DER WALD: EIN TOXISCHES PARADIES?

 

 

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Nachdem sich der Winter Mitte März nochmals mit Schnee bis in die Niederungen manifestiert hat und der Zürcher Böögg verbrannt ist, wird’s nun wirklich Frühling. Es sprießt und blüht allenthalben, und nichts mehr hält uns in den vier Wänden. Ein Waldspaziergang ist jetzt das höchste der Gefühle, vor allem, wenn sich der Bärlauch und die ersten Morcheln zeigen! Vorher werfen wir noch schnell einen Blick ins Internet – wo uns der «BLICK» verrät, dass es auch mit dem Schweizer Wald nicht mehr zum Besten steht.

Hochgiftige Insektizide gegen Borkenkäfer
Dass auf Landwirtschaftsland Pflanzenschutzmittel versprüht werden, ist nicht neu. Doch nun hat man festgestellt, dass auch biologisch bebaute Gebiete und ökologische Ausgleichsflächen mehrheitlich mehr oder weniger stark mit Neonicotinoiden verseucht sind (Quelle: «NZZ am Sonntag»  vom 7. April 2019). Zur Verbreitung beigetragen haben Wind, Regen und Schnee. Es kommt jedoch noch eine weitere erstaunliche Tatsache hinzu: «Die Neuenburger Forscher haben in 14 von 16 Proben von Bio-Samen Neonicotinoide gefunden. Diese können etwa von Verunreinigungen in den Produktions- und Transportanlagen stammen.» Soweit so schlecht.

Stämme spritzen.jpgNoch verstörender ist jedoch die Nachricht, dass auch in den Wäldern Insektizide versprüht werden. Aufgedeckt wurde dies durch die Schweizer Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU, Fachzeitschrift OEKOSKOP), und der «BLICK» hat das breite Publikum darüber informiert. «Hochrechnungen aufgrund einer Umfrage bei kantonalen Waldbehörden ergaben: 2018 wurden in Schweizer Wäldern rund 700 Kilo hochtoxischer Insektizide auf gefällte Bäume gespritzt, um sie vor einem Befall durch Borkenkäfer zu schützen. Darunter Cypermethrin und Chlorpyrifos, deren Wirkstoffe für Menschen hochgiftig sind. Manche der Insektizide stehen im Verdacht, Krebs zu verursachen und bei Kleinkindern Entwicklungsstörungen bis hin zu Hirnschäden auszulösen.» Und da Kinder gerne auf den gefällten Stämmen herumklettern und mit den Eltern darauf picknicken, sorgen sich die engagierten Mediziner zu Recht um deren Gesundheit. Abgesehen davon sind die beiden Insektizide starke Bienen- und Fischgifte und toxisch für Vögel.

Grundsätzlich ist es in der Schweiz verboten, im Wald mit Giften zu arbeiten. «Dennoch bewilligten 22 der 25 Forstämter teilweise sogar den Einsatz von explizit verbotenen Mitteln. Für Insektengifte gebe es eine Ausnahmebewilligung.» … Stoßend: Auch das Label des Forest Stewardship Council (FSC), das für nachhaltig erwirtschaftetes Holz vergeben wird, toleriert bisher den Einsatz von Cypermethrin. In der Schweiz gebe es eine Ausnahmebewilligung, weil sonst ein Ausstieg der Waldbesitzer aus dem FSC zu befürchten sei.» Diese Bewilligung soll im Sommer dieses Jahres auslaufen… Die Kantone Glarus, Wallis und Tessin haben nach eigenen Angaben auf die Giftkeule verzichtet. Denn es gibt auch andere Methoden, um das gefällte Rundholz vor dem in heißen Sommern besonders aktiven Borkenkäfer zu schützen. Zum Beispiel, indem es möglichst schnell aus dem Wald transportiert wird. Im Kanton Glarus wurden auf diese Weise gute Resultate erzielt und sogar noch Geld gespart (mehr unter www.aefu.ch). Und für mich Wahl-Walliserin ist es natürlich eine gute Nachricht, dass man in den Wäldern dieses Bergkantons noch gefahrlos durchatmen kann.

Publik gemacht wurde die Sache übrigens von Martin Forter, dem Autor des Artikels und AefU-Geschäftsführer, der auf seinem Waldspaziergang einen Forstarbeiter beim Giftspritzen überraschte und den Skandal im wahrsten Sinne des Wortes witterte.

Hunde 1.jpgMönche als Meteorologen
Für die Bergler spielte das Wetter schon immer besonders wichtige Rolle. Aus diesem Grund haben die Augustinermönche im Hospiz auf dem Großen Sankt Bernhard auf 2473 Metern Höhe nicht nur die berühmten Lawinenhunde gezüchtet, sie betreiben auch seit 1817 die älteste meteorologische Station im Alpenraum. Seit zwanzig Jahren wird sie in Zusammenarbeit mit MeteoSchweiz von Diakon Frédéric Gaillard betreut.hospice-gaillard-2

Die Aufzeichnungen zeigen, dass die Temperatur in den vergangenen 150 Jahren rund 2,5 Grad gestiegen ist. Wobei der Prozess nicht kontinuierlich stattfand: 1869 war mit einer Durchschnittstemperatur von –3,3° das kälteste und 2007 mit +0,3° das wärmste Jahr. Es gab Jahre, in denen von September bis Juli bis zu 26 Meter Schnee fielen, und andere, in denen es weniger als 5 Meter waren. Am wenigsten Schnee gab’s übrigens in der Zeit von 1862 bis 1874 (Quelle: Le Nouvelliste vom 20.3.2019).

kleine EiszeitLaut dem Geologen Walter Wildi gibt es zahlreiche Hinweise, dass das Mittelalter vor 1250 für die Bergbevölkerung eine blühende Zeit gewesen war. Als Folge der warmen Temperaturen hatten sich die Gletscher zurückgezogen, so dass mehr Land zur  Beweidung zur Verfügung stand. Im Wallis lag die Waldgrenze damals 200 Meter höher als heute. Dann begannen die Gletscherzungen wieder zu wachsen und bedeckten im 17. Jahrhundert einen Großteil der einst blühenden Alpweiden, und die Bevölkerungszahl ging zurück. Die Periode der Kleinen Eiszeit endete um 1850. Und Honorarprofessor Wildi meint, man dürfe sich durchaus die Frage stellen, wie das «normale» Klima heute wäre, ohne menschlichen Einfluss.

 

 

WILLKOMMEN IM JAHR DES SCHWEINS!

Bei den Chinesen steht das Jahr 2019 im Zeichen des Schweins und damit des Glücks und des Genusses. Voraussetzungen, die in diesen brenzligen Zeiten höchst willkommen sind. Das gilt nicht zuletzt auch für die rund hundert Bachstelzen, die sich mitten in der Stadt Sitten, an der vielbefahrenen Avenue de la Gare, auf einem Baum versammeln, um dort die Nacht gemeinsam zu verbringen. Sie überwintern seit einigen Jahren im Hauptort des Wallis, was laut dem Ornithologen Jérémy Savioz in dieser Form in der Schweiz ein seltenes, wenn nicht gar einzigartiges Phänomen ist. Die meisten ziehen im Herbst in Richtung Süden, in den Mittelmeerraum oder nach Nordafrika, und kehren im Frühling wieder zu ihrem Geburtsort zurück. bergo1-1.jpgIn der Regel überwintern sie höchstens vereinzelt nördlich der Alpen. Wer sich wie die Bachstelzen vorwiegend von Insekten und Spinnen ernährt, hat es bereits in den wärmeren Jahreszeiten nicht mehr leicht. Dass sie jedoch bei uns den Winter überleben können, vor allem wenn längere Zeit Schnee liegt, grenzt an ein Wunder.300px-Bachstelze_1.jpg

Im «Handbuch der Vögel Mitteleuropas» ist nachzulesen, dass eine Bachstelze an einem Mittwintertag pro Minute 18 Zuckmücken schnabulieren sollte, um genügend Energie für ein ausgeglichenes Aktivitätsbudget umzusetzen. Ob das ihr stets gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Laut Vogelwarte Sempach ergänzen sie ihren Speiseplan notfalls mit Kernen, Beeren und Pflanzenteilen. Sie müssen also flexibel sein, um nicht zu verhungern. Möglicherweise lassen sich die Kulturfolger die Weintrauben schmecken, die dieses Jahr in den Rebbergen im Mittel- und Unterwallis wegen der Überproduktion nicht abgelesen wurden. Und dann gibt’s ja noch die Vogelfreunde, die täglich für Futternachschub sorgen. Schwein gehabt!Glühwürmchen 2.jpg

«Ich habe sie noch gekannt…
… die artenreichen Blumenwiesen voller Insekten, Käfer und Spinnen. Selbst Glühwürmchen gehörten noch zu meiner Kindheit; ach war das schön…» erinnert sich Kathrin Nigg, Vorstandsmitglied von KAGfreiland, der Organisation, die sich seit 1972 für ein gutes Leben der Nutztiere einsetzt, unter anderem auch für die Weidehaltung von Schweinen. Die Töpferin, die selbst mehrere Esel hält und im Weiler  Menzengrüt bei Wiesendangen ZH wohnt, hat sogar in dieser idyllischen Gegend eine ähnlich besorgniserregende Entwicklung verfolgt wie wir im Wallis und in den französischen Cevennen:kathrin.jpg

«Eigene Beobachtungen in meiner Umgebung beunruhigen mich schon lange. Ich sehe immer weniger Heugümper, Hüslischnägge, Käfer, Insekten und Fledermäuse, auch die Vogelpopulation verändert sich stark. Dieses Jahr hatte es sogar weniger Fliegen und Mücken ­– wohl auch wegen der Trockenheit –, was dann besonders den Schwalben zu schaffen machte. Sicherlich wirken viele Ursachen zusammen, dass die Insekten sterben: Pestizide, Lichtverschmutzung, fehlendes Futterangebot, intensivierte Landwirtschaft, Steinöden und Mähroboter in Privatgärten, Überbauung und Verlust von Naturlandschaft, wachsender Verkehr und vieles mehr. Alles hängt zusammen.» Mehr über glückliche Esel, ein schönes Bauernhaus und bunte Keramik unter www.niggkeramik.ch

Klett_Mockup_04.pngInsektenschwund… auch in den Lehrbüchern
Dass man nur schützen kann, was man kennt, ist eine altbekannte Erkenntnis. Wenn Insekten nicht nur aus der Natur, sondern auch aus den Biologiebüchern verschwinden, wie Julia Koch im Spiegel Nr. 2/2019 schreibt, kann das nachhaltig schlimme Folgen haben. «In den vergangenen Jahrzehnten, das berichteten zwei US-Biologinnen im Fachblatt American Entomologist, hat sich ein beispielloser Insektenschwund vollzogen – nicht nur in Wald und Flur, sondern auch zwischen den Buchdeckeln. Um 75 Prozent schrumpfte in der untersuchten Literatur der Anteil der Seiten, die sich mit Insekten befassen, seit den Lehrbüchern vor 1960 bis zu jenen Werken, die nach der Jahrtausendwende erschienen. Schwalben.jpgMittlerweile widmen Biobücher den Kerbtieren gerade mal 0,6 Prozent ihres Inhalts. Sie vermitteln damit nicht nur ein Zerrbild der Natur: Insekten sind die artenreichste Tierklasse auf unserem Planeten. Auch rein zahlenmäßig nehmen wir Wirbeltiere uns gegen sie als lächerliche Minderheit aus. Vor allem aber entgehen den Studierenden faszinierende Einblicke in Artenvielfalt und Evolution. (…) Nur wenige brauchen den Menschen als Wirt oder Nahrungsquelle. Der Rest der rund eine Million bekannten Arten käme prima ohne uns klar. Aber wir nicht ohne sie.»

Es stimmt schon, neben den fleißigen Bienen, die zunehmend auch von urbanen Imkern gehalten werden, finden vor allem die «bösen» Invasiven und andere Lästlinge mediale Beachtung. Glühwurm mit Schnecke.jpgDank Pro Natura, die das Glühwürmchen zum Tier des Jahres erkoren hat, macht 2019 ausnahmsweise ein positiv besetztes Insekt Schlagzeilen. Der «Große Leuchtkäfer», wie das Glühwürmchen korrekt heißt, ist dank seiner Leuchtkraft von einer romantischen Aura umgeben. Dass es sich hauptsächlich von Schnecken ernährt, die es mit Gift killt, ist wohl den wenigsten bekannt. Mehr Erleuchtung unter www.pronatura.ch.

INSEKTEN ERHALTEN EINE LOBBY

PetitionAllmählich wird man sich auch in der Schweiz bewusst, dass gegen den Insektenschwund etwas unternommen werden muss. Die Petition «Insektensterben aufklären» der Naturfreunde und ihrer Partner dark-sky, apisuisse und Schweizer Bauernverband hat seit dem vergangenen September bis heute (22.11.) rund 120’000 Unterschriften gesammelt. Sie verlangt, dass «Ursachen und Tragweite des Insektensterbens» in der Schweiz aufgeklärt und in der Folge Maßnahmen umgesetzt werden, die dieses Massensterben stoppen. Dass ihr Anliegen vielleicht ein wenig zu ambitiös ist, scheint auch ihnen klargeworden zu sein. Immerhin: «Ein erster, kleiner Teilerfolg darf bereits vermerkt werden: Wer sich umschaut, wer sich umhört, stellt fest, dass das Thema nun auch in den Medien und sozialen Netzwerken vermehrt auftaucht. Das Insektensterben ist damit allerdings noch nicht gestoppt. Aber zumindest scheint eine Sensibilisierung in Gang zu kommen. Und damit die Erkenntnis, dass mit dem Verschwinden der Insekten auch unsere eigene Lebensgrundlage auf dem Spiel steht.» Besser das als nichts! Siehe www.insektensterben.ch

RappazHanfpionier, Biobauer und Hobbyangler
Der Walliser Bürgerschreck Bernard Rappaz ist schweizweit bekannt. Vor allem als illegaler Hanfbauer, der insgesamt acht Jahre im Gefängnis saß und mit seinen spektakulären Hungerstreiks für Schlagzeilen sorgte. Er sei ruhiger geworden, das Alter eben, gesteht der 65-Jährige, der heute legal mit Hanfprodukten handelt und als Biobauer Gemüse und Obst zieht. Letzteres betreibt er seit 1975, wie er in einem am 19. November 2018 im «Nouvelliste» erschienenen Leserbrief betont. Auch damals sei er ein misstrauisch beäugter Pionier gewesen, während heute 380 Walliser Landwirte auf chemische Produkte verzichten und die Nachfrage nach Bio-Produkten ständig steige.

Hufeisen_AzurjungferDoch die Natur sterbe dennoch, bedauert Rappaz: «Die Biodiversität schrumpft, die Insektenpopulationen verschwinden und mit ihnen alle Insektenfresser, darunter auch die Vögel. Ist dieser Genozid der Auftakt zum Weltuntergang? Wollen wir wirklich, dass unsere Kinder den Vogelgesang draußen, in der Natur, nicht mehr hören können? Als Angler erinnere ich mich noch an die unglaubliche Menge an Forellen in den Kanälen und Flüssen der Walliser Rhoneebene. Heute gibt es in den Fließgewässern, die Landwirtschaftszonen durchqueren, keine Fische mehr, während jene in intakteren Naturgebieten gut bestückt sind. Schuld ist die Agrochemie.» Und er beklagt unsere Behörden, die sich eher halbherzig für eine Lösung ohne Pestizide einsetzen. «Welch verhängnisvolle Heuchelei! Um die multinationale Agrochemie zu schützen?»

csm_1801_Hans-Dietrich-ReckhausVom Saulus zum Paulus
Unter dem Titel «Eine Lobby für Mücken, Motten und Fliegen» berichtete die NZZ am 16. November über den Sinneswandel von Hans-Dietrich Reckhaus, der bereits in meinem Blog «Erika von Deppendorf» am 9. Februar 2016 vorgestellt wurde. Dem Hersteller von Insektiziden für den Haushalt (Standorte Gais in Appenzell-Außerrhoden und Bielefeld) sei bewusst geworden, «dass er mit seiner Firma ein schlimmerer Schädling ist als all die Sechsbeiner, gegen die ihre Produkte eingesetzt werden. Heute ist er ein Kämpfer für die Insekten. (…) Der 52-jährige Deutsche will Mittel auf den Markt bringen, welche die Tierchen abschrecken, aber nicht töten.» Und er organisierte mit BirdLife Schweiz den ersten Schweizer Tag der Insekten. «Die Welternährung ist das zentrale Thema der Aarauer Tagung, die der Schaffung einer Schweizer Insekten-Lobby dient. Denn der Bestand der Insekten geht wegen Monokulturen und des Einsatzes von Pestiziden und chemischen Düngern weltweit dramatisch zurück. Auch hierzulande hat das Insektensterben erschreckende Ausmaße erreicht; rund 45 Prozent der Arten sind bedroht. Dies wiederum gefährdet die Pflanzenbestäubung und damit die Ernährungsgrundlage von Mensch und Tier.» Illustriert ist der Artikel mit getrockneten Mehlwürmern auf einer Brotscheibe. Soll die Zukunft des Essens wirklich so aussehen?Insekt an GAbel

Dieser Meinung sind offenbar Adreas Knecht und Edit Horvath, die Autoren des neuen Kochbuchs «Köstliche Insekten», das die Migros herausgibt. Mehlwürmer, Grillen und Heuschrecken seien seit kurzem auch bei diesem Schweizer Großverteiler erhältlich. Daraus könne man alles auf den Teller zaubern, von Snacks über Vor- und Hauptspeisen bis zu Desserts. Eine Biologin und Tierschützerin stellte zu diesem Trend die Frage, ob es ethisch verantwortbar sei, Insekten mit ihrem hochdifferenzierten Verhaltensspektrum wie eine Ware zu züchten und zu verarbeiten. Schließlich seien sie auch Tiere, die ein Anrecht auf artgerechte Haltung haben sollten.

 

WESPENPLAGE? JA, ABER NICHT BEI UNS

StrandlebenNicht alles war früher besser, da gehe ich mit den Neuen Optimisten einig, aber einiges schon. Zum Beispiel der Sommer, der weitgehend positiv besetzt war. Man freute sich auf eeewiglange Schulferien, auf heiße Tage an Seen und am Meer, auf Rimini, Jesolo und Venedig, aufs Bergwandern, aufs Glaceschlecken, Cervelatbräteln und aufs Feuerwerk am 1. August. Heute lesen und hören wir täglich, wie katastrophal dieser Sommer ist und die kommenden Sommer sein werden. Er bringt Hitzetote, Dürre, hungernde Kühe, verzweifelte Bauern und Älpler, Massentourismus mit allem Drum und Dran, erstickende Fische in Seen und Flüssen, vermüllte Meere, serbelnde Korallenriffe, Feuer- und Grillverbote und schließlich auch noch eine Wespenplage, die in den Medien fette Schlagzeilen macht.

WespenplageFeuerwehr und Apotheken im Einsatz
Die Deutschschweiz hat zuerst Alarm geschlagen. Es gebe diesen Sommer nicht nur außerordentlich viele Wespen, sie seien auch extrem aufdringlich, so dass man im Freien kaum mehr in Ruhe essen könne. Die Arbeiterinnen fliegen vor allem auf Fleisch, von dem sie Stücke abbeißen, ins Nest transportieren und zerkaut den Larven verfüttern. Die Larven revanchieren sich dafür mit einem nahrhaften Sekret, das von den Eiweißlieferantinnen gierig aufgeleckt wird. Auch über Süßigkeiten , reife Beeren und Früchte machen sie sich gerne her. Die Hautflügler – in Mitteleuropa gibt es ungefähr 60 bekannte Arten – haben nicht nur kräftige Mundwerkzeuge, auch ihr Stachel am Hinterleib ist wehrhaft. Es scheint, dass immer mehr Menschen auf ihr Gift, eine Mischung aus Proteinen, Aminosäuren, Histamin, Serotonin und Acetylcholin, allergisch reagieren. Der Ansturm auf die Apotheken ist entsprechend groß, so dass in Luzern die Nachfrage nur noch mit Mühe befriedigt werden kann…

Im Wallis, dachte ich, machen sich die Wespen dieses Jahr hingegen rar. Ein einziges Exemplar hat bis Mitte August den Weg zu unserem Gartentisch gefunden, zwei weitere haben sich in den letzten drei Tagen in unseren Tellern bedient und sind mit vollen Kiefern wieder abgeschwirrt. Gibt’s einen Grund für ihr Ausbleiben? Im Internet stieß ich dann auf den am 8. August bei 1815.ch erschienenen Artikel von Cédric Zengaffinen über den Kampf, den die Feuerwehr von Gampel-Steg gegen die Invasion der Wespen führt, die wegen des Temperaturanstiegs nun auch in höheren Lagen vorkommen.

BekämpferPikett-Offizier Herbert Hildbrand: «Vor zehn, zwölf Jahren wäre ein Wespennest in Jeizinen, auf 1525 Meter, undenkbar gewesen. Dieses Jahr entfernten wir dort bereits eines, ein weiteres erwartet uns am Freitag.» Und am folgenden Tag hat sich auch der Nouvelliste diesem Thema gewidmet – die gefürchteten Insekten halten demnach nicht nur die Feuerwehrleute im Oberwallis auf Trab. Nur den Montorge, der unter Naturschutz steht, finden sie offensichtlich nicht besonders attraktiv.

Übrigens: 2016 machten die Fachleute den verregneten Frühling und den heißen, trockenen Sommer für das Ausbleiben von Wespen, Mücken und Faltern verantwortlich.

Treffpunkt Sommerflieder
HummelWie dem auch sei, jetzt wird der große Sommerflieder- oder Buddlejabusch im Garten von unzähligen Hummeln, Bienen und Faltern umschwirrt. Da ich die verblühten Rispen jeweils entferne, blüht er lange und üppig. Laut Herders Lexikon der Biologie werden die stark duftenden Blüten wegen ihres Nektarreichtums besonders von Schmetterlingen besucht. SommerfliederDass sich die darum auch Schmetterlingsstrauch genannte  Zierpflanze auf die Insekten negativ auswirken soll, erwähnt das 1983 erschienene 9-bändige Nachschlagewerk nicht. Ein ausführliches Plädoyer zu diesem Thema findet sich in meinem Blog vom 12. Oktober 2015: «Pflanzen mit schlechtem Ruf».

Papa papDer Berner Züchter von Schmetterlingsraupen Marc de Roche wurde durchs Fernsehen (Aeschbacher) und die Coop-Zeitung schweizweit bekannt. Papa Papillon, so sein verdienter Übername, betont, dass nicht nur die Raupen, sondern auch die Falter Nahrung brauchen. Unter den Pflanzen, die für Schmetterlinge geeignet seien, zählt er unter anderen den Sommerflieder auf. Im Hochsommer, wenn die Wiesen gemäht sind und an Bäumen und Sträuchern kaum mehr etwas blüht, retten sie – ob «böse» Neophyten oder nicht – viele Insekten vor dem Hungertod.Papa_Schwalbenschwanz

Mit Unterstützung des Bundesamts für Umwelt (Bafu) bekämpft eine Gruppe von rund 60 Freiwilligen unter Leitung von Christiane Sollberger die «fremden Pflanzen, die sich über Grenzen hinweg ausbreiten» mit großer Vehemenz. Zufrieden ist die Berner Rentnerin, wenn die Wiesen in sattem Grün leuchten, ohne störende Blüher aus fremden Landen. Unter ihren fleißigen Helfern befinden sich übrigens laut NZZ auch einige Asylsuchende.

PS: An jedem 3. Samstag im August ist Welttag der Honigbiene. Und am 21. Juli feierte man den Tag der invasiven Neophyten…

 

 

 

 

 

WALLISER SCHWARZNASEN UND DIE DEUTSCHE EICHE  

 

Mit der sommerlichen Wärme haben schließlich doch noch einige Frösche und Erdkröten den Weg zum Montorge-See gefunden. Besser spät als nie! Es sind jedoch vermutlich noch weniger als vergangenes Jahr, und Insekten sind ebenfalls noch herzlich wenige zu entdecken. Da kommt die Nachricht wie gerufen, dass bei uns im Wallis in Sachen Umwelt etwas Mutiges geschieht.

Schafe statt Glyphosat
Der Nationalrat verkündete letzten Herbst, dass Glyphosat für Mensch und Umwelt gefahrlos sei und man es folglich mehr oder weniger bedenkenlos versprühen könne (mehr dazu im Blog vom 5. Januar 2018). Man müsse pro Tag 71 Kilogramm Teigwaren essen, bis sich schädliche Nebenwirkungen bemerkbar machten. Man wundert sich immer wieder, wie solche sogenannt wissenschaftlichen Daten zustande kommen.

desherbeuse-4Der Kanton Wallis lässt sich jedoch wieder einmal von Bern nicht beeindrucken und beschließt, eigene Wege zu gehen. Man will versuchen, auf öffentlichem Grund ohne oder jedenfalls fast ohne das Herbizid Glyphosat auszukommen. Reduziert wird hier bereits seit einigen Jahren: Wurden 2012 von staatlicher Seite noch 6000 Liter gespritzt, waren es im vergangenen Jahr noch 600 Liter für 600 Kilometer Straßenborde. Eine Alternativlösung ist heißes Wasser, das mit Hochdruck herausschießt. Eine andere Option sind Schafe, vor allem schwarznasige natürlich, die die Boden abgrasen sollen. So soll nicht nur die Biodiversität gefördert, sondern auch der Geldsäckel des Kantons geschont werden.

Im Burgstädtchen Saillon, das als eines der schönsten der Schweiz gilt, wird seit 2014 kein Herbizid mehr verwendet. Hier experimentieren die Pioniere mit Essig und heißem Wasser, um dem Unkraut zu Leibe zu rücken. Weil sich die Gemeinde dem sanften Tourismus verschrieben hat, wird der Rasen wo immer möglich durch Blumenwiesen ersetzt. Das wird nicht nur die Touristen, sondern auch die Insekten freuen.

SchwarznasenSchwarznasenschafe kann man auch vermehrt in den Rebbergen entdecken. Für die Winzer, die der Natur in ihren Parzellen mehr Raum gewähren wollen, ist die Haltung von Schafen eine neue Erfahrung. Da Bioweine an Beliebtheit gewinnen, haben die Vierbeiner auch einen gewissen Werbeeffekt. Sie mähen die Grünflächen zwischen den Rebzeilen und gelangen auch an Stellen, die schwer zugänglich sind. Doch sie haben auch die Sprossen, Blätter und Trauben der Rebstöcke zum Fressen gern, was ein gutes Management voraussetzt. Hängen die Trauben außerhalb ihrer Reichweite, können sie vom Frühling bis in den Spätherbst draußen bleiben. (Quelle: Le Nouvelliste)

Eichenwälder im SollingAttacken auf die deutsche Eiche
Letzten Sommer hat der Buchsbaumzünsler durch Kahlfraß in der Schweiz und in Frankreich Schlagzeilen gemacht, jetzt sorgt der Schwammspinner in Deutschland für Aufregung. Der unscheinbare Falter mag’s warm und trocken und kann sich explosionsartig vermehren. Dieses Jahr scheint er vor allem Eichenwälder in Bayern im Visier zu haben, weshalb die Forstverwaltung beschloss, mit Helikoptern insgesamt 1300 Hektar Eichenwald mit dem Insektizid Mimic zu besprühen. Mimic, das sonst im Obst- und Weinbau zum Einsatz kommt, hat allerdings den Nachteil, auch auf andere Schmetterlingsraupen sowie Fische und andere Wasserlebewesen tödlich zu wirken. Für Naturschützer und Insektenforscher ist das Grund genug, auf die Spritzaktion zu verzichten. Zudem wurden die längerfristigen Auswirkungen von Mimic auf den Wald noch nie untersucht.wsl_schwammspinner_raupe

Im Spiegel Nr. 17 beschreibt Manfred Dworschak das Für und Wider der verschiedenen Parteien recht ausführlich. Die Gegner der Spritzaktion argumentieren, dass die Population nach ieder Massenvermehrung von selbst wieder zusammenbricht und die Eichen den Kahlfraß überleben, indem sie wieder neu austreiben. Dem halten die Forstbehörden entgegen, das Risiko sei zu groß, denn wenn gar nicht gespritzt werde, «seien letzten Endes die gesamten befallenen Eichenbestände bedroht – und damit auch der Lebensraum vieler seltener Arten.»  schwammspi falIn Erinnerung ist die Schwammspinnerplage von 1993, als die haarigen Raupen sich besonders gefräßig und zudringlich benahmen. Damals wurden allein in Bayern 230 Quadratkilometer Wald mit einem Gift eingenebelt, das nicht mehr produziert wird. Fazit: «In der Tat geht es bei der Bekämpfung nur nach der gefühlten Gefahr. Gesicherte Fakten gibt es kaum. Niemand kann sagen, inwieweit der Wald Schaden nähme, wenn weniger gespritzt würde – oder auch gar nicht.»

wsl_erhebung_waldameisen_schweiz_nest_klPS: In der Schweiz wurden die Wälder meines Wissens bislang vom Schwammspinner noch nicht heimgesucht. Dafür ist nun die Luxusgastronomie hinter den Insekten her. Das Restaurant Silver in Vals serviert als Starter eines zwölfgängigen Menüs Waldameisen. Die – gesetzlich geschützten – Ameisen werden von Frühjahr bis Spätsommer ihrer «interessanten Säure» wegen gesammelt und in Öl eingelegt. Laut der Weltwoche will Koch Sven Wassmer damit Aufmerksamkeit erzeugen: «Aber die Ameisen machen geschmacklich Sinn: Sie sind Teil des hiesigen Ökosystems.» Abgesehen vom Geschmack, über den man streiten kann, wäre es wünschenswert, wenn Wassmer – 18-GaultMillau-Punkte und Aufsteiger des Jahres – den Waldameisen eine Chance ließe, auch weiterhin zu diesem Ökosystem zu gehören.

 

BRAUCHT DIE OECD NACHHILFEUNTERRICHT?

 

Seit der Entomologische Verein von Krefeld diesen Sommer das Ergebnis seiner während der letzten 30 Jahre durchgeführten Untersuchung veröffentlicht hat, ist der Insektenschwund in die Schlagzeilen gerückt. Die Medien haben dem dramatischen Rückgang von Fluginsekten in diesem Zeitraum um rund 80 Prozent zu Recht viel Platz eingeräumt. Dieses Resultat ist umso alarmierender, als die Daten ausschließlich in Schutzgebieten gesammelt wurden. Was einige bereits seit längerem in vielen europäischen Ländern, aber auch in China und den USA festgestellt hatten, jedoch nicht beweisen konnten, ist nun eine mit 1500 Proben belegte Tatsache. Die Aufmerksamkeit, die jetzt dieser Naturkatastrophe geschenkt worden ist, lässt jedoch hoffen, dass Initiativen ergriffen werden, um dem Übel zu Leibe zu rücken.  Gewiss sind Auswilderung und Monitoring von Bartgeier, Luchs & Co. weniger mühselig und für die Biologen eindeutig spannender, als dem Aussterben von zum Teil unscheinbaren Insekten auf den Grund zu gehen. Deren ökologische Bedeutung übertrifft jedoch jene der attraktiven «Großen» bei weitem.

Die Schweiz am Pranger
Unlängst war es der Menschenrechtsrat der Uno, der die Schweiz maßregelte. Kurz darauf teilte die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) unserem Land in Sachen Umweltschutz miserable Noten aus. Nachholbedarf gebe es zum Beispiel beim Erhalt der Artenvielfalt, bei den Schutzgebieten (zu wenige, schlecht vernetzt), der Landwirtschaft  (zu viele Pestizide), der Wasserkraft (zu geringe Restwassermengen). Mit ihren 6,2% sei die Schweiz weit davon entfernt, bis 2020 die weltweit vereinbarten 17% der Landesfläche unter Schutz zu stellen. Zudem gebe es verglichen mit den übrigen Ländern viel zu wenig geschützte Wälder.

Was die Pestizide betrifft, scheint die OECD nicht ganz falsch zu liegen, wenn man sich in Wikipedia umschaut. Denkt man jedoch an die riesigen Ackerflächen, wie sie z.B. in Deutschland oder Frankreich häufig sind, kommt einem die kleinräumige, gebirgige Schweiz dagegen eher «harmlos» vor. Ausserdem werden unsere Landwirte durch zahlreiche Auflagen gezwungen sowie durch finanzielle Anreize motiviert, mit Hecken, Steinhaufen und Ähnlichem die Biodiversität zu fördern.

Die Forderung nach mehr Schutzgebieten wiederum mag rein zahlenmäßig berechtigt sein. Ein Blick auf die Landkarte genügt jedoch, um zu sehen, dass wir in den Alpen, Voralpen und dem Jura mit Naturlandschaften reich gesegnet sind, und dies trotz des von der OECD beklagten Tourismus. Wesentlich größer ist die Gefahr, dass die Schweizer Landschaft von den Windturbinenanlagen zerstört wird, die an 159 Standorten, auch in Schutzgebieten, geplant sind! – Beim Wald wiederum liegen die Kritiker eindeutig falsch: Es gab in der Schweiz während einigen Jahrhunderten nie mehr so viel Wald und Totholz wie heute. Und auf die Biodiversität wirkt sich ein unbewirtschafteter Forst erwiesenermaßen nicht positiv aus. Doch lassen wir den Fachmann sprechen…

Mehr Natur in Wald und Rebberg
Der Walliser Biologe Antoine Sierro hat im Jahr 2000 als Mitarbeiter der Vogelwarte Sempach ein Projekt mit dem Ziel gestartet, die Vielfalt und Anzahl der Brutvögel in den Rebbergen zu erhöhen. Er überzeugte hundert Winzer, in ihren Rebbergen Büsche und Bäume zu pflanzen, die Böden stärker zu begrünen und weniger Pflanzen- und Insektenvernichtungsmittel einzusetzen. Sie machten mit, und zwölf Jahre später brüteten bereits 40% mehr Vögel in den Weinbergen, darunter auch seltene Arten. Im soeben erschienenen Wallis-Sonderheft VINUM berichtet er über diese erfolgreiche Zusammenarbeit. Hier einige Zitate zum Thema Insekten und Wald: «Im Rahmen meiner selbständigen Tätigkeit als Biologe beschäftigte ich mich auch mit Schmetterlingen, insbesondere mit dem in der Schweiz sehr seltenen Blasenstrauch-Bläuling. Seit 2000 versuchte ich die Winzer davon zu überzeugen, Blasensträucher für diese Schmetterlingsart zu pflanzen. Der Strauch, in dessen Samenkapseln die Bläuling-Raupe lebt, meidet Wälder und wächst hauptsächlich am Saum von Rebfeldern. Der seltene, sehr empfindliche und dabei wunderschöne Bläuling ist gewissermaßen der Cornalin unter den Schmetterlingen.»

«Der Wald kehrt überall in der Schweiz zurück, vor allem auf Kosten der Wiesen und Bergalpen. Allerdings wird der Wald heute nicht mehr für Brennholz genutzt, und auch Waldbrände kommen heute viel seltener vor, so dass er immer dichter wird und sich für zahlreiche Arten, die Helligkeit oder Lichtungen brauchen, nicht mehr als Lebensraum eignet.» Erstarrt die Natur, wenn der Mensch nicht genügend eingreift? «Na ja, fast… Sie haben bestimmt von dem Brand gehört, der 2003 in Leuk rund 310 Hektaren Wald zerstörte. Die Bewohner dieser Region empfanden dies als Katastrophe, doch für die Natur generell und insbesondere die Vögel stellte dieser Waldbrand eine einmalige Chance dar. Ich verfolgte die Entwicklung für die Vogelwarte. Dabei stellten wir fest, dass mehrere seltene Arten, etwa der Steinrötel, wieder zurückkehrten. Die Schmetterlingspopulation explodierte regelrecht, vor allem der Segelfalter breitete sich wieder aus. Im Bewusstsein der Menschen gilt der Wald als unantastbar, doch nach einem Waldbrand können sich zahlreiche Pionierpflanzen ansiedeln. Die Natur bietet unzählige Schattierungen, doch lässt sich das oft nur schwer vermitteln.» Diese nicht ganz neue Erkenntnis sollte den Fachleuten der OECD eigentlich ebenfalls bekannt sein.

PS: Bundeskanzlerin Merkel, die sich jetzt so sehr über ihren Landwirtschaftsminister aufregt, hatte Ende Juni 2017 am Bauerntag den Landwirten hoch und heilig versprochen, sich für die Verwendung von Glyphosat einzusetzen.

 

 

AUGENWEIDEN UND BIENENFREUNDLICHE BAUERN

Das Schweizer Stimmvolk hat das Energiegesetz angenommen, und es bleibt nur noch die Hoffnung, dass trotzdem Wege und Mittel gefunden werden, um in Sachen Windturbinen das Schlimmste zu verhüten. Elias Meier vom Verband Freie Landschaft Schweiz verspricht, am Ball zu bleiben (elias.meier@freie-landschaft.ch).

Pfingsten ist wie üblich launisch, was Gelegenheit zum Schmökern in Zeitungen, Magazinen und alten Büchern bietet. Es muss ja nicht immer nur Trump, Putin und Macron sein.

Hohe Zeit der Blumenwiesen
Die unter Naturschutz stehende Klappertopfwiese vor der Haustür blüht dank Einsprengseln von Klatschmohn, Wiesensalbei, Esparsetten und Margeriten farbenfroh. Auch in der Höhe geht es auf den Weiden momentan bunt zu und her. Besonders eindrucksvoll war der gestrige Kurzausflug zwischen zwei Regengüssen zum Tzeusier-Stausee über Ayent VS, wo die Alpen- und Schwefelanemonen mit dem kleinen Frühlingsenzian und dem kräftigeren Stengellosen Enzian dichte Bestände bilden. Eine echte Augenweide!

Stefan Eggenberger, Leiter des nationalen Daten- und Informationszentrums für Wildpflanzen Info Flora, bedauert, dass solche Wiesen in der Schweiz immer seltener und sogar in den Alpen schleichend durch sattgelbe, jedoch eintönige Löwenzahnflächen ersetzt werden. Biodiversität sieht anders aus! «Erst so realisiert man, dass etwas nicht in Ordnung ist mit unserem Naturkapital. Oder denken Sie an die 1960er Jahre zurück: Nach einer Autofahrt klebten überall Insekten an der Windschutzscheibe. Heute sind wir schneller und mehr unterwegs, aber die Autos sind fast sauber. Wo sind nur all die Insekten geblieben?»

Und was ist seiner Ansicht nach die Ursache für den erschreckenden Rückgang der Artenvielfalt ? «Eines der größten Probleme ist unsachgemäßer Stickstoffeinsatz in der Landwirtschaft. Das Ammoniak, das aus der Gülle in die Luft entweicht, gelangt flächendeckend auch in sensible Lebensräume. Diese Düngung führt dazu, dass die natürlichen Standortunterschiede verschwimmen.» Die Folge sei die Banalisierung der Landschaft durch die Ausbreitung nährstoffliebender Pflanzen wie Löwenzahn.

Insekten gibt es auch dieses Jahr auf unserer Bilderbuch-Magerwiese am Montorge-See oberhalb von Sion wiederum sehr wenige. Jede Hummel, jeder Schmetterling, ja sogar jede Biene oder Fliege ist ein Ereignis. Es ist zudem das erste Mal, dass auf der Terrasse keine Mauereidechsen zu sehen sind. Wovon sollten diese Insektenjäger denn auch leben? (Quelle: «NZZ» vom 2.6.2017; www.infoflora.ch).

Dass neben dem Dünger auch die Pestizide reduziert werden müssen, wissen auch unsere Landwirte und Winzer. In den letzten zwei, drei Wochen sind die Helikopter bereits morgens um sechs Uhr losgedonnert, um die Reben zu spritzen. In einem «Blick»-Video kommentiert ein Weinbauer aus Fully das Prozedere und meint, man gebe sich im allgemeinen Mühe, weniger und umweltfreundlichere Pflanzenschutzmittel einzusetzen. Störend finde er hingegen, dass nicht die Winzer die Spritzpläne erstellen, sondern die Produzenten bzw. Händler der Pestizide. Das ist allerdings erstaunlich…

Bienenfreundlicher Aargau
Im Kanton Aargau will man das alarmierende Bienensterben mit einem sogenannten Ressourcenprojekt in Zusammenarbeit mit den Landwirten und Winzern gezielt bekämpfen. Durch zahlreiche Maßnahmen, die den Bauern einiges abfordern, wofür sie jedoch durch finanzielle Beiträge relativ großzügig entschädigt werden, sollen Honig- und Wildbienen geschützt und gefördert werden.

Laut «NZZ» haben sich in den ersten fünf Monaten 250 im Kanton Aargau ansässige Bauern zum Mitmachen entschlossen. Sie verpflichten sich, die strikten Mäh- und Spritzvorschriften einzuhalten, legen Kleinstrukturen an (Holz-, Sand-, Erd- und Steinhaufen), lassen Brachen mit Wildblütenpflanzen stehen, schaffen Tümpel, besuchen Weiterbildungskurse usw. Die ausführliche Beschreibung des ehrgeizigen Projekts «Bienenfreundliche Landwirtschaft im Kanton Aargau» findet man unter www.agrofutura.ch.

Meiner treuen «Followerin», Imkerin und Kommunikationsfachfrau in Österreich geht es übrigens nicht besser als unseren Schweizer Bienenhaltern. In ihrem neusten Blog klagt sie: «Meine traurige Bilanz: 75% Verlust im Winter 2016/17. Die Hälfte meiner Völker war bereits im Herbst sehr schwach, und die zusätzliche Varroa-Behandlung hat ihnen leider den Rest gegeben. Hinzu kommt, dass sie auf Grund der Rückkehr des Winters im Februar viel Hunger leiden mussten.» Beides habe dazu geführt, dass sie Anfang März drei tote Völker vorgefunden habe. Mehr dazu gibt’s unter www.honigsuess.com zu erfahren.

UND WO BLEIBEN DIE FRÖSCHE?

Es blüht und sprießt, pfeift und jubiliert allenthalben. Der Frühling kommt nun wirklich mit Macht, und obwohl man von den politischen Machtdemonstrationen einiger Herren mehr als genug hat, lässt man es sich vom Lenz gerne gefallen. Am Montorge bei Sion stehen die Mandel- und Kirschbäume im Blust, die Hänge sind voller Berganemonen, der Wald schmückt sich mit Leberblümchen, und entlang der Suone schießt die Färberwaid in die Höhe. Es fehlt eigentlich nichts zum Glück. Außer den Grasfröschen und Erdkröten, die sich dieses Jahr rar machen.

Ohne Insekten keine Frösche
Das Rhonetal war früher ein einziges Amphibienparadies. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten aus mancherlei Gründen geändert. Die Trockenlegung zahlreicher Teiche und Weiher in der Ebene, die Erweiterung des Straßennetzes und Insektizide werden als die wichtigsten genannt. Laut dem Walliser Biologen Pierre-Alain Oggier ist der Grasfrosch jedoch erstaunlich berggängig und wurde sogar im Riffelsee oberhalb von Zermatt auf 2757 m ü.M. gesichtet. Ob es dort Nachwuchs gibt, ist nicht erwiesen, aber im See von Morgins, auf 1366 m, war sein Brutgeschäft erfolgreich: 1985 wurden dort rund tausend Grasfrösche gezählt. Grasfrösche sind sehr anpassungsfähig und vollbringen bei ihrer Wanderung zum Laichplatz eine beeindruckende Leistung. Ihr Ziel ist der Weiher, in dem sie aus dem Ei geschlüpft waren und sich zum Fröschlein entwickelt hatten.

Eigentlich sollte im kleinen Lac de Montorge und den umliegenden Tümpeln momentan Hochbetrieb herrschen. Die meteorologischen Verhältnisse sind ideal: Es hat mehrmals geregnet bei milden, frühlingshaften Temperaturen. Dennoch sieht und hört man nur ein paar vereinzelte Tiere, und auch die Laichklumpen sind rar. Dasselbe gilt für die Erdkröten, die noch vor dreißig Jahren im Wallis bis auf eine Höhe von 1500 m in zum Teil bemerkenswert großen Populationen vorkamen. Wenn es jedoch so wenig Insekten gibt wie letztes Jahr, ist es nicht erstaunlich, dass die Bestände der Frösche und Erdkröten schrumpfen.

Damit wären wir wieder einmal bei den Pestiziden. Migros und Coop haben beschlossen, ihren Gemüse- und Obstlieferanten in dieser Beziehung noch genauer auf die Finger zu schauen. Dadurch sollen nicht nur die Konsumenten, sondern auch die Arbeiter und die Umwelt geschont werden. Für die Tierwelt ist das eine gute Nachricht. Die beiden Großverteiler halten sich dabei an die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO. Für das Bundesamt für Landwirtschaft geht das jedoch zu weit. Man halte sich vorläufig an die bestehenden eidgenössischen Vorschriften. Neuste amerikanische Studien über Neonicotinoide deuten übrigens darauf hin, dass diese Stoffe nicht nur Bienen und andere Insekten schädigen, sondern sich auch auf das menschliche Gehirn negativ auswirken könnten.

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!
Die Schweiz rühmt sich, wo sie kann, ihrer wunderschönen Landschaft, die Touristen aus allen Ecken der Welt anlocken soll. Der Tourismus ist denn auch für unser Land ein enorm wichtiges Standbein, selbst wenn es hier und dort etwas schwächelt. Zermatt, Verbier, St. Moritz, Gstaad sind die Highlights, aber auch die übrigen Alpentäler und der Jura werden von den Ausländern und Einheimischen geliebt, weil hier die Welt noch einigermaßen intakt wirkt.

Und nun will unser Bundesrat dieses Juwel mit Windturbinen zerstören. Der Gewinn an «sauberer» Energie ist lächerlich gering, das ficht jedoch unsere Regierung nicht an.

Der Verband «Freie Landschaft Schweiz» versucht, diesen Irrsinn abzuwenden: «1000 Windkraftwerke sind nötig, um das Ziel der Energiestrategie 2050 von 4.3 Terawattstunden Windstromproduktion zu erreichen. Nur gerade 6% wären so durch die Windkraft gedeckt. (…) Die Windturbinen bringen einen gravierenden Schaden für die am meisten geschützten und bekannten Landschaften unseres Landes. Gemäß den kürzlich veröffentlichten Schweizer Studien sind 30 000 bis 70 000 getötete Vögel pro Jahr zu erwarten, so auch geschützte und vom Aussterben bedrohte Arten.»

Das sind allzu viele Opfer für das bisschen Strom, der zudem bei Windstille ausbleibt. Dasselbe gilt für die Sonnenenergie bei bedeckten Himmel (man denke nur an den zähen Hochnebel über dem Mittelland im letzten Herbst und Winter). Der Verband empfiehlt darum dringend, am 21. Mai 2017 die Energiestrategie 2050 abzulehnen. Mehr unter www.freie-landschaft.ch.

Bleibt nur noch zu hoffen, dass der gesunde Menschenverstand der Windenergie-Lobby und ihren seltsamen Argumenten den Wind aus den Segeln nimmt.

 

  

DROHNEN STATT BIENEN?

drohne-und-blumeWährend in St. Moritz die Ski-WM die Gemüter erhitzt, wird es bei uns im Rhonetal frühlingshaft warm. Ungeachtet der verschneiten Berge wehen hier laue Lüfte, die in Erinnerung rufen, dass es bald wieder blühen wird im Tal der Aprikosenbäume. Für die Bienen geht die Winterpause dem Ende entgegen, die ersten dieser für den Obstbau so wichtigen Bestäuber wagen sich bereits jetzt ins Freie, um die Gegend zu erkunden. Ginge es nach dem japanischen Forscherteam von Eijiro Miyako, würden sie allerdings in ein paar Jahren nicht mehr gebraucht, da er sie durch Drohnen ersetzen will, allerdings nicht durch ihre männlichen Artgenossen, sondern durch diese lästigen mechanischen Brummer.

beeBrutaler Blümchensex
Bereits 2013 präsentierten Forscher aus Harvard eine Mini-Drohne namens «Mobee», die das Geschäft der konventionellen Bestäuberbienen übernehmen sollte. Die Harvard Monolithic Bee wurde äußerlich einem Insekt nachempfunden und hat den Vorteil, gegen Pestizide unempfindlich zu sein. Und nicht nur das. Laut den Deutschen Wirtschafts-Nachrichten würden die Roboter-Bees die umweltgestressten Bienen entlasten: «Ein Ökosystem besteht aus einem natürlichen Kreislauf. Daher ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die künstlichen Insekten durch ihre Arbeit die Population ihrer natürlichen ‹Artgenossen› sogar fördern.» Je mehr Arbeit die motorisierten Drohnenbienen übernehmen, desto stärker würden sich wieder Blütenpflanzen vermehren. Und um so leichter hätten es die heute häufig geschwächten Bienenschwärme, sich dank diesem ergiebigeren Angebot zu erholen. «Denn durch die künstliche Helferbiene (Mobee) werden die Wege für die echten Bienen kürzer, und ihre Nahrung wird reichhaltiger. Dadurch können sie Energie sparen, die sie in den Bau des Bienenstocks und in die Bildung von Nachwuchsgenerationen stecken können.»

Das Blatt beurteilt die Entwicklung solcher Helferlein positiv, falls nicht noch mehr Lebensraum der Bienen durch Pestizide vernichtet wird. Und meint augenzwinkernd, dass die beste Lösung der Drohnen-Mensch wäre, da er weniger unberechenbar als die Wesen aus Fleisch und Blut sei. Was ist aus der Mobee geworden?

drohneInzwischen hat ihr eine japanische Konkurrentin die Show gestohlen. Diese etwa vier Zentimeter große Drohne imitiert kein Insekt, sondern sieht wie ein buntes, mit Propellern ausgestattetes Kinderspielzeug aus. Das Revolutionäre ist die aus einem besonderen Gel und Pferdehaaren bestehende Vorrichtung, an der die Pollen haften. Ein Kurzfilm zeigt sie beim Bestäuben einer Lilie, und es ist kein erfreulicher Anblick. Geräuschvoll stürzt sich die Maschine auf die Blüte und scheint ihr einen Kinnhaken zu versetzen. Ein brutales Schauspiel, und ob die Bestäubung gelungen ist, scheint mir fraglich. Der Besuch einer echten Imme ist im Vergleich dazu ein zärtliches Liebesspiel.

Flügellahme Wildbienen
deform1Für die Landwirtschaft ist der Rückgang der Bienen nach wie vor ein Problem, daran haben diese technischen Kuriositäten bislang nichts geändert. Dass dabei auch die Wildbienen eine wichtige Rolle spielen, kommt im «Schweizerbauer» vom 2. Februar 2017 zum Ausdruck. Weltweit würden «1,4 Milliarden Arbeitsplätze sowie drei Viertel des landwirtschaftlichen Anbaus» von Bienen abhängen. Doch da ist Gefahr im Verzug: Ein neuentdecktes Virus, das durch winzige Milben übertragen wird, deformiert die Flügel von Wildbienen. Dadurch werde nicht nur das Sammeln von Blütennektar erschwert, es verkürze auch die Lebenserwartung der befallenen Individuen. Die Untersuchung der Flugrouten von mit Sendern ausgestatteten infizierten und gesunden Bienen soll genauere Informationen über den neuen Feind und dessen Auswirkungen bringen.

groozigdoseZum Schluss noch dies
Junge französisch- sprachige Walliser haben 2014 ein Startup zur Kommerzialisierung essbarer Insekten gegründet (www.groozig.com). Seither betreiben sie eine gut gemachte Internetseite, knüpfen Kontakte zu Züchtern, Köchen und der Presse. Nun planen sie, einen Concept Store unter ihrem Namen «Groozig» zu eröffnen. Vermutlich soll der witzig sein, aber ist er auch verkaufsfördernd? Für Deutschschweizer bedeutet gruusig nämlich nichts anderes als widerlich, ekelerregend und grausig…