VOM WINDE VERWEHT

Die erste Biene, die erste Feuerwanze, die erste Ameise gesichtet! Hier und dort blühen Leberblümchen, und der Bärlauch beginnt zu sprießen – Frühlingserwachen. Dennoch: Es ist nach wie vor Winter, mit viel Schnee in den Bergen und Temperaturen weit unter Null. Wer Ski fahren will, muss nicht nach Pyeongchang fliegen, der Pistenplausch finde+t in den Schweizer Bergen auf echtem Schnee statt.

Zu teuer? Zu billig?
Auch den englischen Reisejournalisten John Eifion Jones zog’s in die Alpen. Und er hat in der «NZZ» erklärt, wieso er trotz Sonne, Pulverschnee und gutem Essen nicht nur begeistert war. «Wann sind Auslandferien zu teuer? Bei mir war es der Moment, als ich feststellen musste, dass mich die Bahnfahrt vom Flughafen zum Ferienort mehr kostet als der Flug von England in die Schweiz.» Das Swiss Transfer Ticket für Gäste aus dem Ausland kostet pro Person in der 2. Klasse 154 Franken (Kinder bis 16 Jahre gratis). Damit kann man mit der Eisenbahn von der Grenze oder vom Flughafen Genf oder Zürich bis zum Ferienort und wieder zurück fahren. Gewiss, das scheint nicht ausgesprochen günstig, wenn man mit dem Billigflieger bereits für 100 Franken von London nach Zürich und zurück reist. Und es gibt sogar Schnäppchen-Flüge für wesentlich weniger Geld! Insofern ist der Frust des Journalisten verständlich. Auch für Einheimische ist die Schweizer Bahn übrigens kein preisgünstiges Beförderungsmittel – außer für Politiker und Bundesbeamte, die jedes Jahr ein Erstklass-Generalabonnement im Wert von 6300 Franken geschenkt erhalten.

Grundsätzlich mag man es ja allen gönnen, nicht nur den Superreichen, sondern auch den britischen Pauschaltouristen, dass sie den Urlaub an ihrem Wunschziel verbringen können. Die Frage ist jedoch, ob die Billig(st)flüge – und überhaupt der gesamte rasant zunehmende Flugverkehr – ökologisch noch verantwortbar sind. In Blog 45 vom September 2016 berichtete ich vom Savoyarden Jacques Fabry, der die Auswirkungen des Luftverkehrs seit Jahren beobachtet und überzeugt ist, dass Kerosin eine Menge zur Umweltverschmutzung und damit auch zum Insektenschwund beitrage. Vor allem die Bienen seien durch die von den Flugzeugen verursachten Nebelschleier desorientiert. Seine Appelle an französische Universitäten und Aviatikunternehmen, gezielt dagegen vorzugehen, blieben offensichtlich ungehört. In Deutschland scheint sich dagegen etwas zu tun.

Unerforschtes Kerosin
Laut Wikipedia beträgt die weltweit steigende Wachstumsrate des Flugverkehrs 7,1%. Deutschlandweit seien die Emissionen zwischen 1990 und 2014 um 85% angestiegen, von knapp 15 Mio. Tonnen auf etwa 26 bis 27 Mio. Tonnen. «Bei einem ökologischen Vergleich der Verkehrsmittel in Deutschland unter realistischer Auslastung war 2014 der Beitrag von Flugzeugen zum Klimawandel je Personenkilometer deutlich höher als bei anderen Verkehrsmitteln: umgerechnet in CO2-Emissionen gegenüber Reisebussen und der Bahn mehr als fünfmal so hoch. Der Verbrauch an Primärenergie in Litern pro Person betrug mehr als das Doppelte.» Die Kondensstreifen, die den Himmel einnebeln, haben es eindeutig in sich.
Und welche Auswirkungen haben eigentlich die im Kerosin enthaltenen Schadstoffe wie Benzol, Antikorrosionsmittel, Kohlen- und Stickoxide? Im «Spiegel» 5/2018 beruhigt Robert Sausen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Selbst wenn in großen Mengen abgelassen werde, um für die Landung Gewicht zu verlieren, werde das Kerosin «fein zerstäubt und verwirbelt. Der größte Teil davon verdunste rasch und sei unmittelbar in der Atmosphäre nicht schädlich. (…) Was am Ende unten ankomme, lande mit großer Wahrscheinlichkeit dann nicht direkt unterhalb der Flugroute, sondern, je nach Wind, oft sehr weit entfernt. (…) Genaueres können die Experten nicht sagen. Die Zahl der belastbaren Studien zu dem Thema sei sehr dünn.» Sie sollen zudem laut Sausen oft auf Experimenten aus den 1950er Jahren beruhen! Man weiß also nicht, wo und wieviel auf dem Boden landet.
Es geschieht erstaunlich wenig, um diese Wissenslücken zu schließen. Immerhin wird die Kritik lauter. Vor allem Umweltverbände wie der WWF und der deutsche Naturschutzbund fordern die Einführung einer Steuer auf Flugtreibstoff. Abgesehen von den Niederlanden wird in der ganzen EU keine Kerosinbesteuerung eingefordert, und die Schweiz macht in dieser Beziehung aus Konkurrenzgründen keine Ausnahme.
Geht’s um den Schadstoffausstoß von Autos, wird eine härtere Gangart eingeschlagen. Auf den Straßen spielen die Kosten der Benutzer offenbar eine weit weniger wichtige Rolle als in der Luft.

PS: Dass aus Insekten trendige Nahrungsmittel hergestellt werden können, ist bekannt. Neu hingegen ist die Produktion von Kerosin und Diesel aus den Fetten von Insektenlarven. Die Firma Hermetia aus Baruth (D) plant zudem, aus Soldatenfliegen Rohstoffe für die Futtermittel-, Kosmetik-, Pharma- und Energieindustrie zu entwickeln. Vorgestellt haben die Forscher ihre ehrgeizigen Projekte im September an der «Insecta 2017» in Berlin.

 

 

 

NACHTFALTER, GLYPHOSAT UND WIRBELSCHLEPPEN

Das neue Jahr beginnt stürmisch. Burglind beziehungsweise Eleanor, je nachdem, fegt übers Land und macht allen, die von Schneewanderungen, Skitouren und Waldspaziergängen träumen, einen dicken Strich durch die Rechnung.

Nachtfalter im Rampenlicht
Dafür bleibt genügend Zeit, um ins Museum zu gehen. Zum Beispiel in den ehemaligen Pénitencier in Sion/Sitten, wo in der kleinen, aber feinen Ausstellung «Noctuelles en lumière» die Nachtfalter im Mittelpunkt stehen. In der Schweiz sind rund 600 Arten bekannt, 500 davon sind im Wallis heimisch. Dank Hans-Peter Wymann, dem wissenschaftlichen Illustrator und Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums Bern, können sie nun auch tagsüber anhand von 1800 Darstellungen besichtigt werden, und zwar direkt neben dem historischen Gefängnis in der früheren Kanzlei. Sie sind auch in einem voluminösen, vom hiesigen Naturmuseum gesponserten Buch veröffentlicht worden.
50 echte, aufgespießte Exemplare ergänzen die minutiös gemalten Schmetterlinge. Hat man Glück, führt einen die perfekt zweisprachige Biologin und Kuratorin Sonja Gerber durch die Ausstellung und macht die Besucher unter anderem auf Kuriositäten aufmerksam wie die Raupe, die sich täuschend ähnlich als Vogelkot tarnt… Bleibt nur zu hoffen, dass es sich nicht bloß um ein Memorial handelt, sondern die schönen Nachtschwärmer dereinst auch vermehrt wieder draußen, in der Natur, zu bewundern sein werden.
Geöffnet Dienstag bis Sonntag, 11–17 Uhr, bis zum 15. April 2018. http://www.musees-valais.ch

Mehr Glyphosat will der Bund!
Man hört und liest es fast täglich: Unsere Bauern sollen ökologischer handeln, weniger Pestizide spritzen und weniger Subventionen kassieren. Den Gewässern, den Konsumenten, den Insekten und der ganzen Umwelt zuliebe. Der Bundesrat hat zu diesem Zweck einen Aktionsplan mit 50 Maßnahmen erarbeitet, den der Schweizer Bauernverband unterstützt. Daraufhin verkündete Bundesrätin Doris Leuthard strahlend, das Bundesamt für Umwelt (Bafu) wolle den Grenzwert für den tolerierten Glyphosatgehalt in Schweizer Gewässern von 0,1 Mikrogramm pro Liter Wasser um den Faktor 3600 erhöhen. Man reibt sich Augen und Ohren, doch wir haben es richtig verstanden: Sage und schreibe 3600 Mal mehr von dem umstrittenen Gift darf künftig in Bächen, Flüssen, Teichen und Seen schwimmen. Ist das nicht ein tolles Weihnachtsgeschenk?

Die NZZ berichtete am 19. Dezember 2017 über den grotesken Bescheid aus Bern: «Die Befürworter der Trinkwasser-Initiative reagieren empört. Sie werfen dem Bafu vor, das Pestizidproblem auf dem Papier lösen zu wollen. Daniel Hartmann sagt, er sei ‚fast vom Stuhl gekippt‘, als er das gesehen habe. Hartmann hat während 25 Jahren im Bafu gearbeitet. ‚Was mein ehemaliges Bundesamt jetzt macht, ist peinlich‘, sagt er. Das sei, als würde man das Raserproblem mit einer neuen Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h lösen.» Doch der Nachfolger von Daniel Hartmann beim Bafu, Christian Leu, sieht das völlig anders. Es sei nicht die Aufgabe des Gewässerschutzes, zu beurteilen, ob Glyphosat für den Menschen tatsächlich krebserregend sei. «Wir sind dafür da, die Pflanzen und Tiere im Wasser zu schützen. Und für sie ist das Glyphosat, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Pflanzenschutzmitteln, erst ab einer deutlich höheren Konzentration als 0,1 Mikrogramm pro Liter ein Problem.»

Folglich scheint es dem Bafu logisch, den erlaubten Wert um den Faktor 3600 zu erhöhen. Worauf sich diese erstaunliche Zahl stützt, verraten weder die zuständigen Beamten noch Bundesrätin Leuthard.
Dass sich Glyphosat und Neonicotinoide häufig im Honig nachweisen lassen und zweifellos zum Bienensterben beitragen, scheint unserem Bundesamt für Umwelt entweder nicht bekannt oder vollkommen egal zu sein.

Insektenkiller Windmühlen?
Modirama Kopelke von der Firma Soltuuli, der Erfinder der neuartigen Zédolille-Windkraftanlage, hat mir kurz vor Weihnachten folgenden Mail geschickt: «Hinter den Propeller-Windmühlen bilden sich bis 20 bis 30 km lange Wirbelschleppen. Wirbelschleppen sind Kardan-Wirbelstraßen. Dort ist die Strömung chaotisch mit vielen Druckwechseln. Durch diese Wirbelschleppen können neben Ultraleichtfliegern auch keine Insekten fliegen. Ich sehe darin den wahren Grund für das momentane Insektensterben.» Auf seiner Homepage ist dieses Thema sowie vieles andere zum Windturbinen-Problem ausführlicher behandelt. Siehe: http://www.soltuuli.com

Ich habe dieses Mail zudem an Elias Meier vom Verband Freie Landschaft Schweiz weitergeleitet. Seine Antwort: «Vielen Dank für Ihre wertvolle Info. Mir war dies physikalisch stets bewusst, aber ich habe nicht daran gedacht, dass sich da ja sämtliche leichten fliegenden Lebewesen gestört fühlen können. Ich frage mich aber, ob dieser Korridor wirklich länger als ein paar hundert Meter werden kann.» Genau das habe ich mich auch gefragt. Gibt es Beweise dafür? Zahlreiche hochinteressante Infos darüber finden sich zum Beispiel unter «Der Tornado der Energiewende: Wirbelschleppen» http.//ruhrkultour.de. Etwa diese: «Das Renditemodell der Windparkbetreiber verpufft in der Wirbelschleppe. Hausbesitzer, die in der Nähe von Windkraftanlagen wohnen, müssen mit Beschädigungen an der Bausubstanz ihrer Häuser rechnen, bekommen die Schäden aber möglicherweise nicht von den Windparkbetreibern erstattet. Die Besitzer von Obstplantagen, die auf die Bestäubung der Obstpflanzen durch Bienen oder Insekten angewiesen sind, müssen ihr Unternehmen möglicherweise aufgeben.»

AUGENWEIDEN UND BIENENFREUNDLICHE BAUERN

Das Schweizer Stimmvolk hat das Energiegesetz angenommen, und es bleibt nur noch die Hoffnung, dass trotzdem Wege und Mittel gefunden werden, um in Sachen Windturbinen das Schlimmste zu verhüten. Elias Meier vom Verband Freie Landschaft Schweiz verspricht, am Ball zu bleiben (elias.meier@freie-landschaft.ch).

Pfingsten ist wie üblich launisch, was Gelegenheit zum Schmökern in Zeitungen, Magazinen und alten Büchern bietet. Es muss ja nicht immer nur Trump, Putin und Macron sein.

Hohe Zeit der Blumenwiesen
Die unter Naturschutz stehende Klappertopfwiese vor der Haustür blüht dank Einsprengseln von Klatschmohn, Wiesensalbei, Esparsetten und Margeriten farbenfroh. Auch in der Höhe geht es auf den Weiden momentan bunt zu und her. Besonders eindrucksvoll war der gestrige Kurzausflug zwischen zwei Regengüssen zum Tzeusier-Stausee über Ayent VS, wo die Alpen- und Schwefelanemonen mit dem kleinen Frühlingsenzian und dem kräftigeren Stengellosen Enzian dichte Bestände bilden. Eine echte Augenweide!

Stefan Eggenberger, Leiter des nationalen Daten- und Informationszentrums für Wildpflanzen Info Flora, bedauert, dass solche Wiesen in der Schweiz immer seltener und sogar in den Alpen schleichend durch sattgelbe, jedoch eintönige Löwenzahnflächen ersetzt werden. Biodiversität sieht anders aus! «Erst so realisiert man, dass etwas nicht in Ordnung ist mit unserem Naturkapital. Oder denken Sie an die 1960er Jahre zurück: Nach einer Autofahrt klebten überall Insekten an der Windschutzscheibe. Heute sind wir schneller und mehr unterwegs, aber die Autos sind fast sauber. Wo sind nur all die Insekten geblieben?»

Und was ist seiner Ansicht nach die Ursache für den erschreckenden Rückgang der Artenvielfalt ? «Eines der größten Probleme ist unsachgemäßer Stickstoffeinsatz in der Landwirtschaft. Das Ammoniak, das aus der Gülle in die Luft entweicht, gelangt flächendeckend auch in sensible Lebensräume. Diese Düngung führt dazu, dass die natürlichen Standortunterschiede verschwimmen.» Die Folge sei die Banalisierung der Landschaft durch die Ausbreitung nährstoffliebender Pflanzen wie Löwenzahn.

Insekten gibt es auch dieses Jahr auf unserer Bilderbuch-Magerwiese am Montorge-See oberhalb von Sion wiederum sehr wenige. Jede Hummel, jeder Schmetterling, ja sogar jede Biene oder Fliege ist ein Ereignis. Es ist zudem das erste Mal, dass auf der Terrasse keine Mauereidechsen zu sehen sind. Wovon sollten diese Insektenjäger denn auch leben? (Quelle: «NZZ» vom 2.6.2017; www.infoflora.ch).

Dass neben dem Dünger auch die Pestizide reduziert werden müssen, wissen auch unsere Landwirte und Winzer. In den letzten zwei, drei Wochen sind die Helikopter bereits morgens um sechs Uhr losgedonnert, um die Reben zu spritzen. In einem «Blick»-Video kommentiert ein Weinbauer aus Fully das Prozedere und meint, man gebe sich im allgemeinen Mühe, weniger und umweltfreundlichere Pflanzenschutzmittel einzusetzen. Störend finde er hingegen, dass nicht die Winzer die Spritzpläne erstellen, sondern die Produzenten bzw. Händler der Pestizide. Das ist allerdings erstaunlich…

Bienenfreundlicher Aargau
Im Kanton Aargau will man das alarmierende Bienensterben mit einem sogenannten Ressourcenprojekt in Zusammenarbeit mit den Landwirten und Winzern gezielt bekämpfen. Durch zahlreiche Maßnahmen, die den Bauern einiges abfordern, wofür sie jedoch durch finanzielle Beiträge relativ großzügig entschädigt werden, sollen Honig- und Wildbienen geschützt und gefördert werden.

Laut «NZZ» haben sich in den ersten fünf Monaten 250 im Kanton Aargau ansässige Bauern zum Mitmachen entschlossen. Sie verpflichten sich, die strikten Mäh- und Spritzvorschriften einzuhalten, legen Kleinstrukturen an (Holz-, Sand-, Erd- und Steinhaufen), lassen Brachen mit Wildblütenpflanzen stehen, schaffen Tümpel, besuchen Weiterbildungskurse usw. Die ausführliche Beschreibung des ehrgeizigen Projekts «Bienenfreundliche Landwirtschaft im Kanton Aargau» findet man unter www.agrofutura.ch.

Meiner treuen «Followerin», Imkerin und Kommunikationsfachfrau in Österreich geht es übrigens nicht besser als unseren Schweizer Bienenhaltern. In ihrem neusten Blog klagt sie: «Meine traurige Bilanz: 75% Verlust im Winter 2016/17. Die Hälfte meiner Völker war bereits im Herbst sehr schwach, und die zusätzliche Varroa-Behandlung hat ihnen leider den Rest gegeben. Hinzu kommt, dass sie auf Grund der Rückkehr des Winters im Februar viel Hunger leiden mussten.» Beides habe dazu geführt, dass sie Anfang März drei tote Völker vorgefunden habe. Mehr dazu gibt’s unter www.honigsuess.com zu erfahren.

JANUARLOCH

 

Für einmal ist es trüb, sogar Regen ist angesagt. Und das im Wallis, wo der Himmel prinzipiell immer blau ist und es, wenn schon, schneien müsste, um die Touristen ins Tal und auf die Höhen zu locken. Wenn wir schon beim Wetter sind: Für die Deutschschweizer Wetterprognose existiert das Wallis schlicht nicht. 4025 Dieser Meinung war bereits vor über dreißig Jahren die Journalistin Lieselotte Kauertz (1924−2006). Die witzige Wahl-Walliserin mit deutschen Wurzeln war nicht nur für den «Walliser Boten» und andere Zeitungen, sondern auch als Reiseleiterin und Sekretärin für Alice Herdan-Zuckmayer tätig. Ich lernte sie 1983 über die Arbeit an einem Schweiz-Reiseführer kennen, für den sie den Kanton Wallis betreute und in dem sie schrieb: «Vor dem Staunenden liegt das Walliser Rhonetal im gleißenden Sonnenlicht, das es gern für Reisende aus dem Norden bereithält, die das schlechte Wetter gepachtet haben.» Und sie fand es skandalös, dass man am Radio stets hören musste, das Mittelland liege unter einer Nebeldecke und in der Südschweiz (sprich: Tessin) regne es. Kein Wort vom blauen Himmel über dem Rhonetal! Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

vogel-fuettern-winter_lbv_ingo_rittscher-810x394Keine Vögel am Futterbrett! Wirklich?
Für Insektenforscher und -freunde ist der Winter eine ruhige Zeit. Um so mehr beschäftigen einen die Vögel, die während der kalten Monate den ganzen Tag über hungrig sind. Dass dies anscheinend nicht überall der Fall ist, erfährt man aus den Medien. Mit fetten Lettern verkünden sie: Die Vogelhäuschen werden dieses Jahr von den Vögeln gemieden! Zahlreiche Futterstellen bleiben unbesucht, sogar die leckersten Meisenknödel hängen unberührt in Bäumen und Terrassen. Die «NZZ» klagt: «In vielen Futterhäuschen ist derzeit nur wenig Betrieb; Meisen, Amseln und Rotkehlchen sind vielerorts nur selten zu sehen. Wer den Tieren etwas Gutes tun wollte, ist enttäuscht.»rotspecht

Die Schweizer Vogelwarte sieht die Gründe dafür unter anderem im warmen Herbst, der für gute Futterverhältnisse in der Natur gesorgt habe. Schließlich seien die Tiere nicht unbedingt auf das Futter der Menschen angewiesen. Und wenn das Angebot an Futterstellen groß sei, würden sich die Hungrigen auf viele Orte verteilen.images

Während ich diese Nachrichten lese, zwitschert eine große Vogelschar schier ohrenbetäubend vor dem Bürofenster. Das Vogelhäuschen und der mit Fettkugeln und Erdnusswürsten bestückte Feigenbaum werden von Spatzen, Meisen und Rotkehlchen heftig umschwärmt. Amseln hüpfen auf dem Rasen herum und sind mittlerweilen fast zahm geworden… Obwohl auch im Wallis der Herbst ungewöhnlich lang und warm war, haben die gefiederten Freunde ihren gesunden Appetit offenbar nicht verloren und würden sich über die Erklärungen der Ornithologen in Sempach wundern.

Soldatenfliegen auf dem Vormarsch
Im Blog «Insektenessen» habe ich Ende Dezember auf die Absurdität hingewiesen, dass in der Schweiz und anderen Ländern Insekten für den menschlichen Verzehr erlaubt, für Nutztiere jedoch verboten sind. Jetzt steigt die Bühler Group Uzwil – rund 10 800 Mitarbeitende in 140 Ländern mit einem Umsatz von 2,4 Millarden Franken – in die industrielle Insektenproduktion ein.300px-hermetia_illucens_black_soldier_fly_edit1 Bühler Insect Technology Solutions will Neuland erobern: «Mit einem Partner in China arbeiten wir am Aufbau einer Pilotanlage für die industrielle Verarbeitung von Fliegenlarven und Mehlwürmern. Das Ziel ist die Gewinnung eines Insektenmehls als Ersatz für Fischmehl sowie eines hochwertigen Fettes, das dem Palmkernöl ähnlich ist. (…) Der Fokus liegt zunächst auf den Larven der Schwarzen Soldatenfliege. Wegen ihrer beeindruckenden Fähigkeit, organische Abfälle in hochwertiges Eiweiß umzuwandeln, wird diese Spezies auch die ‹Königin der Abfallverwertung› genannt. black-soldier-fly-larvae-hermetia-illucensZu einem späteren Zeitpunkt werden dann auch Lösungen für andere Arten wie etwa Mehlwürmer entwickelt. Insektenproteine haben großes Potential für die Aquakultur sowie als Lebens- und Futtermittel: Bis 2050 könnte der Anteil der Insekten an der weltweiten Eiweißproduktion bereits 15% betragen.» Mehr Infos unter www.buhlergroup.com

Übrigens: Die ökologisch vielversprechende Schwarze Soldatenfliege (Hermetia illucens) gehört zur Familie der Waffenfliegen, die ihre kriegerischen Namen der Ähnlichkeit mit alten Uniformen verdanken. Sie stammen vermutlich aus Südamerika und wurden nach Europa eingeschleppt. Ein weiterer «böser Neozoon», der sich zum Nützling mausert.

WER IST SCHULD AN DER GEFLÜGELPEST?

Der Schnee meint es dieses Jahr wieder einmal nicht gut mit den Wintersportdestinationen. Wir sollten jedoch die Hoffnung nicht aufgeben, denn die Muotathaler Wetterschmöcker haben weiße Weihnachten prophezeit. Und schließlich genießen auch viele den milden Spätherbst bzw. Winteranfang. Das Rindvieh und die Schafe zum Beispiel, die es sich draußen auf der Weide wohlsein lassen. Auch tierfreundliche Geflügelzüchter könnten ihre Hühner, Enten und Gänse tagsüber ins Freie lassen. Es soll jedoch nicht sein: Wegen der Vogelgrippe dürfen sie nur unter gewissen Bedingungen nach draußen, viele haben sogar strikten Stallarrest… Und ein Ende ist nicht abzusehen.

thdf415v87Am falschen Ende aufgezäumt?
Wenn wilde Enten und Schwäne gefunden werden, die am Vogelgrippevirus verendet sind, kommt Alarmstimmung auf. Begreiflich, denn in Deutschland mussten bisher über 150’000 Tiere «gekeult» werden. Als Schuldige für diese Geflügelpest werden offiziell die Zugvögel bezeichnet, die das H5N8-Virus mit dem Kot übertragen.

Nun regt sich in deutschen Naturschutzkreisen Widerstand. Nicht die Wildvögel seien die Ursache der Pandemie, sondern die Geflügelindustrie und ganz allgemein die Massentierhaltung. Der Naturschutzbund (Nabu) wirft den zuständigen Behörden gar Desinformation vor. Verantwortlich dafür seien unter anderem Importe von Agrarprodukten aus China und Thailand, die Geflügelkot enthalten. Dazu gehören Einstreu für die Ställe und, noch appetitlicher, industrielles Fischfutter.verpacken

Der Biologe Josef H. Reichholf (71) ist ein vielseitiger Geist: er machte (und macht) sich als Ornithologe, Evolutionsbiologe, Tiergeograf, Ökologe und Naturschützer einen Namen. Ich habe ihn als brillanten Autor von Das Rätsel der Menschwerdung (1990) und Der schöpferische Impuls (1992) kennengelernt. Ungeachtet seines Renommees eckt er immer wieder an, weil er sich erlaubt, gegen den Strom zu schwimmen und mit seiner Kritik auch den Naturschutz nicht verschont. reichholfIm Spiegel Nr. 51/2016 äußert sich Reichholf zur Vogelgrippe, und zwar ebenfalls im Sinne des Nabu. «Im Spätherbst wird in großem Umfang Gülle und Mist auf die Felder gebracht. Vieles spricht dafür, dass der Erreger schon in Massentierställen verbreitet war und von dort nach draußen gelangte. Krähen beispielsweise, die auf den Feldern nach Futter suchten, könnten den Erreger dann zu nahegelegenen Gewässern getragen haben, wo sich schließlich Wildenten und Schwäne ansteckten. Bis heute wird ja nicht untersucht, welche Krankheitskeime mit Geflügelmist und Gülle in die Umwelt gebracht werden.»

huehner345Falsche Maßnahmen
Die Stallpflicht hält er nicht nur für sinnlos, sondern für gefährlich: «Ausgerechnet die Halter von freilaufenden Hühnern, bei denen fast nie Vogelgrippe auftritt, werden gezwungen, ihre Tiere einzusperren, was sie anfälliger für Infektionen macht.» Ebenso wenig hält er von der Leinenpflicht für Hunde, nimmt jedoch die Jagd ins Visier: «Durch die Jagd wird die Ausbreitung von Seuchen massiv gefördert. Sobald es knallt, fliegen die nicht getroffenen Vögel aufgeschreckt auf und flüchten zum nächsten Gewässer. So werden die Vogelgruppen ständig neu durchmischt, infizierte Tiere stecken nichtinfizierte an.»

epa00130203 A Balinese woman prays during a chickens mass cull at Bolangan village, Tabanan district 30 Kilometers Northwest Bali capital of Denpasar Friday 06 February 2004. Bali district officials on Friday held a traditional Hindu cremation ceremony to cull some 500 dead chickens infected by avian influenza, the virus that has claimed at least 16 lives in other Asian countries. The "ngaben" cremation ceremony, usually reserved for humans, was staged by the district authorities of Tabanan, 20 kilometres west of Bali's capital Denpasar, to demonstrate the island's determination to stop the spread of bird flu among its poultry population. EPA/WEDAWie schlimm die Vogelgrippe in Asien wütet, illustriert eine aktuelle Meldung der NZZ: In Südkorea seien im November fast zehn Millionen Hühner und Enten gekeult worden, und weitere 2,5 Millionen müssen vorsorglich getötet werden.

Beim Anblick der engstens zusammengepferchten, struppig befiederten Hühner, Enten, Gänse und Puten vergeht einem sowieso der Appetit, und man kann nur hoffen, dass Reichholf und alle andern, die für eine tierfreundlichere Agrarwirtschaft kämpfen, es nicht ganz nutzlos tun. Um beim Thema dieses Blogs zu bleiben: Das käme nicht nur den Vögeln, sondern auch den Insekten zugute!