WALLISER SCHWARZNASEN UND DIE DEUTSCHE EICHE  

 

Mit der sommerlichen Wärme haben schließlich doch noch einige Frösche und Erdkröten den Weg zum Montorge-See gefunden. Besser spät als nie! Es sind jedoch vermutlich noch weniger als vergangenes Jahr, und Insekten sind ebenfalls noch herzlich wenige zu entdecken. Da kommt die Nachricht wie gerufen, dass bei uns im Wallis in Sachen Umwelt etwas Mutiges geschieht.

Schafe statt Glyphosat
Der Nationalrat verkündete letzten Herbst, dass Glyphosat für Mensch und Umwelt gefahrlos sei und man es folglich mehr oder weniger bedenkenlos versprühen könne (mehr dazu im Blog vom 5. Januar 2018). Man müsse pro Tag 71 Kilogramm Teigwaren essen, bis sich schädliche Nebenwirkungen bemerkbar machten. Man wundert sich immer wieder, wie solche sogenannt wissenschaftlichen Daten zustande kommen.

desherbeuse-4Der Kanton Wallis lässt sich jedoch wieder einmal von Bern nicht beeindrucken und beschließt, eigene Wege zu gehen. Man will versuchen, auf öffentlichem Grund ohne oder jedenfalls fast ohne das Herbizid Glyphosat auszukommen. Reduziert wird hier bereits seit einigen Jahren: Wurden 2012 von staatlicher Seite noch 6000 Liter gespritzt, waren es im vergangenen Jahr noch 600 Liter für 600 Kilometer Straßenborde. Eine Alternativlösung ist heißes Wasser, das mit Hochdruck herausschießt. Eine andere Option sind Schafe, vor allem schwarznasige natürlich, die die Boden abgrasen sollen. So soll nicht nur die Biodiversität gefördert, sondern auch der Geldsäckel des Kantons geschont werden.

Im Burgstädtchen Saillon, das als eines der schönsten der Schweiz gilt, wird seit 2014 kein Herbizid mehr verwendet. Hier experimentieren die Pioniere mit Essig und heißem Wasser, um dem Unkraut zu Leibe zu rücken. Weil sich die Gemeinde dem sanften Tourismus verschrieben hat, wird der Rasen wo immer möglich durch Blumenwiesen ersetzt. Das wird nicht nur die Touristen, sondern auch die Insekten freuen.

SchwarznasenSchwarznasenschafe kann man auch vermehrt in den Rebbergen entdecken. Für die Winzer, die der Natur in ihren Parzellen mehr Raum gewähren wollen, ist die Haltung von Schafen eine neue Erfahrung. Da Bioweine an Beliebtheit gewinnen, haben die Vierbeiner auch einen gewissen Werbeeffekt. Sie mähen die Grünflächen zwischen den Rebzeilen und gelangen auch an Stellen, die schwer zugänglich sind. Doch sie haben auch die Sprossen, Blätter und Trauben der Rebstöcke zum Fressen gern, was ein gutes Management voraussetzt. Hängen die Trauben außerhalb ihrer Reichweite, können sie vom Frühling bis in den Spätherbst draußen bleiben. (Quelle: Le Nouvelliste)

Eichenwälder im SollingAttacken auf die deutsche Eiche
Letzten Sommer hat der Buchsbaumzünsler durch Kahlfraß in der Schweiz und in Frankreich Schlagzeilen gemacht, jetzt sorgt der Schwammspinner in Deutschland für Aufregung. Der unscheinbare Falter mag’s warm und trocken und kann sich explosionsartig vermehren. Dieses Jahr scheint er vor allem Eichenwälder in Bayern im Visier zu haben, weshalb die Forstverwaltung beschloss, mit Helikoptern insgesamt 1300 Hektar Eichenwald mit dem Insektizid Mimic zu besprühen. Mimic, das sonst im Obst- und Weinbau zum Einsatz kommt, hat allerdings den Nachteil, auch auf andere Schmetterlingsraupen sowie Fische und andere Wasserlebewesen tödlich zu wirken. Für Naturschützer und Insektenforscher ist das Grund genug, auf die Spritzaktion zu verzichten. Zudem wurden die längerfristigen Auswirkungen von Mimic auf den Wald noch nie untersucht.wsl_schwammspinner_raupe

Im Spiegel Nr. 17 beschreibt Manfred Dworschak das Für und Wider der verschiedenen Parteien recht ausführlich. Die Gegner der Spritzaktion argumentieren, dass die Population nach ieder Massenvermehrung von selbst wieder zusammenbricht und die Eichen den Kahlfraß überleben, indem sie wieder neu austreiben. Dem halten die Forstbehörden entgegen, das Risiko sei zu groß, denn wenn gar nicht gespritzt werde, «seien letzten Endes die gesamten befallenen Eichenbestände bedroht – und damit auch der Lebensraum vieler seltener Arten.»  schwammspi falIn Erinnerung ist die Schwammspinnerplage von 1993, als die haarigen Raupen sich besonders gefräßig und zudringlich benahmen. Damals wurden allein in Bayern 230 Quadratkilometer Wald mit einem Gift eingenebelt, das nicht mehr produziert wird. Fazit: «In der Tat geht es bei der Bekämpfung nur nach der gefühlten Gefahr. Gesicherte Fakten gibt es kaum. Niemand kann sagen, inwieweit der Wald Schaden nähme, wenn weniger gespritzt würde – oder auch gar nicht.»

wsl_erhebung_waldameisen_schweiz_nest_klPS: In der Schweiz wurden die Wälder meines Wissens bislang vom Schwammspinner noch nicht heimgesucht. Dafür ist nun die Luxusgastronomie hinter den Insekten her. Das Restaurant Silver in Vals serviert als Starter eines zwölfgängigen Menüs Waldameisen. Die – gesetzlich geschützten – Ameisen werden von Frühjahr bis Spätsommer ihrer «interessanten Säure» wegen gesammelt und in Öl eingelegt. Laut der Weltwoche will Koch Sven Wassmer damit Aufmerksamkeit erzeugen: «Aber die Ameisen machen geschmacklich Sinn: Sie sind Teil des hiesigen Ökosystems.» Abgesehen vom Geschmack, über den man streiten kann, wäre es wünschenswert, wenn Wassmer – 18-GaultMillau-Punkte und Aufsteiger des Jahres – den Waldameisen eine Chance ließe, auch weiterhin zu diesem Ökosystem zu gehören.

 

MEHR NATUR IM WALLISER REBBERG

a2666d_b7d17331caea4cc8b2d35043a4ab5501Noch vor wenigen Jahrzehnten war das Walliser Rhonetal ein einziger Obst- und Gemüsegarten. Inzwischen wurden etliche Hektaren Landwirtschaftsland verbaut. Dennoch werden noch immer Aprikosen, Birnen, Äpfel, Erdbeeren, Spargeln und andere Gemüsesorten im großen Stil angebaut. Nicht zu vergessen die Reben, die in der Rhoneebene und vor allem an den steilen, gegen Süden ausgerichteten Hängen stocken, wie etwa am Mont d’Orge bei Sion, wo die Smaragdeidechse an schroffen Felswänden zwischen Feigenkakteen einen relatif geschützten Lebensraum findet.

Divico: eine intelligente Lösung
5400 Hektaren Land sind im Kanton Wallis mit Reben bepflanzt. Daraus werden pro Jahr rund 500 000 Hektoliter Wein produziert, das sind 40% der Schweizer Produktion. Und es gibt 22 000 Reblandbesitzer, die direkt oder indirekt zur reichen Palette von Walliser Weiß- und Rotweinen beitragen. Neben den bestbekannten drei Rebsorten Fendant (in der restlichen Schweiz als Chasselas oder Gutedel bekannt) sowie Pinot noir (Blauburgunder) und Gamay (für den Dôle) kultivierte man in den letzten Jahrzehnten wieder vermehrt alte einheimische Reben wie Cornalin, Petite Arvine, Humagne rouge und blanche, Heida, Gwäß, Himbertscha u.a.m., aber auch internationale Sorten wie die Syrah und Neukreationen wie Diolinoir, Garanoir und Gamaret für sortenreine Spezialitäten oder Assemblageweine. Die Vielfalt der im Wallis vinifizierten Rebsorten ist einzigartig, und es kommen immer wieder neue hinzu. Divico heißt das jüngste Kind von Agroscope Changins, das anlässlich der Caves ouvertes, der Tage der offenen Weinkeller, am 5., 6. und 7. Mai 2016 vorgestellt wurde.csm_traube-blau-agroscope-800_b4c9f4c620

Die Neuzüchtung scheint ein ökologischer Tausendsassa zu sein: Divico ist gegen Echten und Falschen Mehltau sowie Graufäule resistent und soll außerdem auch noch sehr gesund sein! Die Kreuzung von Gamaret und der deutschen Sorte Bronner (mit wilden Vorfahren aus Amerika und Asien) produziert Substanzen, die für den Mehltau toxisch sind, jedoch Antioxidantien enthalten, die in den Wein und somit früher oder später in den menschlichen Körper gelangen. Agroscope verspricht den Winzern zudem einen potentiellen Publikumsliebling: «Bei hohem Reifegrad verfügt Divico über die nötigen Eigenschaften, um außerordentlich farbreiche Weine mit qualitativ hochstehenden Tanninen zu ergeben. Überdies verfügt diese Züchtung über einen interessanten Geschmackscharakter, der ihr eine verheißungsvolle Zukunft als Sortenwein oder in Assemblagen eröffnet.»

asset-version-5770806283-data_art_2209586Mit unseren Deutschschweizer Freunden, die für Walliser Weine schwärmen, konnten wir den im Herbst 2015 eingekellerten und im Barrique ausgebauten Divico bei der Cave Le Bosset in Leytron degustieren; in den Verkauf gelangt er frühestens im Herbst 2016. Die Tannine waren für mein Empfinden noch sehr präsent, man kann sich jedoch vorstellen, dass dieser charaktervolle Wein eine gute Zukunft hat, wenn er seine kratzbürstige Jugend hinter sich hat. Der Verantwortliche des Weinguts, Christian Blaser, war an der Entwicklung dieser ökologischen Supersorte in Changins beteiligt. Da sie im Vergleich zu anderen Rebsorten sehr wenig gespritzt werden muss, eignet sie sich seiner Meinung nach vor allem für Parzellen, die an Gewässer oder Siedlungen grenzen. Gewässerschutz wird im Weinbau immer wichtiger! Und dass der Divico den Winzern weniger Arbeit macht und dadurch die Produktionskosten niedrig hält, spricht ebenfalls für ihn. In der ganzen Schweiz werden heute 2,2 Hektaren Divico angebaut, ein Viertel davon (5600 m2) im Wallis. Für den Helden der Helvetier gibt’s noch viel Land zu erobern…

11080599_828001230605747_5554740137410431079_oWinzer auf Ökokurs
Mag sein, dass es im Wallis bis vor einigen Jahren noch relativ wenige Biobauern gab. Doch es macht den Anschein, als ob sich auch in dieser Beziehung etwas ändert. Die berühmte Marie-Thérèse Chappaz, die seit rund 35 Jahren in Fully biodynamischen Weinbau betreibt, gehört zu den Pionieren auf diesem Gebiet. Seit 1995 hat sich auch die Kellerei Dubuis & Rudaz in Sion der Biodynamik verschrieben und bearbeitet heute 17 Hektaren nach der Rudolf-Steiner-Methode. Ein anderes Beispiel sind die «Pfyfoltru»-Weine aus der Gegend von Varen. Das Label mit dem Schmetterling weist auf umweltschonenden Anbau mehrerer Winzer in Zusammenarbeit mit dem Naturpark Pfynwald hin, weil es in diesem Gebiet besonders viele und auch einige seltene Falter geben soll. Diese Weinbauern und einige andere mehr bilden den Humus, auf dem eine junge Generation nachwächst, die beides will: Guten Wein produzieren und die Gesundheit des Terroirs erhalten. Oder wiederherstellen. Ein Beispiel ist die 28jährige Önologin Sandrine Caloz, die den Betrieb ihrer Eltern in Miège sanft, aber bestimmt in die ökologische Richtung steuert. Nun weiden Schafe zwischen den Reben, auf deren Terroir einheimische Flora sprießt.