HURRA, ES GIBT SIE NOCH!

Blick von der Suone auf SittenWestlich von Sion/Sitten liegt der Hügel Mont-d’Orge oder Montorge mit seiner Burgruine auf dem Gipfel und dem kleinen See an seinem Nordfuß. Das ganze Gebiet gehört zu den Objekten, die ins schweizerische Inventar der zu erhaltenden Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung aufgenommen wurden. Es gehört zur Kategorie der naturnahen Kulturlandschaften und hat auch als Naherholungsraum eine wichtige Bedeutung. Dazu schreibt das KLN-Inventar: «Das Weiterführen der differenzierten Nutzung ist daher für diese Landschaften eine wesentliche Voraussetzung für den Schutz überhaupt.» Das heißt, dass nach wie vor Rebbau betrieben wird und man das Recht hat, hier zu spazieren, zu joggen oder zu picknicken.

Weinbau seit Urzeiten
Auf der Südseite fällt der 786 m hohe Hügel teilweise sehr steil zum Rhonetal ab und musste für den Rebbau terrassiert werden. Und weil es hier felsig und extrem trocken ist, wurden zwei Suonen angelegt, deren Wasser aus dem See bezogen wird, der wiederum von der Lentine-Suone gespeist wird. Dass im Wallis bereits zur Bronzezeit gewinzert wurde, konnte anhand von Pollen nachgewiesen werden, die in den Ablagerungen des Montorge-Sees gefunden wurden. Demnach wird in dieser Gegend seit ungefähr 2900 Jahren – mehr oder weniger intensiv – Weinbau betrieben.

Wandert man über den unteren Suonenweg durch die Weinberge, sieht man, dass die Parzellen unterschiedlich bearbeitet werden. Bei den einen ist der Boden begrünt, während bei anderen die Erde regelmäßig umgepflügt wird. Und gespritzt wird selbstverständlich ebenfalls (das ist meines Wissens auch nicht verboten). Und dennoch habe ich hier Anfang September 2015 so viele Insekten wie schon lange nicht mehr gesehen.

Ödlandschrecken zum Beispiel spicken zuhauf nach links und rechts. Sie vertrauen auf ihr grau-braun-beige gemustertes Tarnkleid und fliegen erst im letzten Moment weg. Dabei entfalten sie für einen kurzen Moment ihre roten oder blauen Flügel. Um allfällige Angreifer zu verwirren, schlagen die ortstreuen Ödlandschrecken einen scharfen Haken und landen oft nahe beim Startplatz. Die leuchtendbunten Flügel, vor allem die roten, sind ein zusätzlicher Schutz, da sie Vögel erschrecken. Die zu den Feldheuschrecken gehörenden Tarnkünstler lieben die Wärme und gehören in südlichen Ländern sozusagen zum Inventar. Warum sie sich dieses Jahr in der Ardèche kaum zeigten, ist mir ein Rätsel.

Im ehemaligen Eislagerhaus am Rand des Montorge-Sees, der Maison de la Nature, ist jedes Jahr von Anfang April bis Ende Oktober eine neue Ausstellung zu sehen, die sich auch an Kinder richtet. 2015 ist das Thema die Tarnung in der Tierwelt.

Lieber in der Steppe als in der Wiese
Ein Feigenkaktus direkt an der SuoneUnsere Freunde aus der Innerschweiz staunen nicht schlecht, wenn sie die vielen kräftigen Feigenkakteen am Montorge sehen. So mediterran haben sie sich das Wallis nun doch nicht vorgestellt! Für die Bienen ist jedoch der weniger exotische Efeu wesentlich interessanter. An Felsen, Trockenmauern und Winzerhäuschen bildet er hier oft gewaltige Büsche und blüht im Spätsommer und Herbst, wenn andere Blütenpflanzen selten werden. Dann wird der Efeu wird zur beliebten Bienenweide. Gibt es überhaupt Efeuhonig zu kaufen? Die Pflanze ist giftig, der Honig sei jedoch essbar, wenn auch «nicht besonders lecker», wie ein Imker in einem Internetforum schreibt. Dieser Honig sei zudem steinhart und darum kaum zu schleudern. Wie auch immer, den Wild- und domestizierten Bienen schmeckt’s.

Ein kleiner Fuchs auf EfeuEine ebenso schöne Überraschung waren die zahlreichen Schmetterlinge, die die späten Blütenpflanzen umschwärmten. Tagpfauenaugen, Kleine Füchse, Zitronenfalter, diverse Bläulinge… Nördlich des Montorge-Hügels standen an den See angrenzend noch vor etwas mehr als zehn Jahren Reben. Sie wurden ausgerissen, und auf der Parzelle entwickelte sich allmählich eine schöne Blumenwiese. Jetzt, drei Monate nach der ersten Mahd, ist sie weniger bunt als vor dem Schnitt, aber es blüht. Verglichen mit den Steppen auf der Südseite läuft hier insektenmäßig jedoch nicht viel – wenn man Glück hat, entdeckt man ab und zu einen Falter. Dafür hat der Hund eine fette, braune Weinschwärmer-Raupe aufgestöbert – sie werden bis zu 80 mm lang –, die selbstverständlich sogleich in Sicherheit gebracht wurde.

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