MILCH IM WEINBERG

Im vorletzten Beitrag, «Ostern im Zeichen des Protests», war vom Verbot der Neonicotinoide in Frankreich die Rede. Das Parlament hatte, wenn auch knapp, am 18. März dieses Jahres entschieden, dieses umstrittene Pestizid im Hexagon zu verbieten. Zuerst hieß es, die Frist laufe bis 2017, kurz danach wurde sie bis 2018 verlängert. Die Reaktion der Landwirtschaft war erwartungsgemäß ablehnend, und ich lag richtig mit der Vermutung, dass diese Entscheidung noch viel Diskussionsstoff liefern werde.

Ein rascher Rückzieher1 Glyphosat-Demo
Es ging schneller, als ich dachte. Der französische Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll setzte alle Hebel in Bewegung, um das «brutale Verbot» zu verhindern oder zumindest abzuschwächen. Der 56jährige Sozialdemokrat und Regierungssprecher hat genügend Einfluss, auch in grünen Kreisen, um seinem Engagement für die Bauern Gehör zu verschaffen. Neonicotinoide dürfen nun ausnahmsweise eingesetzt werden, falls «Gefahr für die Kulturen» bestehen. Ein dehnbarer Begriff, mit dem der Landwirtschaft mehr oder weniger freie Hand gelassen wird. Inzwischen hoffe der Minister auf die Erneuerung des europäischen Moratoriums, das sich vermutlich ebenfalls für die Sache des Agrobusiness entscheiden wird.

Diese Verwässerung geht der umbequemen Delphine Batho (ebenfalls SP) gegen den Strich. Die ehemalige, 2013 geschasste Umweltministerin fordert die Bevölkerung auf, weiter gegen den Einsatz von Pestiziden zu kämpfen. Das Schicksal der Bienen und der Menschheit sei miteinander verbunden, sagt sie, und stellt sich damit gegen den deutschen Chemieriesen Bayer, der Frankreichs Landwirtschaft den Niedergang prophezeit, falls sie auf seine Produkte verzichte. Fortsetzung folgt… Quelle: «L’Obs» Nr. 2681 vom 24. März 2016.

Trotz Migration, Merkel-Erdogan-Geplänkel, Panama usw. ist Glyphosat für die Presse immer wieder ein Thema. Zum Beispiel im «Spiegel», der das forsche Vorgehen der EU-Kommission anprangert, die bereits im Juni über die Neuzulassung des Herbizids entscheiden will: «Dabei ist eine wichtige Untersuchung dazu bis dahin noch gar nicht abgeschlossen. Die Europäisch2 Arzte Chemikalienagentur (ECHA) untersucht im Auftrag der Bundesregierung, ob das Pestizid Krebs erregt. Doch Berlin und die EU-Kommission wollen die Ergebnisse nicht abwarten. … Sollte die ECHA Bedenken äussern, könne die Kommission immer noch ‹angemessene Schritte› einleiten.» Ob sich die Grünen mit ihrem Protest dagegen durchsetzen?

Jetzt haben auch die Schweizer entdeckt, dass nicht nur im deutschen Bier Glyphosat schwimmt. Wen wundert’s? Wie beim Gerstensaft unserer Nachbarn sei dies jedoch unbedenklich, da man ungefähr tausend Liter trinken müsse, bis die Dosis genügend gross sei, um krank zu machen. Laut einer Studie des Bundes für Umwelt und Naturschutz sollen die Deutschen übrigens in Sachen Glyphosat-Belastung den zweiten Platz besetzen, gleich nach Malta: «Alle untersuchten Personen leben in Städten, und niemand hat selber glyphosathaltige Produkte eingesetzt.» Liegt’s am Bier und an den Bretzen? Der konventionelle Weinbau setzt übrigens ebenfalls Glyphosat als Herbizid ein, und dies in nicht geringen Mengen…

4 MehltauWer hat’s erfunden?
Für einmal nicht die Schweizer, sondern die Australier. Bereits 2002 hat die Universität von Adelaide Versuche durchgeführt, um mit natürlichen Mitteln den Mehltau in den Rebbergen zu bekämpfen. Als besonders wirksam erwies sich die Milch. Peter Crisp, der Leiter der Studie, behauptet, sie sei genau so effizient wie chemische Pflanzenschutzmittel. Verwendet wurden verdünnte Frischmilch, aber auch Milchpulver und verdünnte Molke, die bei der Käseproduktion anfällt. Seither haben sich vor allem Bio-Winzer für die Behandlung mit Milch anstelle von Schwefel interessiert.
Das könnte sich jedoch ändern, da das Spritzen mit Milchprodukten auch aus finanziellen Gründen interessant ist. Den Walliser Weinbauern wurde jedenfalls empfohlen, sich mit der umweltfreundlichen Methode vertraut zu machen. Damit würde gleichzeitig die Milchschwemme sinnvoll genutzt.

3 Heli spray20159Im Wallis und im Waadtland wird die Air-Glaciers dieses Jahr von Mitte Mai bis Ende August auf insgesamt 500 Hektaren Magermilch übers steile Rebland spritzen. Die beteiligten Winzer wollen damit der Umwelt, den Konsumenten und ihrer eigenen Gesundheit einen Gefallen tun. Es geht ihnen jedoch nicht zuletzt ums Image des Weinbaus, das verbessert werden soll. Und weil den chemischen Produkten immer mehr Restriktionen drohen, werden künftig auch «sanfte» Herbizide getestet.

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