davon hat vor ein wenigen Wochen den kleinen Hund eines Nachbarn mit einem Virus infiziert, das in wenigen Tagen zu seinem Tod führte!

 

 

EIN RESERVAT FÜR DIE URBIENE

plage-stpierreville-46777Das Gebiet um das Tal des Eyrieux französischen Departement Ardèche, im Osten des Zentralmassivs, die sogenannten Boutières, zieht Menschen an, die das Urtümliche mögen. Keine Golfplätze und 4-Sterne-Hotels mit Spa, dafür Campingplätze, Wildbäche und ausgedehnte Kastenienwälder, in denen Wildschweine hausen. Statt Einkaufsmeilen mit schicken Boutiquen gibt’s kleine Märkte mit Produkten aus der Gegend: Gemüse und Obst, Ziegen- und Schafkäse, Trockenwürste und Honig. Mit etwas Glück lässt sich sogar der kostbare Honig von Bienen finden, die so selten geworden sind, dass man Vereine gründet, um sie zu retten. Etwa auf dem Sonntagsmarkt von Saint-Pierreville, am Stand von Vincent Canova, der auch einige Bioläden beliefert (mehr darüber auf mielduvivarais@gmail.com).

arton978Die Ahnfrau im dunklen Gewand
Apis mellifera mellifera, die Dunkle Europäische Biene, hat die Blütenpflanzen unseres Kontinents bereits vor Millionen Jahren bestäubt und so für deren Verbreitung gesorgt. Der Mensch tauchte erst viel später auf, entdeckte aber ihren Honig als Nahrungquelle vermutlich schon sehr früh. Sie ist dunkel gefärbt, fast schwarz, winterhart, genügsam und langlebig. Auf menschliche Unterstützung ist sie eigentlich nicht angewiesen, sie bringt sich selbst durch, wenn man sie lässt. Ihr Untergang begann Mitte des 19. Jahrhunderts, als man zur Steigerung der Honigproduktion fremde Bienenrassen einkreuzte. Wikipedia: «Das führte zu ihrer Verdrängung in vielen Regionen ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets. Vielerorts besteht reges Interesse an einer Wiedereinbürgerung. In manchen Ländern Europas wie der Schweiz, Frankreich, Belgien, Dänemark, Norwegen, Schweden, Irland, England, Österreich (Tirol), Polen gibt es noch umfangreiche, mehr oder weniger reine Bestände, in Deutschland nur noch in wenigen, meist hochgelegenen Regionen.»signet

In den Boutières wird sie umgangssprachlich Abeille noire genannt, die Schwarze Biene. Fünf Männer und eine Frau setzen sich dafür ein, die gefährdete Einheimische zu fördern und das Wissen über diese Rasse zu verbreiten.

SONY DSCDer Initiator und Präsident des Projekts, Vincent Canova, ist Berufsimker. Er hat den Betrieb seiner Eltern übernommen, die auf ihrem Hof in Gluiras während über vierzig Jahren Honig produzierten, und dies stets mit der Schwarzen Biene. Der großgewachsene Mittdreißiger hat sich zum Ziel gesetzt, der Bienenzucht in der Boutières wieder einen größeren Stellenwert zu verschaffen. Zum Beispiel, indem er sich voll und ganz der Nachhaltigkeit verschreibt, dem Respekt vor seinen Schützlingen, die er so natürlich wie möglich halten und nutzen will. Ihr Lebensrhythmus soll nicht der Produktionssteigerung angepasst werden. Denn immer mehr Ertrag mit Hilfe importierter, degenerierter Zuchtbienen kommt für ihn nicht in Frage. Doch wie stellt sich sein Verein die Alternative dazu vor?

Ruhezonen für fleißige Arbeiterinnen
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Es gibt bereits rund ein Dutzend Vereinigungen in Frankreich und Belgien, die sich für die Rettung von Apis mellifera mellifera einsetzen. Ihr Kürzel FEDCAN steht für Fédération européenne des conservatoires d’abeille noire. Zu diesem Zweck werden Zonen ausgeschieden, die den Urbienen reserviert sind. In den Boutières ist ein Reservat mit einer Kernzone von 6 km und einer Pufferzone von 25 km geplant. Hier sollen sie nach strikten Regeln gehalten werden. Das heißt: keine Transhumanz, natürliche Produktion der Königinnen, strikte biologische Behandlung von Krankheiten und Parasiten, natürliche Schwarmvermehrung und keine Maximierung der Honigproduktion. Außerdem werden die Völker regelmäßig kontrolliert, um die Reinheit der Rasse zu erhalten. Doch damit nicht genug. Man will die Bevölkerung durch Vorträge und Ausstellungen sensibilisieren, Schulen besuchen, pädagogische Lehrmittel herstellen, Feste organisieren, eine Schule für Bienenzucht im Sinne der FEDCAN gründen, die Schwarze Biene für Interessierte besser zugänglich machen und anderes mehr…

thDass das ehrgeizige Projekt nicht nur mit Idealismus verwirklicht werden kann, ist den Initianten bewusst. Sie hoffen auf finanzielle und ideelle Unterstützung durch Menschen, denen die Bienen und eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt am Herzen liegt. Mehr auf der (noch nicht ganz fertigen) Internetsite: www.abeillenoiredesboutieres.fr/