JANUARLOCH

 

Für einmal ist es trüb, sogar Regen ist angesagt. Und das im Wallis, wo der Himmel prinzipiell immer blau ist und es, wenn schon, schneien müsste, um die Touristen ins Tal und auf die Höhen zu locken. Wenn wir schon beim Wetter sind: Für die Deutschschweizer Wetterprognose existiert das Wallis schlicht nicht. 4025 Dieser Meinung war bereits vor über dreißig Jahren die Journalistin Lieselotte Kauertz (1924−2006). Die witzige Wahl-Walliserin mit deutschen Wurzeln war nicht nur für den «Walliser Boten» und andere Zeitungen, sondern auch als Reiseleiterin und Sekretärin für Alice Herdan-Zuckmayer tätig. Ich lernte sie 1983 über die Arbeit an einem Schweiz-Reiseführer kennen, für den sie den Kanton Wallis betreute und in dem sie schrieb: «Vor dem Staunenden liegt das Walliser Rhonetal im gleißenden Sonnenlicht, das es gern für Reisende aus dem Norden bereithält, die das schlechte Wetter gepachtet haben.» Und sie fand es skandalös, dass man am Radio stets hören musste, das Mittelland liege unter einer Nebeldecke und in der Südschweiz (sprich: Tessin) regne es. Kein Wort vom blauen Himmel über dem Rhonetal! Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

vogel-fuettern-winter_lbv_ingo_rittscher-810x394Keine Vögel am Futterbrett! Wirklich?
Für Insektenforscher und -freunde ist der Winter eine ruhige Zeit. Um so mehr beschäftigen einen die Vögel, die während der kalten Monate den ganzen Tag über hungrig sind. Dass dies anscheinend nicht überall der Fall ist, erfährt man aus den Medien. Mit fetten Lettern verkünden sie: Die Vogelhäuschen werden dieses Jahr von den Vögeln gemieden! Zahlreiche Futterstellen bleiben unbesucht, sogar die leckersten Meisenknödel hängen unberührt in Bäumen und Terrassen. Die «NZZ» klagt: «In vielen Futterhäuschen ist derzeit nur wenig Betrieb; Meisen, Amseln und Rotkehlchen sind vielerorts nur selten zu sehen. Wer den Tieren etwas Gutes tun wollte, ist enttäuscht.»rotspecht

Die Schweizer Vogelwarte sieht die Gründe dafür unter anderem im warmen Herbst, der für gute Futterverhältnisse in der Natur gesorgt habe. Schließlich seien die Tiere nicht unbedingt auf das Futter der Menschen angewiesen. Und wenn das Angebot an Futterstellen groß sei, würden sich die Hungrigen auf viele Orte verteilen.images

Während ich diese Nachrichten lese, zwitschert eine große Vogelschar schier ohrenbetäubend vor dem Bürofenster. Das Vogelhäuschen und der mit Fettkugeln und Erdnusswürsten bestückte Feigenbaum werden von Spatzen, Meisen und Rotkehlchen heftig umschwärmt. Amseln hüpfen auf dem Rasen herum und sind mittlerweilen fast zahm geworden… Obwohl auch im Wallis der Herbst ungewöhnlich lang und warm war, haben die gefiederten Freunde ihren gesunden Appetit offenbar nicht verloren und würden sich über die Erklärungen der Ornithologen in Sempach wundern.

Soldatenfliegen auf dem Vormarsch
Im Blog «Insektenessen» habe ich Ende Dezember auf die Absurdität hingewiesen, dass in der Schweiz und anderen Ländern Insekten für den menschlichen Verzehr erlaubt, für Nutztiere jedoch verboten sind. Jetzt steigt die Bühler Group Uzwil – rund 10 800 Mitarbeitende in 140 Ländern mit einem Umsatz von 2,4 Millarden Franken – in die industrielle Insektenproduktion ein.300px-hermetia_illucens_black_soldier_fly_edit1 Bühler Insect Technology Solutions will Neuland erobern: «Mit einem Partner in China arbeiten wir am Aufbau einer Pilotanlage für die industrielle Verarbeitung von Fliegenlarven und Mehlwürmern. Das Ziel ist die Gewinnung eines Insektenmehls als Ersatz für Fischmehl sowie eines hochwertigen Fettes, das dem Palmkernöl ähnlich ist. (…) Der Fokus liegt zunächst auf den Larven der Schwarzen Soldatenfliege. Wegen ihrer beeindruckenden Fähigkeit, organische Abfälle in hochwertiges Eiweiß umzuwandeln, wird diese Spezies auch die ‹Königin der Abfallverwertung› genannt. black-soldier-fly-larvae-hermetia-illucensZu einem späteren Zeitpunkt werden dann auch Lösungen für andere Arten wie etwa Mehlwürmer entwickelt. Insektenproteine haben großes Potential für die Aquakultur sowie als Lebens- und Futtermittel: Bis 2050 könnte der Anteil der Insekten an der weltweiten Eiweißproduktion bereits 15% betragen.» Mehr Infos unter www.buhlergroup.com

Übrigens: Die ökologisch vielversprechende Schwarze Soldatenfliege (Hermetia illucens) gehört zur Familie der Waffenfliegen, die ihre kriegerischen Namen der Ähnlichkeit mit alten Uniformen verdanken. Sie stammen vermutlich aus Südamerika und wurden nach Europa eingeschleppt. Ein weiterer «böser Neozoon», der sich zum Nützling mausert.

EIN BAUM FÜR GÖTTER UND BIENEN

650x365_sion_hiverEs hat geschneit. Endlich. Das fahle Braungrün wird von einer weißen, wenn auch dünnen Decke kaschiert. Immerhin. Das Wallis zeigt einmal mehr, dass es ein ausgesprochenes Trockental ist − die Stimmung in den Skistationen war auch schon besser. Dafür versinkt Griechenland im Schnee, und Jeffrey S. Kingston (Uhren-, Wein- und Gastrokenner) schwärmt in seinem Neujahrs-Mail von spektakulären 160 cm Tiefschnee und einer Menge Sonnenschein in seinem geliebten Sun Valley in Idaho, wo die Berge und die Chalets nicht viel anders aussehen als in den Schweizer Alpen. Müssen wir uns darauf einstellen, zum Skifahren künftig in die USA zu jetten?

goetterbaum-ganzDer schöne Exot muss verschwinden!
Hierzulande hat man dem Götter- oder Himmelsbaum (Ailanthus altissima) den Kampf angesagt. In Sion und Sierre ist seit diesem Dezember eine gnadenlose Ausrottungsaktion in Gange. Der Invasor wachse zu schnell in die Höhe, produziere zu viele Samen, breite sich unaufhaltsam aus und erobere die umliegenden Wälder, wo er die einheimischen Bäume verdränge. Außerdem koste der Krieg gegen den lästigen Fremdling eine Stange Geld.

k_1476356812Ja, es gibt in unserer Gegend Götterbäume. Und es wäre jammerschade, würden sie alle verschwinden. Ich habe ein wenig in den Büchern gestöbert und bin auf erstaunliche Informationen gestoßen, die das neuerdings verfemte Bittereschengewächs rehabilitieren. Demnach wurde der aus Südostasien stammende Götterbaum um 1730 erstmals in England in Parks und an Straßenrändern angepflanzt und verbreitete sich nach und nach in Süd- und Mitteleuropa. Dank seinen gelb-roten Früchten ist er höchst  dekorativ, und seine übrigen Eigenschaften machen ihn eigentlich ausgesprochen sympathisch.

Ailanthus altissima var. altissima / Chinesischer Götterbaum / Tree of Heaven / Ailanthe glanduleuxAus dem Harz seiner rissigen Rinde gewinnt man Räucherwerk sowie Heilmittel gegen Durchfall, Würmer und andere Beschwerden. Aus dem Holz wurden früher Fischerboote gezimmert und Holzschuhe geschnitzt. Außerdem übersteht der Götterbaum lange Dürreperioden und Temperaturen bis minus 30 °C problemlos, stellt keine Ansprüche an den Boden und ist gegen urbane Luftverschmutzungen resistent. Die duftenden Blüten sollen zudem viel Nektar produzieren und von Bienen und anderen Insekten intensiv besucht werden. Sein Honig ist laut Wikipedia würzig und wohlschmeckend, mit muskatellerartigem Aroma. Und die Pollen des Götterbaums sollen ein neues potentielles Allergen darstellen. Eine Augen- und Bienenweide also, wirklich ein Götterbaum, für den das Zentral- und Unterwallis grundsätzlich ein idealer Standort wäre! Aber eben doch ein böser Neophyt…

musee-de-la-nature-sionIns Museum statt auf die Piste
Der Schneemangel hat auch Vorteile. Man nimmt sich beispielsweise endlich Zeit, ins Naturmuseum in Sitten zu spazieren, um die Mini-Ausstellung von Wildbienen des Entomologen Maurice Paul (1835−1898) aus dem späten 19. Jahrhundert zu besichtigen. Zugegeben: Sensationell sind die beiden Kästen beim Eingang nicht. Sie führen jedoch auch Laien auf einen Blick vor Augen, welche Vielfalt an Größe und Formen «die sensible Welt der Wildbienen» entwickelte. Die spannend inszenierte Ausstellung zum Thema «Der Mensch und die Natur im Wallis» ist natürlich ebenfalls einen Besuch wert.wildbienen

Und schließlich singt der in Zürich lebende Künstler Heinrich Röllin auf seiner Neujahrskarte ein beeindruckendes Loblied auf die Imme:

«Eine Biene wiegt 80 Milligramm und bringt von einem Flug 50 Milligramm Pollen. Auf Kleeblüten sind 1500 Besuche notwendig, bis ein Bienenmagen gefüllt ist, aber eine Biene muss 60mal ihren Magen leeren, wenn sie nur einen Fingerhut Nektar sammeln will. Man nimmt an, dass 20 000 Bienenflüge notwendig sind, um einen Liter Nektar einzubringen. Aus einem Liter Nektar werden aber nur 150 Gramm Honig gewonnen. 1 Kilogramm Honig ist demnach die Lebensarbeit von 6000 Bienen. Und das alles unentgeltlich!»

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FEHLT DIE BEUTE, HILFT NUR NOCH BETEN

«Morgen, Kinder, wird’s was geben…» Ja, es ist Vorweihnachtszeit mit allem, was dazugehört: Weihnachtsmärkte, Ohrwürmer wie Jingle bells, jingle bells, jingle all the way in den Warenhäusern, Nikolaus-Skirennen, Glühwein, Einkaufsstress allenthalben… Nur etwas fehlt: der Schnee. Jedenfalls im Wallis sind nur die Gipfel weiß, die Sonne verteidigt ihren Platz hartnäckig. Auch schön, so konnten wir gestern im Rebberg noch einige Trauben pflücken und eine putzmuntere Heuschrecke beobachten.

blog-51Gottesanbeterin auf dem Vormarsch?
Den meisten Zeitungen war es mindestens eine Spalte wert: Die Gottesanbeterin ist zum Insekt des Jahres 2017 erkoren worden. Im Gegensatz zum Star von 2016, dem weitgehend unbekannten Dunkelbraunen Kugelspringer, bietet diese Fangheuschrecke genügend Stoff. Sogar der seriöse deutsche Naturschutzbund bezeichnet sie als «Femme fatale, Vorbild für Kung-Fu-Kämpfer und japanisches Symbol der Wachsamkeit, Geduld und Beständigkeit». Ihren Ruf als Gattenmörderin, die «ihre Männchen nach dem Sex frisst» (NZZ am Sonntag), macht die Gottesanbeterin auch für Menschen zum Faszinosum, die sich sonst nicht sehr für Insekten interessieren. Dahinter steckt jedoch keine sinnlose Brutalität; das (gelegentliche) Opfer des Männchens ist sogar biologisch sinnvoll, da es als Energielieferant für das befruchtete Weibchen dient, das wenige Tage später bis zu 200 Eier in einer Schaummasse ablegt. Dieser Schaum wird so hart, dass er hungrigen Vögeln widersteht und sogar sehr tiefe Temperaturen dem Gelege nichts anhaben können.gottesanbeterin-kopulation

Die Europäische Gottesanbeterin ist ursprünglich von Afrika eingewandert und hat sich allmählich gegen Norden ausgebreitet. Sie mag es warm und möglichst trocken. Die Wahl des deutschen Kuratoriums wird vom NABU wie folgt kommentiert: «In Deutschland kam das Insekt des Jahres 2017 lange Zeit nur in Wärmeinseln wie dem Kaiserstuhl bei Freiburg vor.

blog-51-oothekMittlerweile aber wurde die Gottesanbeterin mit Ausnahme von Niedersachsen und Schleswig-Holstein bereits in allen deutschen Bundesländern nachgewiesen. Einige der Fundorte mögen auch auf Verschleppung als unbeabsichtigtes ‹Urlaubsmitbringsel› aus dem Süden zurückgehen. Aber insgesamt ist die Art ein gutes Beispiel für die Auswirkungen des globalen Klimawandels auf die mitteleuropäische Tierwelt. Mit steigendem Temperaturen wird sich die Gottesanbeterin voraussichtlich immer weiter ausbreiten.»

Wärme allein genügt jedoch nicht. Wenn die Larven im Spätfrühling schlüpfen, benötigen sie ein reiches Nahrungsangebot an noch kleineren Insekten, denn sie müssen innerhalb von gut zwei Monaten von 6 mm auf 6 cm (Männchen) oder gar 7,5 cm (Weibchen) heranwachsen. Und nicht nur das: sie müssen auch genügend fit sein, um sich im August fortzupflanzen.blog-51beute So selbstverständlich, wie es scheint, ist das nicht, vor allem in einem verregneten, kalten Frühjahr wie jenem von 2016. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Der Bestand an Gottesanbeterinnen ist in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen, und zwar in der Ardèche wie im Wallis. Und diesen Sommer war es besonders schlimm. Da hilft nur noch beten!

Die Rebzikade singt nun auch im Wallis
blog-51-rebzikade Nach der Kirschessigfliege sorgt ein weiteres Insekt für Probleme: Die Amerikanische Rebzikade hat sich diesen Herbst auch im Wallis manifestiert. Sie wurde in den 1940er Jahren aus Übersee eingeschleppt und breitete sich allmählich in Europa aus. Scaphoideus titanus misst zwar bloß 5 mm, riesig sind hingegen die Schäden, die die Goldgelbe Vergilbung anrichten kann, die von ihr übertragene Rebenkrankheit. Und sie ist besonders schwierig zu bekämpfen.

blog-51-rebzikade-schadenNeben strenger Kontrolle, Hygiene und Pflanzenschutzmitteln, die großräumig eingesetzt werden müssen, sollen laut Wikipedia bzw. dem Österreichischen Weinbauverband auch die umliegenden Wälder und Gärten einbezogen werden: «Innerhalb ausgewiesener Befalls- und Sicherheitszonen gelten weiter folgende Regelungen. Aufgelassene Weingärten, Vermehrungsflächen, Weinhecken usw. sind bis Ende Mai in einen ordnungsgemäßen Pflegezustand zu bringen oder zu roden. Waldreben (Clematis vitalba) auf bepflanzten Grundstücken und an benachbarten Waldrändern sind zu entfernen. Ihre Wiederaustrieb ist zu verhindern. Sämtliche Weingärten, Weinhecken, Weinlauben sowie einzelne Rebstöcke sind gemäß den behördlichen Vorgaben zu behandeln.» Verständlich, dass die Rebbauern keine Freude an diesem Einwanderer haben.

 

EIN FLEXIBLER SCHWÄRMER

 

 

blog-48-lac-de-montorgeEndlich komme ich wieder zum Bloggen! Vor den Festtagen geht es jedoch nicht nur in den Warenhäusern hoch zu und her, auch für viele Übersetzer sind das strube Zeiten. Der Kunde ist jedoch König, da muss das meiste für eine Weile zurückstehen…

Die Spaziergänge mit Hund Truffo lassen wir uns dennoch nicht nehmen. Morgens, wenn es genügend hell ist, um das Montorge-Seelein zu umrunden, fand bis vor einigen Tagen ein großartiges Schauspiel statt. Auf der kleinen, mit Röhricht bewachsenen Insel rechts im Bild befindet sich nämlich ein Schlafplatz für Stare, die sich jeweils im Herbst für einige Wochen zu Hunderten einfinden. Solche Inseln gehören zu ihren Lieblingsplätzen, die sie oft während Jahrzehnten aufsuchen.schwarm

Soziale Tänzer und Schwätzer
In der Morgendämmerung beginnt auf der kleinen Insel ein eifriges Geschwätz, das weitherum zu hören ist. Es scheint zum Ritual der Stare zu gehören, miteinander zu kommunizieren, bevor man sich zum Tagesgeschäft aufmacht. Irgendwann verstummen sie schlagartig, und einige Sekunden später rauscht der Schwarm himmelwärts, zieht noch ein paar Runden und verschwindet schließlich in Richtung Weinberge, wo sich die Vögel tagsüber die Bäuche vollschlagen. Nicht unbedingt zur Freude der Winzer, versteht sich…

A flock of starlings fly over an agricultural field near the southern Israeli city of Netivot January 24, 2013. REUTERS/Amir Cohen (ISRAEL - Tags: ANIMALS ENVIRONMENT TPX IMAGES OF THE DAY)Bevor es einnachtet, kehren sie gemeinsam zum Schlafplatz zurück. Es scheint, als wollten sie zur Krönung des Tages ein Feuerwerk ihrer Kunst zum Besten geben. In rasantem Tempo bildet der Schwarm immer neue Formationen: Schläuche, Wellen, Kugeln, die sich pulsierend ausdehnen und zusammenziehen, fast schwarz und dann wieder durchscheinend werden. Diese lebenden Bilder wechseln die Richtung und verschwinden ebenso rasch, wie sie gekommen sind. Neue Trupps tauchen auf, verschmelzen mit den anderen zu einer einzigen Wolke. Der Tanz kann ein paar Minuten oder auch viel länger dauern. Wer oder was diese faszinierende Choreografie bestimmt, ist nach wie vor ein Rätsel.

star-an-baumEs soll Starenschwärme mit mehreren Hunderttausend, ja sogar Millionen Individuen geben (wie im Bild oben aus Israel). Wie viele es bei uns sind, ist für mich schwer zu sagen. Es scheint jedoch, dass der Trupp diesmal kleiner ist als in den vorhergehenden Jahren. Dass es im Vergleich zu anderen insektenfressenden Vögeln immer noch recht viele Stare gibt, hängt vermutlich mit ihrem breiten Nahrungsspektrum und ihrer Intelligenz zusammen. Die wichtigste animalische Nahrung sind im Boden lebende Insektenlarven (Wiesenschnake, Schmetterlinge, Graseule), aber auch Käfer, Regenwürmer, Schnecken und Raupen. Sogar kleine Fische, Eidechsen, Blindschleichen, Frösche und Teichmolche werden erbeutet und zum Teil dem Nachwuchs verfüttert. Und wenn für die Nestlinge zu wenig Insekten und Würmer gefunden werden, stopfen die Stare die ewig hungrigen Schnäbel eben mit fast allem, was sie finden: Wurst, Fleischresten, Brot, Nudeln, Kirschen, Vieh- und Hühnerfutter. (Quelle: G. von Blotzheim, Handbuch der Vögel Mitteleuropas Bd. 13/III). Anpassungsfähigkeit scheint ihr Erfolgsrezept zu sein.

bretoletAb ins Winterquartier
Wohin sind die Stare gezogen? Stare sind auch in der Wahl ihrer Winterquartiere flexibel. Es muss nicht unbedingt Afrika sein, in nördlicheren Gebieten überwintern sie vorwiegend in größeren Städten, im Süden eher in Kulturlandschaften. Möglicherweise sind sie über den Col de Bretolet geflogen, den 1923 m hohen Pass im Wallis, der von Zugvögeln besonders stark frequentiert wird und die wichtigste Beringungsstation in der Schweiz ist.

blaumeiseDieses Jahr haben erneut die Buchfinken den Rekord gehalten: 4373 flogen in die Netze und wurden beringt. Das überrascht nicht, sind sie doch in der Schweiz die am häufigsten vorkommende Vogelart. Erstaunlicher ist die Blaumeise, von denen 2015 auf dem Bretolet-Pass über 4000 Stück ins Netz flogen. dsc012932016 waren es noch knapp ein Dutzend! Das sei jedoch normal, meint der verantwortliche Ornithologe der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach, Fabian Schneider, solche Zyklen der Population seien vom Nahrungsangebot abhängig. Da sind wir gespannt auf die Zahlen von 2017! (Quelle: Le Nouvelliste)

Noch eine Beobachtung diesen Sommer und Herbst. Unser Feigenbaum konnte 2016 zweimal abgeerntet werden, und zwar so üppig wie nie zuvor. Die letzten hängen noch am sonst kahlen Baum, als Vogelfutter. Diesmal wurden eindeutig weniger Früchte von den Vögeln gefressen oder angepickt. Dagegen ist eigentlich nichts zu haben. Nur etwas stört: Es gab 2016 eindeutig weniger Vögel als sonst.

 

 

BIENENFEST KONTRA KEROSIN

 

dsc01252Zuerst die gute Nachricht: Im Kanton Wallis ist die Imkerei im Aufwind, das Interesse der Jungen an der Bienenzucht ist in den letzten Jahren gestiegen. Die Organisatoren des Bienenfests «L’Abeille en fête», das vom 1. bis 4. September in Martigny stattfand, sind mehr als zufrieden. Schulklassen, Familien mit Kindern, aber auch ältere Semester begutachteten die über siebzig Stände mit Produkten aus der «Bienenwerkstatt» (Honig, Wachs, Propolis…), degustierten und kauften, machten sich bei den Fachleuten schlau, staunten, spielten, besuchten Vorträge, begutachteten die kunstvoll bemalten Bienenhäuschen und tauchten mit dem Film «Apis Mellifera» in eine Welt ein, die selbst gestandene Imkerinnen und Imker so noch nie gesehen haben.dsc01251

Bienen filmen in der Küche

Jean-Baptiste Moulin war Förster, ist Multimedienkünstler (siehe www.videalp.com) und imkert seit fünfzehn Jahren. Seinen ersten Film über Bienen drehte er 2003. 2006 folgte ein zweiter über die Ausbildung zum Bienenzüchter, 2010 der dritte über die Herstellung der diversen Produkte. Das geheimnisvolle Leben und Wirken dieser Insekten fasziniert ihn nach wie vor. Dieses Thema sei unerschöpflich, verlange jedoch eine Menge Geduld. In seinem neusten, 25 Minuten dauernden Epos rückt er seinen Pfleglingen noch näher auf den Leib, zeigt in Makroaufnahmen anatomische Details, schaut ihnen beim Füttern der Larven und Einbringen des Pollens zu.

promo_jb2Die intimen Einblicke entstanden einerseits in den Bienenstöcken, andererseits in einem kleinen Wohnwagen, den der Walliser mit vier Bienenvölkern bzw. über 120 000 Bienen als Schauspielern ausgestattet hatte. «Man muss erfinderisch sein, denn die Insekten dürfen nicht gestresst werden.» Er ging so weit, Situationen zu inszenieren, auf die die Bienen reagierten. Um ihr Verhalten noch genauer zu studieren und aufzuzeichnen, richtete er einen kleinen Stock mit ungefähr hundert Bienen in der heimischen Küche ein… (der Mann wird wohl Junggeselle sein). Der Aufwand hat sich offensichtlich gelohnt, die Zuschauer sind begeistert, und vielleicht spielt der eine oder die andere mit dem Gedanken, sich noch intensiver mit dem Universum von Apis mellifera zu beschäftigen.

Ungeachtet aller positiven Aspekte, die mit der Bienenzucht verbunden sind, wurden die Probleme auch an der Veranstaltung in Martigny nicht verschwiegen. Zur Bedrohung durch die Varroamilbe, Pestizide und den Kleinen Bienenstockkäfer gesellt sich wahrscheinlich früher oder später die Asiatische Hornisse, die bereits in fast ganz Frankreich verbreitet ist. Das soll jedoch die Jungen und weniger Jungen nicht von der Imkerei abhalten. Dank guter Ausbildung hofft man, auch diese Gefahren wenn nicht auszumerzen, so doch unter Kontrolle zu halten. Mehr unter www.labeilleenfete.chdsc01254

Ein Savoyarde kämpft fürs Insektenwohl

Jacques Fabry ist der festen Überzeugung, dass die Hauptverantwortlichen für den Insektenschwund nicht die Pestizide, sondern die Flugzeuge sind. Seit Jahren beobachtet er den Himmel, der vom rasant zunehmenden Flugverkehr vernebelt werde. Für Bienen wie alle andern Insekten sei dies eine Katastrophe, da sie sich auf ihren Flügen am Licht orientieren. Durch den Ausstoß von Kerosin, vermischt mit Schmutzpartikeln und Wasser, bilde sich ein nahezu permanenter Nebelschleier. Seit Jahren dokumentiert er diese Umweltverschmutzung mit Fotos und Videos, protokolliert seine Beobachtungen, stellt sie in seinen Blog (siehe www.over-blog.com) und klärt die Medien, Behörden und Wissenschaftler über seine Theorie auf. Die von ihm begründete «Avioklimatologie» sollte seiner Ansicht nach längst an Universitäten gelehrt werden.

jacques-fabry-avioclimatologue-estime-que-la-surmortalite-des-abeilles-est-du-a-la-pollution-atmospheriqueDer 64jährige Autodidakt hat die Auswirkungen dieses «Treibhausdachs» vor allem bei den Honigbienen studiert. «Sie sind vollständig desorientiert, torkeln wie betrunken durch die Luft, fliegen sinnlos im Kreis herum, überschlagen sich und finden ihren Stock nicht mehr.» Wegen des verschleierten Himmels nehme zudem die Produktion der Blütenpflanzen ab, was zu Nahrungsmangel der Pollensammler führe. All dies zusammen bedeutet: mehr Krankheiten, höhere Sterberaten, geringere Honigproduktion und schlechtere Bestäubung der Nutzpflanzen. Und wie löst man dieses Problem? «Es muss versucht werden, normale Lichtverhältnisse zu schaffen. Man muss neue Triebwerke entwickeln, die das Wasser auffangen, das sie ausstoßen.» Werde nichts unternommen, ende dies mit Sicherheit in einem weltweiten Desaster. Und bis jetzt habe er leider mit seinen diesbezüglichen Prophezeiungen immer recht gehabt…

PS: Zwei Forscherinnen der Uni Bern haben soeben bekanntgegeben, dass die Pflanzen bei Kunstlicht nachts von Insekten weniger bestäubt werden und selbst weniger Samen produzieren, als wenn sie ausschließlich vom Mond und den Sternen beschienen werden. Ich werde auf diese interessante Studie nächstens zurückkommen!