WILLKOMMEN IM JAHR DES SCHWEINS!

Bei den Chinesen steht das Jahr 2019 im Zeichen des Schweins und damit des Glücks und des Genusses. Voraussetzungen, die in diesen brenzligen Zeiten höchst willkommen sind. Das gilt nicht zuletzt auch für die rund hundert Bachstelzen, die sich mitten in der Stadt Sitten, an der vielbefahrenen Avenue de la Gare, auf einem Baum versammeln, um dort die Nacht gemeinsam zu verbringen. Sie überwintern seit einigen Jahren im Hauptort des Wallis, was laut dem Ornithologen Jérémy Savioz in dieser Form in der Schweiz ein seltenes, wenn nicht gar einzigartiges Phänomen ist. Die meisten ziehen im Herbst in Richtung Süden, in den Mittelmeerraum oder nach Nordafrika, und kehren im Frühling wieder zu ihrem Geburtsort zurück. bergo1-1.jpgIn der Regel überwintern sie höchstens vereinzelt nördlich der Alpen. Wer sich wie die Bachstelzen vorwiegend von Insekten und Spinnen ernährt, hat es bereits in den wärmeren Jahreszeiten nicht mehr leicht. Dass sie jedoch bei uns den Winter überleben können, vor allem wenn längere Zeit Schnee liegt, grenzt an ein Wunder.300px-Bachstelze_1.jpg

Im «Handbuch der Vögel Mitteleuropas» ist nachzulesen, dass eine Bachstelze an einem Mittwintertag pro Minute 18 Zuckmücken schnabulieren sollte, um genügend Energie für ein ausgeglichenes Aktivitätsbudget umzusetzen. Ob das ihr stets gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Laut Vogelwarte Sempach ergänzen sie ihren Speiseplan notfalls mit Kernen, Beeren und Pflanzenteilen. Sie müssen also flexibel sein, um nicht zu verhungern. Möglicherweise lassen sich die Kulturfolger die Weintrauben schmecken, die dieses Jahr in den Rebbergen im Mittel- und Unterwallis wegen der Überproduktion nicht abgelesen wurden. Und dann gibt’s ja noch die Vogelfreunde, die täglich für Futternachschub sorgen. Schwein gehabt!Glühwürmchen 2.jpg

«Ich habe sie noch gekannt…
… die artenreichen Blumenwiesen voller Insekten, Käfer und Spinnen. Selbst Glühwürmchen gehörten noch zu meiner Kindheit; ach war das schön…» erinnert sich Kathrin Nigg, Vorstandsmitglied von KAGfreiland, der Organisation, die sich seit 1972 für ein gutes Leben der Nutztiere einsetzt, unter anderem auch für die Weidehaltung von Schweinen. Die Töpferin, die selbst mehrere Esel hält und im Weiler  Menzengrüt bei Wiesendangen ZH wohnt, hat sogar in dieser idyllischen Gegend eine ähnlich besorgniserregende Entwicklung verfolgt wie wir im Wallis und in den französischen Cevennen:kathrin.jpg

«Eigene Beobachtungen in meiner Umgebung beunruhigen mich schon lange. Ich sehe immer weniger Heugümper, Hüslischnägge, Käfer, Insekten und Fledermäuse, auch die Vogelpopulation verändert sich stark. Dieses Jahr hatte es sogar weniger Fliegen und Mücken ­– wohl auch wegen der Trockenheit –, was dann besonders den Schwalben zu schaffen machte. Sicherlich wirken viele Ursachen zusammen, dass die Insekten sterben: Pestizide, Lichtverschmutzung, fehlendes Futterangebot, intensivierte Landwirtschaft, Steinöden und Mähroboter in Privatgärten, Überbauung und Verlust von Naturlandschaft, wachsender Verkehr und vieles mehr. Alles hängt zusammen.» Mehr über glückliche Esel, ein schönes Bauernhaus und bunte Keramik unter www.niggkeramik.ch

Klett_Mockup_04.pngInsektenschwund… auch in den Lehrbüchern
Dass man nur schützen kann, was man kennt, ist eine altbekannte Erkenntnis. Wenn Insekten nicht nur aus der Natur, sondern auch aus den Biologiebüchern verschwinden, wie Julia Koch im Spiegel Nr. 2/2019 schreibt, kann das nachhaltig schlimme Folgen haben. «In den vergangenen Jahrzehnten, das berichteten zwei US-Biologinnen im Fachblatt American Entomologist, hat sich ein beispielloser Insektenschwund vollzogen – nicht nur in Wald und Flur, sondern auch zwischen den Buchdeckeln. Um 75 Prozent schrumpfte in der untersuchten Literatur der Anteil der Seiten, die sich mit Insekten befassen, seit den Lehrbüchern vor 1960 bis zu jenen Werken, die nach der Jahrtausendwende erschienen. Schwalben.jpgMittlerweile widmen Biobücher den Kerbtieren gerade mal 0,6 Prozent ihres Inhalts. Sie vermitteln damit nicht nur ein Zerrbild der Natur: Insekten sind die artenreichste Tierklasse auf unserem Planeten. Auch rein zahlenmäßig nehmen wir Wirbeltiere uns gegen sie als lächerliche Minderheit aus. Vor allem aber entgehen den Studierenden faszinierende Einblicke in Artenvielfalt und Evolution. (…) Nur wenige brauchen den Menschen als Wirt oder Nahrungsquelle. Der Rest der rund eine Million bekannten Arten käme prima ohne uns klar. Aber wir nicht ohne sie.»

Es stimmt schon, neben den fleißigen Bienen, die zunehmend auch von urbanen Imkern gehalten werden, finden vor allem die «bösen» Invasiven und andere Lästlinge mediale Beachtung. Glühwurm mit Schnecke.jpgDank Pro Natura, die das Glühwürmchen zum Tier des Jahres erkoren hat, macht 2019 ausnahmsweise ein positiv besetztes Insekt Schlagzeilen. Der «Große Leuchtkäfer», wie das Glühwürmchen korrekt heißt, ist dank seiner Leuchtkraft von einer romantischen Aura umgeben. Dass es sich hauptsächlich von Schnecken ernährt, die es mit Gift killt, ist wohl den wenigsten bekannt. Mehr Erleuchtung unter www.pronatura.ch.

WALLISER SCHWARZNASEN UND DIE DEUTSCHE EICHE  

 

Mit der sommerlichen Wärme haben schließlich doch noch einige Frösche und Erdkröten den Weg zum Montorge-See gefunden. Besser spät als nie! Es sind jedoch vermutlich noch weniger als vergangenes Jahr, und Insekten sind ebenfalls noch herzlich wenige zu entdecken. Da kommt die Nachricht wie gerufen, dass bei uns im Wallis in Sachen Umwelt etwas Mutiges geschieht.

Schafe statt Glyphosat
Der Nationalrat verkündete letzten Herbst, dass Glyphosat für Mensch und Umwelt gefahrlos sei und man es folglich mehr oder weniger bedenkenlos versprühen könne (mehr dazu im Blog vom 5. Januar 2018). Man müsse pro Tag 71 Kilogramm Teigwaren essen, bis sich schädliche Nebenwirkungen bemerkbar machten. Man wundert sich immer wieder, wie solche sogenannt wissenschaftlichen Daten zustande kommen.

desherbeuse-4Der Kanton Wallis lässt sich jedoch wieder einmal von Bern nicht beeindrucken und beschließt, eigene Wege zu gehen. Man will versuchen, auf öffentlichem Grund ohne oder jedenfalls fast ohne das Herbizid Glyphosat auszukommen. Reduziert wird hier bereits seit einigen Jahren: Wurden 2012 von staatlicher Seite noch 6000 Liter gespritzt, waren es im vergangenen Jahr noch 600 Liter für 600 Kilometer Straßenborde. Eine Alternativlösung ist heißes Wasser, das mit Hochdruck herausschießt. Eine andere Option sind Schafe, vor allem schwarznasige natürlich, die die Boden abgrasen sollen. So soll nicht nur die Biodiversität gefördert, sondern auch der Geldsäckel des Kantons geschont werden.

Im Burgstädtchen Saillon, das als eines der schönsten der Schweiz gilt, wird seit 2014 kein Herbizid mehr verwendet. Hier experimentieren die Pioniere mit Essig und heißem Wasser, um dem Unkraut zu Leibe zu rücken. Weil sich die Gemeinde dem sanften Tourismus verschrieben hat, wird der Rasen wo immer möglich durch Blumenwiesen ersetzt. Das wird nicht nur die Touristen, sondern auch die Insekten freuen.

SchwarznasenSchwarznasenschafe kann man auch vermehrt in den Rebbergen entdecken. Für die Winzer, die der Natur in ihren Parzellen mehr Raum gewähren wollen, ist die Haltung von Schafen eine neue Erfahrung. Da Bioweine an Beliebtheit gewinnen, haben die Vierbeiner auch einen gewissen Werbeeffekt. Sie mähen die Grünflächen zwischen den Rebzeilen und gelangen auch an Stellen, die schwer zugänglich sind. Doch sie haben auch die Sprossen, Blätter und Trauben der Rebstöcke zum Fressen gern, was ein gutes Management voraussetzt. Hängen die Trauben außerhalb ihrer Reichweite, können sie vom Frühling bis in den Spätherbst draußen bleiben. (Quelle: Le Nouvelliste)

Eichenwälder im SollingAttacken auf die deutsche Eiche
Letzten Sommer hat der Buchsbaumzünsler durch Kahlfraß in der Schweiz und in Frankreich Schlagzeilen gemacht, jetzt sorgt der Schwammspinner in Deutschland für Aufregung. Der unscheinbare Falter mag’s warm und trocken und kann sich explosionsartig vermehren. Dieses Jahr scheint er vor allem Eichenwälder in Bayern im Visier zu haben, weshalb die Forstverwaltung beschloss, mit Helikoptern insgesamt 1300 Hektar Eichenwald mit dem Insektizid Mimic zu besprühen. Mimic, das sonst im Obst- und Weinbau zum Einsatz kommt, hat allerdings den Nachteil, auch auf andere Schmetterlingsraupen sowie Fische und andere Wasserlebewesen tödlich zu wirken. Für Naturschützer und Insektenforscher ist das Grund genug, auf die Spritzaktion zu verzichten. Zudem wurden die längerfristigen Auswirkungen von Mimic auf den Wald noch nie untersucht.wsl_schwammspinner_raupe

Im Spiegel Nr. 17 beschreibt Manfred Dworschak das Für und Wider der verschiedenen Parteien recht ausführlich. Die Gegner der Spritzaktion argumentieren, dass die Population nach ieder Massenvermehrung von selbst wieder zusammenbricht und die Eichen den Kahlfraß überleben, indem sie wieder neu austreiben. Dem halten die Forstbehörden entgegen, das Risiko sei zu groß, denn wenn gar nicht gespritzt werde, «seien letzten Endes die gesamten befallenen Eichenbestände bedroht – und damit auch der Lebensraum vieler seltener Arten.»  schwammspi falIn Erinnerung ist die Schwammspinnerplage von 1993, als die haarigen Raupen sich besonders gefräßig und zudringlich benahmen. Damals wurden allein in Bayern 230 Quadratkilometer Wald mit einem Gift eingenebelt, das nicht mehr produziert wird. Fazit: «In der Tat geht es bei der Bekämpfung nur nach der gefühlten Gefahr. Gesicherte Fakten gibt es kaum. Niemand kann sagen, inwieweit der Wald Schaden nähme, wenn weniger gespritzt würde – oder auch gar nicht.»

wsl_erhebung_waldameisen_schweiz_nest_klPS: In der Schweiz wurden die Wälder meines Wissens bislang vom Schwammspinner noch nicht heimgesucht. Dafür ist nun die Luxusgastronomie hinter den Insekten her. Das Restaurant Silver in Vals serviert als Starter eines zwölfgängigen Menüs Waldameisen. Die – gesetzlich geschützten – Ameisen werden von Frühjahr bis Spätsommer ihrer «interessanten Säure» wegen gesammelt und in Öl eingelegt. Laut der Weltwoche will Koch Sven Wassmer damit Aufmerksamkeit erzeugen: «Aber die Ameisen machen geschmacklich Sinn: Sie sind Teil des hiesigen Ökosystems.» Abgesehen vom Geschmack, über den man streiten kann, wäre es wünschenswert, wenn Wassmer – 18-GaultMillau-Punkte und Aufsteiger des Jahres – den Waldameisen eine Chance ließe, auch weiterhin zu diesem Ökosystem zu gehören.

 

KALTE OSTERN, RADIKALE INITIATIVE

Der Osterhase ist dieses Jahr nicht zu beneiden, er hoppelt mit seinen Eiern unter Regen- und Schneeschauern durch die Lande. Zwar blühen in den Rebbergen die ersten Mandelbäume, doch die wenigen Erdkröten, die den Weg in den Montorge-See und die umliegenden Tümpel gefunden haben, lassen nur selten und höchst zaghaft von sich hören. Sie sind noch nicht so richtig in Fahrt gekommen, und Insekten sind ebenfalls kaum vorhanden. Trost bietet gegenwärtig der Wetterfrosch, der für die nächste Woche frühlingshafte Temperaturen verspricht. Möglicherweise beginnen dann auch die übrigen Kröten und Frösche zu den Laichplätzen zu wandern.

Baysanto: eine verhängnisvolle Ehe
Abgesehen von der ungewohnten Kälte Anfang April fröstelt es einen auch beim Lesen des Artikels im neusten «Spiegel» (Nr. 13) über die geplante Monsterhochzeit von Monsanto und Bayer. Ganz unschuldig, wie manche glauben, scheint laut dem deutschen Nachrichtenmagazin der amerikanische Pestizid- und Saatgutproduzent offensichtlich doch nicht zu sein. «In den letzten Monaten gab es eigentlich nur Schreckensnachrichten von Monsanto. Es wurden E-Mails öffentlich, die nahelegen, dass die Firma von den Gesundheitsgefahren ihres Verkaufsschlagers, des Totalherbizids Glyphosat, gewusst und sie wissentlich vertuscht habe. Dass das Unternehmen heimlich an Studien mitgearbeitet habe, die später als Arbeiten unabhängiger Wissenschaftler präsentiert und den US- und europäischen Aufsichtsbehörden untergejubelt worden seien. Beide Vorwürfe bestreitet Monsanto vehement.» Wie soll der Gigant auch sonst reagieren…

Es geht jedoch nicht mehr bloß ums Glyphosat, das sich als nicht absolut zuverlässig erwies, da gewisse Unkräuter dagegen resistent wurden und sich explosionsartig ausbreiteten. «Mittlerweile sind in den USA 34 Millionen Hektar Ackerland von Superunkräutern befallen. Eine neue, praktische Mixtur musste her – und damit nahm das Unglück seinen Lauf. Um weiter mit Saatgut und Unkrautvernichtern ein Milliardengeschäft machen zu können, griff Monsanto auf eine alte, aber hochumstrittene Chemikalie zurück.» Dicamba heißt dieses Spritzmittel, das den Nachteil hat, bei großer Hitze gasförmig aufzusteigen und mit dem Wind meilenweit transportiert zu werden. Landet es dann auf Feldern mit Pflanzen, die nicht gentechnisch gegen Dicamba resistent gemacht wurden (selbstverständlich von Monsanto), hat der Bauer eben Pech gehabt. Etliche Farmer wurden dadurch in den Ruin getrieben.
Die Macht von Agrochemiekonzernen trifft nicht nur US-Farmer mit Riesenflächen, auch die Kleinbauern in der übrigen Welt bekommen diese verhängnisvolle Abhängigkeit mehr und mehr zu spüren. Mit der Überbevölkerung haben die Giganten wie Monsanto, Bayer, Syngenta und Co. einen guten Trumpf in der Hand. Ob die Argumente der Naturschützer – Artenschwund, Monokulturen, Gesundheitsprobleme, Klima usw. – dagegen eine Chance haben, ist fraglich.

Die Königin des Schweizer Weins ist ebenfalls dafür
Auch in der Schweiz wird momentan viel über das Für und Wider von Chemie in der Landwirtschaft geschrieben und diskutiert. Grund dafür ist vor allem die Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide». Wahrscheinlich wird es zur Abstimmung kommen: Von mindestens 100 000 gültigen Unterschriften, die bis Ende Mai benötigt werden, sind heute bereits 80 000 beieinander. Wird die Initiative angenommen, müssen Bauern und Winzer radikal auf jegliche chemisch-synthetischen Pestizide verzichten. Für die Umstellung erhalten sie eine Frist von zehn Jahren. Der Initiativtext geht jedoch noch viel weiter. Er fordert zudem: «Auch die Einfuhr zu gewerblichen Zwecken von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mit Hilfe solcher hergestellt worden sind, ist verboten.»
Die Walliser Star-Winzerin Marie-Thérèse Chappaz, die diesen Februar von Parker für zwei ihrer Süßweine mit 99 Punkten gekrönt wurde, steht voll und ganz hinter dieser Forderung. Ihre 11 Hektar Rebland werden seit 1997 biodynamisch bewirtschaftet. Das habe sie nicht getan, um die Qualität des Weins zu verbessern, sondern der Natur zuliebe, um einen lebendigen Boden zu erhalten. Persönlich glaube sie allerdings, dass die Frist zur Umstellung 15 Jahre betragen sollte.

Weniger begeistert vom Verbot synthetischer Pflanzenschutzmittel ist der Schweizer Bauernverband. Die Produktion werde um 30 Prozent zurückgehen, und die Preise würden um 20 bis 30 Prozent steigen. 2200 Tonnen Pestizide werden laut Verbandspräsident Markus Ritter derzeit auf Schweizer Böden versprüht. Für die Naturschützer sind das 2200 Tonnen zuviel. Sie finden, die Landwirte sollten sich mehr mit der Förderung von Nützlingen beschäftigen, in erster Linie Insekten. Die Konsumenten ihrerseits müssten ebenfalls ihren Beitrag leisten, indem sie bewusster einkaufen und konsumieren. Und bereit sind, mehr für Lebensmittel zu bezahlen. In dieser Hinsicht muss vermutlich noch ziemlich viel Überzeugungsarbeit geleistet werden.

 

VOM WINDE VERWEHT

Die erste Biene, die erste Feuerwanze, die erste Ameise gesichtet! Hier und dort blühen Leberblümchen, und der Bärlauch beginnt zu sprießen – Frühlingserwachen. Dennoch: Es ist nach wie vor Winter, mit viel Schnee in den Bergen und Temperaturen weit unter Null. Wer Ski fahren will, muss nicht nach Pyeongchang fliegen, der Pistenplausch finde+t in den Schweizer Bergen auf echtem Schnee statt.

Zu teuer? Zu billig?
Auch den englischen Reisejournalisten John Eifion Jones zog’s in die Alpen. Und er hat in der «NZZ» erklärt, wieso er trotz Sonne, Pulverschnee und gutem Essen nicht nur begeistert war. «Wann sind Auslandferien zu teuer? Bei mir war es der Moment, als ich feststellen musste, dass mich die Bahnfahrt vom Flughafen zum Ferienort mehr kostet als der Flug von England in die Schweiz.» Das Swiss Transfer Ticket für Gäste aus dem Ausland kostet pro Person in der 2. Klasse 154 Franken (Kinder bis 16 Jahre gratis). Damit kann man mit der Eisenbahn von der Grenze oder vom Flughafen Genf oder Zürich bis zum Ferienort und wieder zurück fahren. Gewiss, das scheint nicht ausgesprochen günstig, wenn man mit dem Billigflieger bereits für 100 Franken von London nach Zürich und zurück reist. Und es gibt sogar Schnäppchen-Flüge für wesentlich weniger Geld! Insofern ist der Frust des Journalisten verständlich. Auch für Einheimische ist die Schweizer Bahn übrigens kein preisgünstiges Beförderungsmittel – außer für Politiker und Bundesbeamte, die jedes Jahr ein Erstklass-Generalabonnement im Wert von 6300 Franken geschenkt erhalten.

Grundsätzlich mag man es ja allen gönnen, nicht nur den Superreichen, sondern auch den britischen Pauschaltouristen, dass sie den Urlaub an ihrem Wunschziel verbringen können. Die Frage ist jedoch, ob die Billig(st)flüge – und überhaupt der gesamte rasant zunehmende Flugverkehr – ökologisch noch verantwortbar sind. In Blog 45 vom September 2016 berichtete ich vom Savoyarden Jacques Fabry, der die Auswirkungen des Luftverkehrs seit Jahren beobachtet und überzeugt ist, dass Kerosin eine Menge zur Umweltverschmutzung und damit auch zum Insektenschwund beitrage. Vor allem die Bienen seien durch die von den Flugzeugen verursachten Nebelschleier desorientiert. Seine Appelle an französische Universitäten und Aviatikunternehmen, gezielt dagegen vorzugehen, blieben offensichtlich ungehört. In Deutschland scheint sich dagegen etwas zu tun.

Unerforschtes Kerosin
Laut Wikipedia beträgt die weltweit steigende Wachstumsrate des Flugverkehrs 7,1%. Deutschlandweit seien die Emissionen zwischen 1990 und 2014 um 85% angestiegen, von knapp 15 Mio. Tonnen auf etwa 26 bis 27 Mio. Tonnen. «Bei einem ökologischen Vergleich der Verkehrsmittel in Deutschland unter realistischer Auslastung war 2014 der Beitrag von Flugzeugen zum Klimawandel je Personenkilometer deutlich höher als bei anderen Verkehrsmitteln: umgerechnet in CO2-Emissionen gegenüber Reisebussen und der Bahn mehr als fünfmal so hoch. Der Verbrauch an Primärenergie in Litern pro Person betrug mehr als das Doppelte.» Die Kondensstreifen, die den Himmel einnebeln, haben es eindeutig in sich.
Und welche Auswirkungen haben eigentlich die im Kerosin enthaltenen Schadstoffe wie Benzol, Antikorrosionsmittel, Kohlen- und Stickoxide? Im «Spiegel» 5/2018 beruhigt Robert Sausen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Selbst wenn in großen Mengen abgelassen werde, um für die Landung Gewicht zu verlieren, werde das Kerosin «fein zerstäubt und verwirbelt. Der größte Teil davon verdunste rasch und sei unmittelbar in der Atmosphäre nicht schädlich. (…) Was am Ende unten ankomme, lande mit großer Wahrscheinlichkeit dann nicht direkt unterhalb der Flugroute, sondern, je nach Wind, oft sehr weit entfernt. (…) Genaueres können die Experten nicht sagen. Die Zahl der belastbaren Studien zu dem Thema sei sehr dünn.» Sie sollen zudem laut Sausen oft auf Experimenten aus den 1950er Jahren beruhen! Man weiß also nicht, wo und wieviel auf dem Boden landet.
Es geschieht erstaunlich wenig, um diese Wissenslücken zu schließen. Immerhin wird die Kritik lauter. Vor allem Umweltverbände wie der WWF und der deutsche Naturschutzbund fordern die Einführung einer Steuer auf Flugtreibstoff. Abgesehen von den Niederlanden wird in der ganzen EU keine Kerosinbesteuerung eingefordert, und die Schweiz macht in dieser Beziehung aus Konkurrenzgründen keine Ausnahme.
Geht’s um den Schadstoffausstoß von Autos, wird eine härtere Gangart eingeschlagen. Auf den Straßen spielen die Kosten der Benutzer offenbar eine weit weniger wichtige Rolle als in der Luft.

PS: Dass aus Insekten trendige Nahrungsmittel hergestellt werden können, ist bekannt. Neu hingegen ist die Produktion von Kerosin und Diesel aus den Fetten von Insektenlarven. Die Firma Hermetia aus Baruth (D) plant zudem, aus Soldatenfliegen Rohstoffe für die Futtermittel-, Kosmetik-, Pharma- und Energieindustrie zu entwickeln. Vorgestellt haben die Forscher ihre ehrgeizigen Projekte im September an der «Insecta 2017» in Berlin.

 

 

 

WER IST SCHULD AN DER GEFLÜGELPEST?

Der Schnee meint es dieses Jahr wieder einmal nicht gut mit den Wintersportdestinationen. Wir sollten jedoch die Hoffnung nicht aufgeben, denn die Muotathaler Wetterschmöcker haben weiße Weihnachten prophezeit. Und schließlich genießen auch viele den milden Spätherbst bzw. Winteranfang. Das Rindvieh und die Schafe zum Beispiel, die es sich draußen auf der Weide wohlsein lassen. Auch tierfreundliche Geflügelzüchter könnten ihre Hühner, Enten und Gänse tagsüber ins Freie lassen. Es soll jedoch nicht sein: Wegen der Vogelgrippe dürfen sie nur unter gewissen Bedingungen nach draußen, viele haben sogar strikten Stallarrest… Und ein Ende ist nicht abzusehen.

thdf415v87Am falschen Ende aufgezäumt?
Wenn wilde Enten und Schwäne gefunden werden, die am Vogelgrippevirus verendet sind, kommt Alarmstimmung auf. Begreiflich, denn in Deutschland mussten bisher über 150’000 Tiere «gekeult» werden. Als Schuldige für diese Geflügelpest werden offiziell die Zugvögel bezeichnet, die das H5N8-Virus mit dem Kot übertragen.

Nun regt sich in deutschen Naturschutzkreisen Widerstand. Nicht die Wildvögel seien die Ursache der Pandemie, sondern die Geflügelindustrie und ganz allgemein die Massentierhaltung. Der Naturschutzbund (Nabu) wirft den zuständigen Behörden gar Desinformation vor. Verantwortlich dafür seien unter anderem Importe von Agrarprodukten aus China und Thailand, die Geflügelkot enthalten. Dazu gehören Einstreu für die Ställe und, noch appetitlicher, industrielles Fischfutter.verpacken

Der Biologe Josef H. Reichholf (71) ist ein vielseitiger Geist: er machte (und macht) sich als Ornithologe, Evolutionsbiologe, Tiergeograf, Ökologe und Naturschützer einen Namen. Ich habe ihn als brillanten Autor von Das Rätsel der Menschwerdung (1990) und Der schöpferische Impuls (1992) kennengelernt. Ungeachtet seines Renommees eckt er immer wieder an, weil er sich erlaubt, gegen den Strom zu schwimmen und mit seiner Kritik auch den Naturschutz nicht verschont. reichholfIm Spiegel Nr. 51/2016 äußert sich Reichholf zur Vogelgrippe, und zwar ebenfalls im Sinne des Nabu. «Im Spätherbst wird in großem Umfang Gülle und Mist auf die Felder gebracht. Vieles spricht dafür, dass der Erreger schon in Massentierställen verbreitet war und von dort nach draußen gelangte. Krähen beispielsweise, die auf den Feldern nach Futter suchten, könnten den Erreger dann zu nahegelegenen Gewässern getragen haben, wo sich schließlich Wildenten und Schwäne ansteckten. Bis heute wird ja nicht untersucht, welche Krankheitskeime mit Geflügelmist und Gülle in die Umwelt gebracht werden.»

huehner345Falsche Maßnahmen
Die Stallpflicht hält er nicht nur für sinnlos, sondern für gefährlich: «Ausgerechnet die Halter von freilaufenden Hühnern, bei denen fast nie Vogelgrippe auftritt, werden gezwungen, ihre Tiere einzusperren, was sie anfälliger für Infektionen macht.» Ebenso wenig hält er von der Leinenpflicht für Hunde, nimmt jedoch die Jagd ins Visier: «Durch die Jagd wird die Ausbreitung von Seuchen massiv gefördert. Sobald es knallt, fliegen die nicht getroffenen Vögel aufgeschreckt auf und flüchten zum nächsten Gewässer. So werden die Vogelgruppen ständig neu durchmischt, infizierte Tiere stecken nichtinfizierte an.»

epa00130203 A Balinese woman prays during a chickens mass cull at Bolangan village, Tabanan district 30 Kilometers Northwest Bali capital of Denpasar Friday 06 February 2004. Bali district officials on Friday held a traditional Hindu cremation ceremony to cull some 500 dead chickens infected by avian influenza, the virus that has claimed at least 16 lives in other Asian countries. The "ngaben" cremation ceremony, usually reserved for humans, was staged by the district authorities of Tabanan, 20 kilometres west of Bali's capital Denpasar, to demonstrate the island's determination to stop the spread of bird flu among its poultry population. EPA/WEDAWie schlimm die Vogelgrippe in Asien wütet, illustriert eine aktuelle Meldung der NZZ: In Südkorea seien im November fast zehn Millionen Hühner und Enten gekeult worden, und weitere 2,5 Millionen müssen vorsorglich getötet werden.

Beim Anblick der engstens zusammengepferchten, struppig befiederten Hühner, Enten, Gänse und Puten vergeht einem sowieso der Appetit, und man kann nur hoffen, dass Reichholf und alle andern, die für eine tierfreundlichere Agrarwirtschaft kämpfen, es nicht ganz nutzlos tun. Um beim Thema dieses Blogs zu bleiben: Das käme nicht nur den Vögeln, sondern auch den Insekten zugute!

 

 

 

INTEGRATION IM WESPENSTAAT

Blog 22 WEFMilitärflieger donnern von Sitten aus gen Osten, ins Bündnerland. In Davos findet das WEF statt, in Anwesenheit viel schützenswerter Prominenz aus aller Welt. Ein Schwerpunkt ist die Flüchtlingskrise. Auch der Bundesrat ist angereist. Der ganze Bundesrat? Nein, unsere Justizministerin Simonetta Sommaruga zog es vor, in Bern zu bleiben. Ihr Desinteresse hat sie nicht begründet. Irgendwie versteht man sie ja, liest und hört man doch kaum mehr etwas anderes, dafür braucht sie wirklich nicht nach Davos zu fahren…

Geheimnisvolle Thronfolge
Sogar wenn man sich im Wissenschaftsteil des «Spiegels» über den straff organisierten Staat der indischen Papierwespe Ropalidia marginata schlaumachen will, bleibt einem dieses Thema nicht erspart. Das jüngst in Bangalore untersuchte Insekt wird zum «Wunder der Integration, gegen das selbst die deutsche Willkommenskultur verblasst». Das macht neugierig. Der Biologe Raghavendra Gadagkar ist in sein Studienobjekt so vernarrt, dass er sich sogar gern von ihm stechen lässt: «Ich schätze, das ist es, was Liebe mit einem macht.»Blog 22 Gadagkar-2010-CSIR

 Die Journalistin Laura Höflinger hat den graubärtigen Forscher und seine Studenten bei der Arbeit beobachtet. Ihre Experimente und Beobachtungen ergaben, dass der Wespenstaat auf mehreren, sich auf den ersten Blick widersprechenden Prinzipien beruht: strenge Hierarchie und Brutalität einerseits, Kooperation, Kommunikation und Integration andererseits. Die Gemeinschaft ist wie die indische Gesellschaft in Kasten eingeteilt. Zuoberst steht die Königin; es gibt Kämpferinnen, die für Ordnung sorgen, Baumeisterinnen und Nahrungsbeschafferinnen sowie schließlich die faulen Drohnen, die sich nach der Paarung aus dem Staub machen.

Besonders interessant ist die Entdeckung, wie die Nachfolge der Königin funktioniert. Stirbt oder verschwindet die Wespenkönigin, regelt sich die Nachfolge scheinbar wie von selbst: «Wenige Minuten später begann eine bis dahin unauffällige Wespe – aber auch nur eine –, sich aggressiv zu verhalten. Ihr Eierstöcke wuchsen, Tage später legte die neue Königin erste Eier. Keine zweite Anwärterin forderte sie heraus, die Machtübernahme verlief harmonisch – als wüsste jede Wespe im Volk, wer wann an die Reihe kommt.» Zum Machtkampf unter den Königinnen kam es erstaunlicherweise auch nicht, als der Forscher die vorher aus dem Nest entfernte Königin wieder an ihren Platz setzte. Die «Neue» trat umgehend wieder ins zweite Glied zurück und ging erneut ihrer gewohnten Arbeit nach. Die Thronfolge kann jedoch auch weniger friedlich verlaufen, und die Anwärterinnen schrecken gelegentlich nicht vor Rivalinnenmord zurück. Dennoch ist das Rätsel noch nicht gelöst, auf welche Art und Weise die Nachfolgerin bestimmt wird.Blog 22 Rophalia

Kosten-Nutzen-Rechnung
Was den indischen Verhaltensforscher schließlich am brennendsten interessiert, ist der Grund, weshalb so kleine Tiere ein kompliziertes Staatswesen betreiben, sich damit begnügen, ein Leben lang fürs Gemeinwohl zu arbeiten und eine Königin zu füttern, kurz: kooperativ zu sein. Vereinfacht gesagt, fördert die Unterstützung der Verwandtschaft den Fortbestand der Art bzw. der Gene. Diese Organisation hat sich bewährt, sonst wären die Wespen längst verschwunden. Der Nutzen der «selbstlosen» Arbeit ist größer als der Aufwand.

Blog 22 TitelseiteDie Beobachtung, die Raghavendra Gadagkar am meisten verblüffte, stellt jedoch die alleinige Unterstützung der Familienmitglieder in Frage. Laura Höflinger verweist auf die Flüchtlingspolitik der Deutschen, die sich mit jener von Ropalidia marginata nicht messen könne: «Die Papierwespen nehmen junge Tiere aus anderen Staaten in ihre Gemeinschaft auf und vollbringen dabei ein Wunder der Integration: Im Gegenzug für ihre Arbeitskraft stehen den Einwanderern im Wespenstaat alle Türen offen, sei es eine Karriere als Kämpfer oder Sammler – ja sogar der Thron der Königin.» Was man bis jetzt aus Davos erfahren hat, sieht nicht danach aus, als ob sich die Politiker die indischen Papierwespen zum Vorbild nehmen würden. Aber die Wespen, meint der Forscher aus Bangalore, heißen die Fremden auch nur willkommen, wenn sie ihnen nützen. Spannend wäre zudem zu erfahren, wie die Wespen feststellen, dass ihnen die Fremdlinge künftig nützlich sein werden und ob dies denn auch wirklich eintrifft. Da gibt es in Indien und anderswo noch eine Menge zu erforschen.