FISCHER FORDERN: MEHR PHOSPHAT, WENIGER PESTIZIDE

z4AelDass in der Schweiz weniger Felchen und Egli gefangen werden, war in allen Zeitungen zu lesen. Für Gourmets ist das eine schlechte Nachricht, für Berufsfischer gar eine Katastrophe. Der Schweizerische Berufsfischerverband zeichnet in seinem Pressecommuniqué vom 22. April 2016 ein dramatisches Bild: «Wer heute an den Ufern des Vierwaldstättersees, Bodensees oder Brienzersees entlangspaziert, ahnt nichts davon, dass unter der glitzernden Wasseroberfläche hungergeplagte Fische schwimmen. Seit Ende der 1970er Jahre wird den ehemals mit Phosphaten überdüngten Seen ein striktes Reinhalteprogramm aufgezwungen. Der lebenswichtige Nährstoff Phosphor, der natürlicherweise in jedem Gewässer vorhanden ist, fehlt heute in vielen Schweizer Seen beinahe gänzlich. Das hat gravierende Folgen für die Fischbestände.»

Zu saubere Seen?2170676_1_article660x420_B993600579Z.1_20141125160659_000_G0G3CUFVS.2_0
Eigentlich sollte man sich darüber freuen, dass es dank den Kläranlagen wieder saubere Gewässer gibt. Die Fangquoten der hiesigen Fischer rauschen jedoch bachab. Für den Verband der Berufsfischer ist es eindeutig: «Sinkt der Phosphatgehalt eines Sees unter 10 mg/m3 Seewasser, dann brechen die Fangerträge sehr rasch ein. Weder der Gewässerschutz noch die Trinkwasserversorgung oder die Badegäste benötigen einen tieferen Phosphatgehalt als diese 10 mg/m3.» Der fatale Nährstoffmangel könne behoben werden, wenn wieder mehr Phosphat toleriert werde. Und der Verband doppelt nach: «Welch skurriles Szenario wäre das, wenn im Wasserschloss Schweiz keine Fische aus einheimischem Wildfang mehr auf den Teller kämen.»

th3QKOBM2DEs gibt jedoch Zweifler, die die Schuld am Rückgang der Felchenbestände nicht dem mangelnden Phosphat zuschreiben. Als Ursachen kämen ihrer Meinung nach auch die steigende Temperatur der Gewässer aus klimatischen Gründen, Belastung durch Freizeitaktivitäten und der zu hohe Pestizidgehalt durch die Landwirtschaft in Frage. Der Bodenseefischer Peter Klingenstein findet es nicht sinnvoll, die Seen aus wirtschaftlichen Gründen zu düngen: «Nachhaltigkeit steht für mich immer zuoberst. Entsprechend suche ich nicht die Menge, sondern die Konstanz in der Fischerei. Heute wachsen die Felchen zwar langsamer, aber die Qualität des Fleisches ist wesentlich besser als früher.» (Wandermagazin SCHWEIZ 10/11/2013).

Pestizide im Fokus
thSMOOCQFBJetzt reißt den Fischern erneut der Geduldsfaden, sie fordern Taten statt Worte. Der Schweizerische Fischerei-Verband SFV informierte die Medien über die unhaltbaren Zustände in unseren Gewässern: «Als einem der letzten Länder Europas fehlt der Schweiz ein Aktionsplan gegen Pestizide. Umso schlimmer, weil unser Land einen der höchsten Pestizidanteile haben soll. Mehr noch: Die vorwiegend von der Landwirtschaft eingesetzten Insekten- und Pflanzenschutzmittel muten den Flüssen und Seen einen eigentlichen Pestizid-Cocktail zu. Und trotzdem sind immer noch 2000 Tonnen Pestizide im Handel, darunter auch das umstrittene Glyphosat.»

SFV-Zentralpräsident Roberto Zanetti, Hobbyangler und SP-Ständerat, fordert konkrete Maßnahmen: «Es ist jetzt höchste Zeit für den längst in Aussicht gestellten Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel NAP. Im Interesse von Fauna und Flora im und am Wasser erwarten wir Fischer, dass er endlich kommt.» Der Pestizideinsatz soll kurzfristig um 50 Prozent und langfristig um 80 Prozent reduziert werden.

wasser07Das ist ein ehrgeiziges Ziel, und man wird sehen, wie die Landwirtschaft darauf reagiert. Unterstützung erhält der Fischerei-Verband vom WWF, der in diesem Zusammenhang auch auf die vergifteten Bienen und die Kosten hinweist: «Eine kürzlich erschienene Studie des Forschungs- und Beratungsbüro INFRAS zeigt die wirtschaftlichen Auswirkungen von Pestiziden. Jährlich entstehen der Schweiz Umwelt- und Gesundheitskosten in Millionenhöhe durch den Pestizideinsatz. Mit dem Aktionsplan muss der Bund für Kostenwahrheit sorgen und die Entwicklung von Alternativen zu chemischen Pestiziden unterstützen, um die Belastung für Bevölkerung und Umwelt einzudämmen.»Eintagsfliege

Insekten auf der Speisekarte
Wäre es nicht auch möglich, dass die Fische Hunger leiden, weil sie zu wenig Insekten finden? Ganz abwegig ist das nicht, wenn man bedenkt, welchen Stellenwert Insekten in ihrem Nahrungsspektrum haben. Viele Jungfische halten sich in den seichten Uferbereichen auf und sind auf Mückenlarven angewiesen. Sie müssen in großen Mengen vor dem Maul zur Verfügung stehen, da die Jagd auf Beutetiere zuviel Energie verbraucht. Bei größeren Fischen spielen dann Eintagsfliegen-, Steinfliegen- und Köcherfliegenlarven eine wichtige Rolle.

thNPLNTFPUVon den Ausflügen an die Bergbäche mit meinem Vater weiß ich: Forellen angelt man mit kunstvoll gebundenen Fliegen, die man gekonnt und mit viel Fingerspitzengefühl über die Wasseroberfläche tanzen lässt. Neben den Forellen schnappen auch Äschen, Saiblinge, Plötzen, Alande, Ziegen, Ukelei oder Döbel nach Insekten und schnellen sogar in die Luft, um sie zu fangen. Sogar Libellen und Eintagsfliegen sind vor Fischmäulern nicht sicher. (Quelle: Österreichisches Kuratorium für Fischerei und Gewässerschutz ÖKF).

Dass die in Deutschland, der Schweiz und anderswo durchgeführten «biologischen» Aktionen zur Bekämpfung der Stechmücke Aedes vexans das Nahrungsangebot der Fische zusätzlich reduzieren, liegt auf der Hand (siehe auch meinen Blog vom 2. Juni 2016). Sie gehören bestimmt nicht zu den angenehmsten Vertretern des Tierreichs, für den Fischbestand sind sie jedoch eindeutig ein Segen.

 

AUCH DIE FLATTERER MACHEN SICH RAR

Dieser Sommer war im Tal des Eyrieux in der Ardèche brütend heiß, aber beängstigend «leer». Keine einzige Gottesanbeterin habe ich gesehen (auch kein Gelege), keine Wespenspinne, keine Smaragdeidechse, weder eine Viper, noch eine Ringel-, Schling- oder Wassernatter, keine Erdkröte, keinen Salamander, keinen Biber, keine Nutria und keine einzige Fledermaus. Sehr selten zeigten sich Tag- und Nachtfalter, Wespen, Bienen, Hummeln, Hornissen, kleine und große Heuschrecken, Mücken, Fliegen, Käfer, Mauereidechsen, Libellen. Sogar Radnetze von Kreuzspinnen waren eine Seltenheit, dasselbe gilt für die Großen Zitterspinnen, und von den im Haus sonst recht häufigen Wolfsspinnen bekam ich nur eine zu Gesicht.

Fledermausgerecht

Wenn Fledermausexperten den idealen Lebensraum ihrer Schützlinge beschreiben, entspricht das ziemlich genau unserem Tal: eine von Hecken, kleinen Äckern, Obstbäumen, kleinbäuerlicher Viehzucht und viel urtümlichem Wald mit alten, hohlen Bäumen geprägte Landschaft. Es gibt auch viele alte Steinhäuser, und längst nicht alle wurden so stark renoviert, dass die Flatterer keinen Unterschlupf mehr fänden. Eigentlich wäre alles perfekt.

Der in Privas wohnhafte, über die Grenzen hinaus bekannte Säugetierkenner Charles Faugier ist im Juni 2015 im Alter von 82 Jahren verstorben. Um Fledermäuse beobachten zu können, wurde er Speläologe und kannte die Felsgrotten und Minen der Ardèche wie seine eigene Westentasche. 1953 begann er mit der Bestandsaufnahme der höhlenbewohnenden Arten und fuhr damit über mehrere Jahrzehnte hin fort. Seine Bilanz zu Beginn der 1990er Jahre: Sie waren in der letzten Zeit entweder ganz verschwunden oder stark dezimiert worden. Die Hauptschuld gibt er dem zunehmenden Tourismus (unter anderem den Speläologen!), der die Fledermäuse aus ihren Unterschlüpfen vertreibt, sowie der Renovation von alten Burgen, Fabriken, Mühlen usw. Zahlreiche Tiere seien zudem verendet, weil Laien sie unsachgemäß beringt hätten.

Über seine Beobachtungen in jüngerer Zeit fand ich in der Literatur nichts und hatte eigentlich vor, ihn für diesen Blog zu befragen – ich kam jedoch zu spät.

Gestresst auch ennet der Grenze

Zurück in Sitten VS. Die Nacht der Fledermäuse 2015 findet am 28. August im Naturmuseum am Montorge statt. Werden zu diesem Anlass auch freilebende Tiere zu sehen sein? Die anwesende Biologin ist sich nicht sicher, meint jedoch, man werde dank des Ultraschalldetektors bestimmt die Ortungslaute zu hören bekommen. Zwergfledermäuse sowie andere Arten würden hier noch ziemlich viele in den Bäumen leben. Ich kann daran nicht teilnehmen und mich davon überzeugen, stehe stattdessen jedoch mehrmals in der fast taghellen Vollmondnacht auf, um draußen nach den Handflüglern zu spähen – erfolglos.

Eine Mitarbeiterin des NABU Schleswig-Holstein füttert ein Braunes Langoh (c Bernhard Tuchel)Welche Erfahrungen machen unsere Nachbarn? Anlässlich der Europäischen Nacht der Fledermäuse 2013 klagt der Landesbund für Vogelschutz in München: «Trotz der großen Sympathie, die Fledermäuse mittlerweile genießen, sind immer noch alle 25 bayrischen Fledermausarten gefährdet. Denn durch den Einsatz von Pestiziden herrscht mancherorts akuter Insektenmangel.» Der NABU Schleswig-Holstein (im Bild füttert eine Mitarbeiterin ein Braunes Langohr – Foto: B. Tuchel) gibt dem Klimastress die Schuld für den Nahrungsmangel, da «wochenlange Extremwetterlagen für die kleinen Insektenjäger Futtermangel bedeuten». Und der Fledermausschutz Deutschland NRW klagt: «Die Zeiten, in denen ein Sonnenuntergang untrennbar mit dem allabendlichen Auftauchen von Fledermäusen verknüpft war, die sich überall auf ihre nächtliche Insektenjagd begaben, sind leider vorbei. Der Rückgang dieser Tierordnung ist gravierend; Fledermauspopulationen sind überall geschrumpft.» Unter anderem wird dort der massive DDT-Einsatz in den 1960er Jahren als Ursache für den Rückgang angegeben.

Erstaunlich positiv scheint hingegen die Stiftung Fledermausschutz Schweiz die Situation einzuschätzen. Sie verkündet auf ihrer Website: «Energiereich, gesund und in großen Mengen verfügbar: Fledermäuse ernähren sich fast ausschließlich von Insekten.» An einer anderen Stelle, in der es um die Behandlung von Findlingen in der Notstation des Stiftungssitzes geht, tönt es allerdings ähnlich trist wie in Deutschland: «99 Prozent der Pflegefälle sind Standardfälle. Es handelt sich hauptsächlich um geschwächte, abgemagerte Tiere.»

Ende August ist es in Sitten immer noch so warm, dass man bis spät abends draußen sitzen und lesen kann. Keine Mücken plagen uns, kein Nachtfalter umschwärmt die Lampe, nur ein dicker Brummer von Rosenkäfer taumelt durch die Nacht.