SIE EROBERN DIE STÄDTE

Auch in der Ardèche ist dieser Sommer ausgesprochen heiß und lähmend. Es regnet kaum, Teiche und Bäche trocknen aus, und die Flüsse sind stellenweise zu Rinnsalen geschrumpft. Die Feuerwehr ist in erhöhter Alarmbereitschaft, da jeder weggeschmissene Zigarettenstummel einen Waldbrand auslösen kann. Mitte August sehen die Wälder bereits sehr herbstlich aus: Zahlreiche Laubbäume sind verdorrt, und die von den Buchsbaumzünslern heimgesuchten Büsche vermitteln ein tristes Bild. Die großen Ferien neigen sich dem Ende zu, und man versucht, sich von der Bruthitze nicht unterkriegen zu lassen. Zum Beispiel, indem man auf eine der vielen Restaurantterrassen flüchtet.

«Ich liebe Bienen, aber…»
In Privas, dem Hauptort des Departements Ardèche, ist man allerdings auch dort nicht mehr sicher. Seit Anfang August werden die Terrassen im Stadtzentrum täglich ab elf Uhr bis zum Einbruch der Dämmerung von Bienenschwärmen heimgesucht. Sobald etwas Zuckerhaltiges auf den Tisch kommt, sei dies ein Süßgetränk, eine Glace oder ein Kaffee, stürzen sie sich darauf. Die Wirte versuchen, die ungebetenen Gäste mit den verschiedensten Mitteln wie Gewürznelken, ätherischen Ölen oder Sirup auf den Tischen und unter den Bäumen abzulenken. Mehr oder weniger vergeblich. Gäste und Mitarbeiter werden gestochen, und wer allergisch ist, hat Pech gehabt. Genauso wie die Kinder, die auf Bienengift ebenfalls empfindlich reagieren…

Die betroffenen Restaurateure sind verzweifelt. Einer meint sogar: «Man muss eine Petition unterzeichnen. Ich liebe Bienen und bin mir bewusst, dass man sie nicht töten sollte. Aber jetzt reicht es, wir halten es nicht mehr aus!» Ein anderer ist mit den Nerven am Ende: «Ich öffne die Bar, und schon zehn Minuten später sind sie über alles hergefallen. Würde es sich um einen Bienenschwarm mit einer jungen Königin handeln, wäre es nicht so schlimm, den könnte ein Imker einfangen. Doch hier sind es einfach ausgehungerte Arbeitsbienen, und das ist ein echtes Problem.»

Dieser Meinung ist auch der Imker Denis Barbier. Er erklärt das Phänomen der «Stadtbienen» mit dem Wassermangel, der Bruthitze und vor allem dem Mangel an Blumen. Normalerweise entferne sich eine Biene nie weiter als drei Kilometer von ihrem Stock. Weiter fliege sie nur, wenn sie ausgehungert sei. «Die Besitzer ernähren sie offensichtlich jetzt im Sommer nicht, so dass sie auf der Suche nach Nahrung sind. Es ist aber auch möglich, dass es sich um Bienen von Völkern handelt, die auf den Hausdächern oder Balkonen gehalten werden.» Und was kann man nun dagegen tun? Denis Barbier insistiert: «Vor allem soll man sie nicht töten, sondern es mit Sirup gefüllten Schalen versuchen, die man genügend weit von den Tischen entfernt plaziert.» Denn ohne diese Bestäuber gebe es auch keine Früchte und Gemüse mehr. Das wäre eine Katastrophe. Dann müssten wie in China Hunderte von «Menschen-Bienen» mit Pinseln Blüte um Blüte bestäuben. Zu den Nützlingen unter den Bestäubern gehören übrigens nicht nur die Bienen, sondern auch die Hummeln sowie die ungeliebten Wespen und Hornissen, deren Nester deshalb nur im Notfall vernichtet werden sollten.

Zikaden-Sound in der City
Jetzt kommt eine positive Nachricht: Auch die Singzikaden erobern die Städte. Und dies nicht nur in der Provence, die als deren legendäre Heimat gilt. Sie kommen in mehreren Unterarten in ganz Frankreich und selbstverständlich auch in den übrigen südlichen Ländern Europas sowie in den wärmeren Gegenden der Schweiz, Deutschlands und Österreichs vor. Wieso zieht es Zikaden vom Land in die urbanen Lebensräume? Joseph Jacquin-Porretaz, Biologe und Direktor des Insektenzentrums Naturoptère in Sérignan-du-Comtat (von dieser Institution war bereits in einem früheren Blog in Zusammenhang mit Jean-Henri Fabre die Rede), erklärt sich dieses Phänomen folgendermaßen: Erstens würden weniger Pestizide verwendet, und zweitens gebe es in den Städten mehr und mehr Grünzonen.

Extreme Sommerhitze kann sich allerdings auch auf die Zikadenpopulationen des Südens negativ auswirken. Die Larven leben ein bis mehrere Jahre lang im Boden (den Weltrekord hält die im Nordosten der USA lebende Art Magicicada septendecim mit sagenhaften 17 Jahren). Dem Vollinsekt bleiben dann nur noch drei bis vier Wochen, um sich fortzupflanzen. Laut dem Experten Jacquin-Porretaz wird es in den nächsten Jahren viel weniger Zikaden geben, da sie sich wegen der Trockenheit nicht entwickeln konnten. Ganz abgesehen von den Waldbränden, bei denen die Humusschicht samt den darin lebenden Larven verbrannt wird. (Quelle: «Le Dauphiné libéré» vom 9. und 15. August 2017).

Und wo bleibt die Nachtigall?
Der «Gesang» der Zikaden, eigentlich ist es ein Trommeln, wird also seltener. Genauso wie der wunderschöne Gesang der Nachtigall, die im Vallée de l’Eyrieux noch bis vor wenigen Jahren entlang dem Fluss zu hören war. Ihr Verschwinden wird auch vom deutschen Naturschutzbund beklagt. Der NABU führt den Rückgang auf den Verlust von Brutmöglichkeiten zurück. Da die «Königin der Nacht» vorwiegend von Insekten, Larven und Spinnen lebt, könnte meiner Meinung nach nicht zuletzt auch Nahrungsmangel eine Ursache dafür sein.

 

 

 

AUF DEN HONIG-ROUTEN

 

41 ZiegeDas Dorf mit dem sperrigen Namen Saint-Michel-de-Chabrillanoux liegt in schöner Aussichtslage über dem Eyrieux-Tal in der Ardèche. Es ist bekannt für sein Open-Air-Festival Mitte Juli, das dieses Jahr zum 41. Mal stattfindet, seine mächtige, 1848 gepflanzte Friedens-Ulme und seine zahlreichen alternativ-grünen Bewohner, die hier die Nestwärme von Gleichgesinnten suchen. Und dann gibt es noch eine katholische Kirche und einen protestantischen Temple, die betont weit voneinander entfernt an den Dorfrändern stehen. Anlässlich des Fests fand bei den Katholiken eine Ausstellung mit Fotos der schönsten Dörfer der Ardèche und bei den Protestanten eine zum Thema Bienen statt. Diese Ausstellung war enttäuschend, das neuste Buch des Fotografen hingegen war eine Entdeckung!

41 Platz St-MichelHausfotograf der Bienen
Eric Tourneret, Jahrgang 1965, reist seit über zehn Jahren durch die ganze Welt, um Bienen, Honigsammler und Imker zu fotografieren und zu filmen. Er zählt zu den Prominenten seines Metiers, ist unter anderem für Paris Match, Figaro und Geo tätig, wohnt, wenn er nicht unterwegs ist, mit seiner Familie mitten im Departementshauptort Privas und widmet sich seinen neun Bienenstöcken, die auf einer Wiese am Stadtrand stehen. Im September 2015 ist sein neustes Buch zu diesem Thema mit dem Titel «Les Routes du Miel» erschienen. Es ist ein in jeder Beziehung schwergewichtiges Werk: 352 Seiten mit durchgehend farbigen Fotografien und Texten von ihm und seiner Frau, Sylla de Saint Pierre, sowie von namhaften Experten. Der Preis von 45 Euro ist für dieses 3 Kilogramm schwere, großformatige und großartige Buch bestimmt nicht zu hoch. Es ist unvorstellbar, dass es nicht nächstens in einer deutschen Übersetzung (die ich sehr gerne übernehmen würde!) erscheinen wird.

41 CoverDas Faszinierende an diesem Bildband ist, dass er sich nicht ausschließlich mit den Honigbienen beschäftigt, sondern auch oder sogar vorwiegend mit den Menschen, die sich dem Honig verschrieben haben. Die Reise führt in 23 Länder sowie die Großstädte Paris, New York, London und Berlin. Sie beginnt in China, wo Frauen die Rolle der Bestäuberinnen auf den Obstbaumplantagen übernehmen. Weiter geht’s in die USA, nach Arizona, wo fahrende Imker die Mandelbaumwälder besuchen und wegen der Pestizide bei ihren Bienenvölkern große Verluste in Kauf nehmen müssen. Bei den Pygmäen des Kongos tauchen wir in die so ganz andere Welt der Honigsammler im Urwald ein. Man erfährt nicht nur, wie sie es schaffen, in schwindelerregender Höhe den begehrten Nektar zu gewinnen, sondern nimmt auch an ihrem Familienleben teil. In Indien klettern Angehörige der Kaste der Unberührbaren an Felswänden hoch, wo die asiatische Riesenbiene Apis dorsata Kolonien bildet und sich vehement gegen Räuber wehrt.

Eric Tourneret
Eric Tourneret

Für solche Aufnahmen griff der Fotograf nicht zum Teleobjektiv, sondern schwang sich selbst in die Höhe und wurde ebenfalls heftig attackiert… Seine Frau erinnert sich, dass ihr Eric in Nepal bei strömendem Regen auf 80 Metern über dem Boden in einer Hängeleiter baumelte, umschwärmt von Hunderten von Bienen, und seine Höhenangst vergaß, weil er nur eines im Sinn hatte: dieses atemberaubenden Erlebnis in guten Aufnahmen zu dokumentieren.

Intelligenter als der Mensch
Atemberaubend sind auch die außergewöhnlichen Aufnahmen von Bienen aus ungewohnten Perspektiven. Dank dem unerschrockenen Franzosen erhält man Einblicke, die selbst Bienenkenner überraschen. Ganz abgesehen von den zahlreichen Arten, die den meisten unbekannt sein dürften und die manchmal auf den ersten Blick nicht unbedingt als Bienen erkennbar sind. Ein Beispiel ist die knallgrüne Euglossa hemichlora, eine Art aus Panama, deren Sozialleben an ein Shakespeare-Drama erinnert. Oder die längs schwarz-gelb gestreifte, stachellose Paratrigona ornaticeps, die in Panama in Baumstrünken lebt. Zudem gibt es auch Ameisen, die Honig produzieren (Bild links). 41 Ameisen Dramatische Bilder lieferte der Kampf der Honigbienen gegen die Asiatische Riesenhornisse, einen wahren Goliath, während der Angriff der Varroa-Milbe auf eine Bienenlarve dank dem Makro aus nächster Nähe beobachtet werden kann. Und vieles, sehr vieles mehr…

Eric Tourneret will auch weiterhin die Geheimnisse der Bienen ergründen und seine Mitmenschen mit faszinierenden Fotografien und Berichten überzeugen, dass sich der Einsatz für diese vielfältige Insektengruppe lohnt. Geplant ist ein Film mit noch nie dagewesenen Makro- und Mikroaufnahmen. Und wenn der Sommer zu Ende ist, reist er nach Argentinien und Chile, um seine Begegnungen mit Bienen und Bienenmenschen zu vertiefen. Sie sind sein Credo, sein Lebensinhalt. Seiner Meinung nach verfügen diese magischen Wesen über eine höhere Intelligenz als der Mensch: «Die Bienen produzieren keine Abfälle. Noch besser: Sie konstruieren ihre Materialien selbst und sind außerdem schon viel länger auf der Erde als wir.» Seit mindestens 75 Millionen Jahren, nach der Datierung der ältesten bekannten fossilen Biene zu schließen, die in Bernstein eingebettet im US-Staat New Jersey gefunden worden war: Cretotrigona prisca sammelte übrigens bereits Honig für ihren Nachwuchs.

Eric Tourneret – Sylla de Saint Pierre, Les Routes du Miel, Editions Hozhoni 2015