ERIKA VON DEPPENDORF

Erika_nah-300x180Selten hat ein einzelnes Insekt soviel mediale Aufmerksamkeit erregt wie die Stubenfliege namens Erika. Dahinter steckt ein deutsch-schweizerisches Happening, das mehr sein will als ein lustiger Event, sondern mit hochgesteckten ökologischen Zielen verbunden ist und unlängst mit dem Schweizer Ethikpreis honoriert wurde. Aber eins nach dem andern…

Vom Saulus zum Paulus
Die 1956 gegründete deutsche Firma Reckhaus GmbH Co. produziert eine Palette von Insektenbekämpfungsmitteln für den Hausgebrauch. In deren Visier stehen vor allem Fliegen, Mücken, Trauermücken, Ameisen und andere Untermieter, die man lieber vor die Türe setzen möchte. Hauptsitz des Unternehmens ist mit 50 Angestellten und rund 20 Millionen Euro Umsatz Bielefeld, seit 1999 befindet sich die Verwaltung im appenzellischen Gais. Der Sohn des Gründers, Hans-Dietrich Reckhaus, hatte an der Wirtschaftshochschule St. Gallen studiert und dabei Gefallen an der Hügellandschaft dieser Gegend gefunden.

FliegenrettungAls Schöngeist, der sich eher für Literatur und Kunst als für die Vernichtung von Insekten interessierte, aber dem Betrieb dennoch nicht untreu werden wollte, stand er zwischen Tür und Angel. Bis «Flippi», eine klebende Fliegenfalle, die ans Fenster geklebt wird, patentiert wurde. Um das neue Produkt zu propagieren, wandte sich Hans-Dietrich Reckhaus an das «Atelier für Sonderaufgaben» der Zwillingsbrüder Frank und Patrik Riklin in St. Gallen. Die Konzeptkünstler redeten dem Fabrikanten ins Gewissen, und er liess sich davon überzeugen, dass man Fliegen nicht einfach umbringen dürfe, sondern sie vielmehr retten solle. So kam die Aktion zustande, die 2012 unter dem Motto «Fliegen retten in Deppendorf» begann. Die Ortschaft in Nordrhein-Westfalen mit dem politisch wohl kaum korrekten Namen machte begeistert mit, briet Würste, schenkte Bier aus, kreierte sogar einen «Fliegenschnaps» und fing 902 Fliegen, ohne sie zu töten, darunter auch die berühmte Erika.

Die Brüder Riklin hatten mit ihr einiges im Sinn: «Wer fliegt mit einer Fliege in den Wellness-Urlaub? Eine der geretteten Fliegen reist mit einem Fliegenretter-Paar für drei Tage in ein bayrisches 5-Sterne-Hotel – mit Hubschrauber, Flugzeug und Taxi. Was passiert, wenn ein Unternehmer für Insektenbekämpfung in das weltweit erste Flugticket für eine Fliege investiert? Wie reagiert eine Stewardess, wenn ein vermeintlich leerer Sitzplatz der Lufthansa offiziell mit einer Fliege als Passagierin besetzt ist?» Wie das Bordpersonal reagiert hat, ist nicht überliefert. Das ungewöhnliche Unternehmen war vielleicht nicht besonders ökologisch, erzielte jedoch den erwünschten PR-Effekt: Erika machte fette Schlagzeilen.Fliege Erika

Erika lebte nach ihrer Rettung dank guter Pflege noch fünf Wochen. Während ihre 901 Artgenossen in einem mit rotem Samt ausgeschlagenen Massensarg endeten, wurde Erika präpariert und kam in einen Banksafe der UBS Teufen. Die Begründung für ihre Aktion liefern die Konzeptkünstler auf ihrer Homepage: «Die vermutete Absurdität des Fliegenrettens eröffnet eine neue Dimension in der Welt der Insektenbekämpfung, indem die kreative Anstiftung der Kunst das Denken und Handeln eines Unternehmers entscheidend beeinflusst. Dieser Transformationsprozess zeigt, dass die Kunst fähig ist, einen Unternehmer vom ‹Insektenbekämpfer› in einen ‹Insektenretter› zu verwandeln.»

Am 2. März 2015 wurde Erika in Anwesenheit von über fünfzig Gästen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Medien in der Hochschule St. Gallen feierlich in einem Sarkophag im Fussboden des Erdgeschosses bestattet. Damit wurde sie auch in die berühmten Kunstsammlung der HSG integriert. Der Stifter des Kunstwerks, Dr. Hans-Dietrich Reckhaus, hat sich inzwischen ein Konzept ausgedacht, das seine Insektizide durch Ausgleichsflächen zu «ökoneutralen Bioziden» mutieren soll. Demnach werden von der Firma Reckhaus die durch Biozide verursachten Schäden «auf der Basis eines weltweit einzigartigen wissenschaftlichen Modells» berechnet und durch die Anlage von insektenfreundlichen Grünflächen mit Totholz, Sand, Steinhaufen, Tümpeln usw. kompensiert. Nach dieser Rechnung soll ein Biotop von 200 Quadratmetern 72 000 Fliegenfallen kompensieren. Das Projekt läuft unter dem Gütesiegel «Insect Respect» und beteiligt die Käufer mit dem bescheidenen Betrag von 10 Cent an der Wiedergutmachung.Fliege signet

Mehr zum Thema unter: www.insect-respect.org/projekte/ausgleichsflaechen.html, www.sonderaufgaben.ch

Das Buch zum 60-Jahr-Jubiläum der Firma von H.-D. Reckhaus, «Warum jede Fliege zählt», kann in der Papierversion gratis (zuzüglich Versandkosten) bestellt oder als PDF heruntergeladen werden: www.reckhaus.com

 

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