EIN FLEXIBLER SCHWÄRMER

 

 

blog-48-lac-de-montorgeEndlich komme ich wieder zum Bloggen! Vor den Festtagen geht es jedoch nicht nur in den Warenhäusern hoch zu und her, auch für viele Übersetzer sind das strube Zeiten. Der Kunde ist jedoch König, da muss das meiste für eine Weile zurückstehen…

Die Spaziergänge mit Hund Truffo lassen wir uns dennoch nicht nehmen. Morgens, wenn es genügend hell ist, um das Montorge-Seelein zu umrunden, fand bis vor einigen Tagen ein großartiges Schauspiel statt. Auf der kleinen, mit Röhricht bewachsenen Insel rechts im Bild befindet sich nämlich ein Schlafplatz für Stare, die sich jeweils im Herbst für einige Wochen zu Hunderten einfinden. Solche Inseln gehören zu ihren Lieblingsplätzen, die sie oft während Jahrzehnten aufsuchen.schwarm

Soziale Tänzer und Schwätzer
In der Morgendämmerung beginnt auf der kleinen Insel ein eifriges Geschwätz, das weitherum zu hören ist. Es scheint zum Ritual der Stare zu gehören, miteinander zu kommunizieren, bevor man sich zum Tagesgeschäft aufmacht. Irgendwann verstummen sie schlagartig, und einige Sekunden später rauscht der Schwarm himmelwärts, zieht noch ein paar Runden und verschwindet schließlich in Richtung Weinberge, wo sich die Vögel tagsüber die Bäuche vollschlagen. Nicht unbedingt zur Freude der Winzer, versteht sich…

A flock of starlings fly over an agricultural field near the southern Israeli city of Netivot January 24, 2013. REUTERS/Amir Cohen (ISRAEL - Tags: ANIMALS ENVIRONMENT TPX IMAGES OF THE DAY)Bevor es einnachtet, kehren sie gemeinsam zum Schlafplatz zurück. Es scheint, als wollten sie zur Krönung des Tages ein Feuerwerk ihrer Kunst zum Besten geben. In rasantem Tempo bildet der Schwarm immer neue Formationen: Schläuche, Wellen, Kugeln, die sich pulsierend ausdehnen und zusammenziehen, fast schwarz und dann wieder durchscheinend werden. Diese lebenden Bilder wechseln die Richtung und verschwinden ebenso rasch, wie sie gekommen sind. Neue Trupps tauchen auf, verschmelzen mit den anderen zu einer einzigen Wolke. Der Tanz kann ein paar Minuten oder auch viel länger dauern. Wer oder was diese faszinierende Choreografie bestimmt, ist nach wie vor ein Rätsel.

star-an-baumEs soll Starenschwärme mit mehreren Hunderttausend, ja sogar Millionen Individuen geben (wie im Bild oben aus Israel). Wie viele es bei uns sind, ist für mich schwer zu sagen. Es scheint jedoch, dass der Trupp diesmal kleiner ist als in den vorhergehenden Jahren. Dass es im Vergleich zu anderen insektenfressenden Vögeln immer noch recht viele Stare gibt, hängt vermutlich mit ihrem breiten Nahrungsspektrum und ihrer Intelligenz zusammen. Die wichtigste animalische Nahrung sind im Boden lebende Insektenlarven (Wiesenschnake, Schmetterlinge, Graseule), aber auch Käfer, Regenwürmer, Schnecken und Raupen. Sogar kleine Fische, Eidechsen, Blindschleichen, Frösche und Teichmolche werden erbeutet und zum Teil dem Nachwuchs verfüttert. Und wenn für die Nestlinge zu wenig Insekten und Würmer gefunden werden, stopfen die Stare die ewig hungrigen Schnäbel eben mit fast allem, was sie finden: Wurst, Fleischresten, Brot, Nudeln, Kirschen, Vieh- und Hühnerfutter. (Quelle: G. von Blotzheim, Handbuch der Vögel Mitteleuropas Bd. 13/III). Anpassungsfähigkeit scheint ihr Erfolgsrezept zu sein.

bretoletAb ins Winterquartier
Wohin sind die Stare gezogen? Stare sind auch in der Wahl ihrer Winterquartiere flexibel. Es muss nicht unbedingt Afrika sein, in nördlicheren Gebieten überwintern sie vorwiegend in größeren Städten, im Süden eher in Kulturlandschaften. Möglicherweise sind sie über den Col de Bretolet geflogen, den 1923 m hohen Pass im Wallis, der von Zugvögeln besonders stark frequentiert wird und die wichtigste Beringungsstation in der Schweiz ist.

blaumeiseDieses Jahr haben erneut die Buchfinken den Rekord gehalten: 4373 flogen in die Netze und wurden beringt. Das überrascht nicht, sind sie doch in der Schweiz die am häufigsten vorkommende Vogelart. Erstaunlicher ist die Blaumeise, von denen 2015 auf dem Bretolet-Pass über 4000 Stück ins Netz flogen. dsc012932016 waren es noch knapp ein Dutzend! Das sei jedoch normal, meint der verantwortliche Ornithologe der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach, Fabian Schneider, solche Zyklen der Population seien vom Nahrungsangebot abhängig. Da sind wir gespannt auf die Zahlen von 2017! (Quelle: Le Nouvelliste)

Noch eine Beobachtung diesen Sommer und Herbst. Unser Feigenbaum konnte 2016 zweimal abgeerntet werden, und zwar so üppig wie nie zuvor. Die letzten hängen noch am sonst kahlen Baum, als Vogelfutter. Diesmal wurden eindeutig weniger Früchte von den Vögeln gefressen oder angepickt. Dagegen ist eigentlich nichts zu haben. Nur etwas stört: Es gab 2016 eindeutig weniger Vögel als sonst.

 

 

DIVERSES AUS DEM HEXAGON

Die Osterzeit in der Ardèche war ziemlich wetterwendisch. Der Karfreitag, hier ein beinahe normaler Arbeitstag, war grau und feucht, am Samstag wurde es dann frühlingshaft warm mit strahlendblauem Himmel, am Ostersonntag regnete es wiederum heftig, und die folgenden Tage waren ebenfalls vorwiegend nasskalt. Das bietet Gelegenheit, in Zeitungen, Magazinen und im Internet nachzuschauen, was sich in Frankreich und der übrigen Welt in Sachen Insekten und Naturschutz tut…

Pfirsich2

Pestizide, Demos und Bienenmedizin
Die Tageszeitung «Le Dauphiné libéré» bietet ihrer Leserschaft jeden Tag die Möglichkeit, zu einem aktuellen Thema via Internet mit Ja oder Nein Stellung zu nehmen. Am Samstag, 2. April, reagierten 6600 Personen auf die Frage: «Werden Sie darauf verzichten, chemische Unkrautvernichtungsmittel zu benutzen?» 64% waren dafür, 36% dagegen. Eine klare Mehrheit wäre also bereit, von Hand oder mit alternativen Mitteln gegen die sogenannten Mitkräuter vorzugehen. Am Vortag lautete die Frage: «Soll die Regierung auf die Demonstrationen gegen das neue Arbeitsrecht eingehen?» Diesmal antworteten 8751 Personen, und das Verhältnis war genau umgekehrt: 36% stimmten dafür und 64% dagegen. Die meisten Leserinnen und Leser des bunten Blattes sind demnach mit den Millionen, die in den vergangenen Tagen vor allem gegen die von der linken Regierung vorgeschlagenen längeren Arbeitszeiten auf die Straße gingen, nicht ganz einverstanden. Die Demos erinnerten denn auch eher an ein fröhliches Volksfest für die Jungen, die für die Umzüge teilweise schulfrei kriegten.

220px-Propolis_in_beehives - KopieDas Glück liegt laut Professor Henri Joyeux sowieso in den Bienenstöcken und nicht auf der Straße. In derselben Nummer preist der Krebsforscher die wohltuende Wirkung von Honig, Propolis, Gelée Royale, Pollen und sogar dem Gift der Bienen. Er kämpft seit Jahren gegen die Windmühlen der Pharmaindustrie, die nur ans Geld denke. Er empfiehlt Honig nicht nur als Wundheilmittel, sondern unter vielem anderem auch als Schlafmittel und Antidepressivum. Kein Wunder, ist der Professor, der mit Bienenfleiß zahlreiche Bücher zum Thema Alternativmedizin geschrieben hat, bei seinen Berufskollegen nicht allseits beliebt.

Bienen haben wir übrigens bisher auch bei schönem Wetter sozusagen keine gesichtet, obwohl es im Eyrieux-Tal in allen Farben blüht. Man fragt sich, wie die zahlreichen Pfirsichbäume bestäubt werden, ob wohl der Wind diese Arbeit erledigt. Auch überwinternde Schmetterlinge, die ebenfalls Pollen übertragen können, sieht man erstaunlich selten.

Escrinet ganzer textVögel zählen und füttern
Auf dem Col de l’Escrinet werden momentan die Zugvögel gezählt. Der Pass ist einer der drei wichtigsten Vogelzug-Beobachtungsstandorte in Frankreich. Die Witterung meint es allerdings momentan nicht gut mit den Ornithologen, die vom 10. Februar bis zum 15. April tagtäglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang hier ausharren. An den Wochenenden ist der niedrige Pass (787 m) zwischen Privas und Aubenas ein Treffpunkt von Vogelfreunden, von denen manche für dieses Ereignis von weit her anreisen. Die Ergebnisse der letzten Jahre sind unter www.migraction.net nachzulesen.Leute mit Fernrohren

Weiter südlich, zwischen Lagorce und Gras, in der Nähe der beeindruckenden Schluchten der Ardèche unterhalb von Vallon-Pont-d’Arc, bereitet sich der französische Vogelschutz(Ligue pour la protection des oiseaux) auf die – erhoffte – Rückkehr von drei Schmutzgeierpaaren aus dem Süden vor, die in den Felsen des Massivs der Dent de Rez nisten werden. Sie brauchen jedoch Unterstützung. SchmutzgeierpaarWeil die Bauern die Schlachtabfälle und Totgeburten ihrer Tiere in der EU nicht mehr in der Natur entsorgen dürfen, leiden Aasfresser wie die Geier unter Nahrungsmangel. Im Dezember 1981 wurden die ersten Gänsegeierpaare über der Jonte-Schlucht ausgewildert. Weitere folgten, und allmählich begannen sie auch zu brüten, so dass der Bestand in den Cevennen bis heute auf ungefähr 900 Vögel angewachsen ist. Außerdem gibt es in den Cevennen etwa 80 Mönchsgeier und einige Bartgeier, die 2012 ausgewildert wurden. Ohne Zufütterung würden die Bestände rapid zurückgMönchsgeier-Cevennen (2)ehen. Die drei Plätze, auf denen regelmäßig Schlachtabfälle und ganze Kadaver ausgelegt werden, bleiben geheim und sind mit Fotofallen bestückt.

Doch zurück zur Landwirtschaft. Die Französische Vereinigung für wissenschaftliche Information (AFIS) hat ihr neustes Heft den Pestiziden gewidmet. Auf 112 Seiten will die 1968 gegründete, honorige Zeitschrift das aktuelle und heikle Thema möglichst vorurteilslos angehen, wissenschaftlich eben. Das Dossier über Pestizide dieser Nummer wolle zur Information über die wirklichen Erkenntnisse beitragen, jenseits der industriellen und ideologischen Lobbys. Ich bin gespannt! Siehe: Science… & pseudo-sciences No 315, 2016. www.pseudo-sciences.org