VON UREINWOHNERN UND GEFÄHRLICHEN TURBULENZEN

Das diesjährige WEF in Davos stand unter dem Zeichen des Showmans Donald Trump, der die übrige Polit- und Wirtschaftsprominenz in den Schatten stellte: America first war auch diesmal sein Thema! Bei 175 cm Neuschnee wäre es denn auch ein sinnloses Unterfangen gewesen, den amerikanischen Präsidenten von der Klimaerwärmung zu überzeugen. Besser, man hofiert, hofft auf den Werbeeffekt für die Schweizer Wintersportorte und ist froh, wenn die illustren Besucher das Treffen heil überleben und wieder abziehen. Switzerland first!

Kunst und Küche von Ureinwohnern
Da der Schnee, wie im letzten Blog erwähnt, nicht nur im Engadin, sondern auch im Wallis in rekordverdächtigen Mengen fiel, ging’s am Wochenende wiederum ins Museum, diesmal ins Dörfchen Lens unterhalb von Crans-Montana. Dort steht seit 2013 der imposante Bau der Fondation Pierre Arnaud, in dessen Glasfassade sich das Alpenpanorama in voller Pracht spiegelt. Vom ersten Ausstellungsraum an ist man in einer ganz anderen Welt: in Australien. Die Kunst der Aborigines mit ihren bunten Farben dreht sich hauptsächlich um ihren uralten Schöpfungsmythos, die Traumzeit. Sie gilt jedoch auch als politisches Manifest gegen den Kolonialismus der Weißen, die ihr von Traumpfaden durchzogenes Land und ihre Kultur überrollt haben.

Neben der traditionellen symbolträchtigen Bildsprache der Aborigines sind im Arnaud-Museum ein paar Objekte der jüngeren Künstlergeneration zu sehen. Diese konzentriert sich nicht auf die Vergangenheit, sondern sorgt sich um die Gegenwart und Zukunft. «GhostNet Art» nennt sich die Bewegung, die Klimawandel und Umweltverschmutzung künstlerisch umsetzt, indem sie an Stränden und im Meer die Reste synthetischer Fischernetze einsammelt und zu Tierfiguren verknüpft, deren reale Vertreter unter diesem Müll leiden. Über einem Wal hängen in Lens neben einer Art Krabbe auch Gebilde, die nichts anderes als Insekten sein können.

Auch in Mexiko blüht die Kultur der Ureinwohner wieder auf, und zwar hauptsächlich in kulinarischer Form. Der neuste «Stern» berichtet von der Rückkehr der indigenen Küche, in der Insekten eine wichtige Rolle spielen. In Restaurants und Straßenküchen werden unter anderem Skorpione (in Schokolade am Stiel), Ameisenlarven, fliegende Ameisen, Heuschrecken, Tausendfüßer und Taranteln angeboten. Laut dem deutschen Wochenmagazin gibt es in Mexiko mehr als 300 essbare Insektenarten: «Inzwischen haben sich Insektenjäger im ganzen Land auf diesen kulinarischen Trend spezialisiert. Eine einzige Tarantel kostet umgerechnet nicht weniger als 25 Euro, Ameisen mit großen Flügeln sogar 400 Euro, aber wenigstens pro Kilo.
Für die Welternährungsorganisation sind Insekten nicht nur gesund und sehr eiweißhaltig, ihr Verzehr ist auch besser für den Planeten.» Ob sich die nostalgische Gier nach den einst von den Spaniern verbotenen Speisen ebenso positiv auf den Insektenbestand auswirkt, steht auf einem andern Blatt.

Wirbel sind Gift
Zuerst die gute Nachricht von Elias Meier, Präsident «Freie Landschaft Schweiz»: Der Windpark Mollendruz im Waadtländer Jura wird nicht gebaut. Das Projekt konnte dank dem Regionalverband Paysage Libre Vaud und dem lokalen Verein SOS Jura Vaud Sud gestoppt werden. Mehr unter elias.meier@freie-landschaft-ch

Was die Auswirkungen von Windkraftanlagen auf Insekten betrifft, gebe ich an Rama Kopelke weiter, der in Physik wesentlich sattelfester ist als ich:

«Ich habe meine alten Physik-Kenntnisse mal wieder aufgefrischt und mich mit Strömungslehre beschäftigt. Da gibt es den Unterschied zwischen laminarer und turbulenter Strömung. Und die Gesetze sind in beiden Strömungen verschieden. Man kann das kurz so erklären: Je kleiner ein Lebewesen ist, umso zäher wird die Luft. Das heißt, kleine Insekten fliegen eigentlich nicht, sondern sie schwimmen eher. Das ist auch der Grund, warum Feinstaub so lange in der Luft verbleibt. Im Sommer tanzen die Mücken stundenlang, ein Adler hätte dazu keine Kraft. Und in einer turbulenten Strömung fällt eine Kugel schneller als in einer laminaren. Deshalb ist ein kleiner Käfer „schwerer“ in einer turbulenten Strömung. Und die Luftreibung wird höher. Schwimmt der Käfer in laminarer Strömung wie in Wasser, dann ist für ihn eine von laminar in turbulent kippende Strömung wie Honig oder Fango. Das ist physikalisch an Kugeln schon bewiesen. Und daraus folgt: Wirbel sind Gift für fliegende Lebewesen und umso schlimmer, je kleiner das Tier ist.» Siehe auch unter: http://www.soltuuli.com/sonstiges/Insektensterben.html

Für die Klimapolitik Angela Merkels hat Rama Kopelke daher nicht viel übrig. In zwölf Jahren sollen die erneuerbaren Energien 65% der Stromversorgung decken? «Dann müssten sich bis 2030 ca. 60’000 Propeller in Deutschland drehen. Das haut dann noch die letzte Wildbiene um.» Hoffen wir, dass es nicht ganz so schlimm endet!

 

KATASTROPHALES JAHR FÜR INSEKTEN UND BIOBAUERN

pflaumenbaum-hoch-300-flEin Bekannter schenkte uns einen großen Korb Zwetschgen aus dem eigenen Garten. Er habe den Baum nur einmal gespritzt, vor der Blüte, um die Bienen zu schonen. Das ist mir natürlich sympathisch, und ich machte mich sogleich an die Arbeit. Die Freude hielt jedoch nicht lange an, denn die weichen, reifen Früchte waren verwurmt, die übrigen hart mit einem braunen Belag im Innern und einem seltsamen Geruch. Als meine 83jährige Nachbarin Lory die Bescherung sah, rümpfte sie die Nase und meinte: «Zwetschgenfäule! Zu wenig gespritzt.» Na ja, sie ist eben noch von der alten Schule, dachte ich.140922-nabu-wespe-frisst-an-zwetschge-helge-may

Nun stellte ich die Zwetschgen in den Garten, damit wenigstens die Wespen etwas davon hätten. In der herrschenden Sommerhitze wurden sie rasch weich und begannen zu saften. Für das Wespenvolk ein gefundenes Fressen! Doch die blieben aus… Ich sah jedenfalls keine, obwohl sie sich jetzt im Herbst gierig auf reifes Obst stürzen sollten.

Insektenschwund allenthalben
Sogar der «Blick» verkündete vor ein paar Tagen im Internet in fetter Schlagzeile, dieses Jahr gebe es kaum Wespen und Mücken. Als Ursache wurden unter anderem der verregnete, kühle Frühling, der heiße, trockene Sommer und die Pestizide genannt.

schmetterling3Dem «Spiegel» Nr. 37 ist der Rückgang der Falter zwei Seiten wert. «Nie zuvor flatterten weniger Schmetterlinge über Europas Felder und Weiden. Die ausgedehnten Agrarsteppen bieten vielen Faltern keine Heimstatt mehr.» Und es heißt sogar, 2016 könne das schlimmste Jahr in der Geschichte der Falter werden. Allerdings können die Experten im Grunde genommen auch nur Vermutungen anstellen, warum die Schmetterlinge auszusterben drohen. Als Hauptschuldige werden großflächige Agrarsteppen wie die riesigen Maisäcker für die Produktion von Bioenergie genannt, aber auch die allgemeine Überdüngung und natürlich die Pestizide. Dazu ist zu sagen, dass es in der Schweiz keine so riesigen Monokulturen wie in Deutschland gibt, dafür ist es bei uns zu kleinräumig. Dennoch gibt es auch hier deutlich weniger Schmetterlinge als noch vor einigen Jahren. Ob der Klimawandel dabei eine Rolle spielt, wie die deutschen Experten glauben, kann ich nicht beurteilen. Falter gibt es schließlich auch in wesentlich wärmeren Regionen.

Geht’s ganz ohne?
Was die Pestizide betrifft, war dieser Frühling und Sommer für zahlreiche Biobauern ein echter Alptraum. Die chaotischen Wetterverhältnisse dieses Frühlings mit viel Regen, Hagel und Frost, gefolgt von einem ungewöhnlich heißen und trockenen Sommer, war für alle Landwirte und Winzer eine Herausforderung.

In Frankreich waren wir diesen Sommer auch als Konsumenten mit den Auswirkungen konfrontiert. Es wurde wesentlich weniger Gemüse und Obst geerntet als in anderen Jahre. Das ließ die Preise in die Höhe schnellen. Preistreibend wirkten sich zudem die Kosten für die Pflanzenschutzmittel aus: Es musste mehr gespritzt werden. Besonders betroffen waren Kartoffeln , Erdbeeren und Melonen. Für Kartoffeln bezahlte man im Durchschnitt 36,9% mehr als 2015.

marche-d-aix-en-provenceDabei war es für uns Schweizer dennoch immer wieder erstaunlich, wie viel Gemüse und Früchte man am Wochenmarkt unseres Dorfes für ein paar Euro in den Korb packen konnte… Anders sah es dann bei «Satoriz» in der Nähe von Valence aus, der Niederlassung einer Bioladen-Kette, in der man fast alles findet, was das Herz begehrt. Hier kostete das Körbchen Erdbeeren zu 250 Gramm satte 6,90 Euro, ein Kilogramm Bohnen 7 Euro und die Kartoffeln (mit viel Erde dran) 4,10 Euro. Für französische Verhältnisse ist das enorm. Biofrüchte waren diesen August im Schnitt 70% und Biogemüse sogar 78% teurer als die vergleichbaren Produkte aus konventionellem Anbau. Damit war für etliche Kunden die finanzielle Schmerzgrenze überschritten. Und einige Bio-Landwirte sehen sich nun gezwungen, eine andere, «weichere» Lösung zu suchen, um ihre Existenz zu sichern und ihre Prinzipien dennoch nicht gänzlich zu verraten.

Dilemma der Winzer
Bioweine und sogenannte Naturweine sind mehr denn je gefragt. Für den diesjährigen Schweizer Bioweinpreis, den die Zeitschrift «Vinum» gemeinsam mit Bio Suisse vergibt, wurden 140 Muster eingereicht. Das Bundesamt für Statistik beziffert die Ausgaben von Schweizer Privathaushalten für Nahrungsmittel und Getränke anno 2013 auf über 8% der Gesamtausgaben. Und das Bundesamt für Umwelt BAFU lobt die Winzer: «Eine eigentliche Erfolgsgeschichte schreibt der Rebbau. Dort ließ sich der Einsatz von Insektiziden in den vergangenen 20 Jahren deutlich reduzieren. Zum Erfolg führte einerseits, dass die Rebberge als Ökosystem angesehen wurden, und andererseits, dass engagierte Winzer und Verbandsvertreter neuen Konzepten zum Durchbruch verhalfen.»

csm_20071115_04_01_006_a4_2e8f178b0dDie französischen Biowinzer, die das Label behalten wollten, mussten dieses Jahr einen Ernteverlust von 20 bis 40% hinnehmen. Andere entschlossen sich, dennoch Chemie einzusetzen, um die Traubenernte wenigstens teilweise zu retten. Dadurch verlieren sie für ihren Jahrgang 2016 und die betroffenen Parzellen das Bio-Zertifikat… und erhalten es frühestens in drei Jahren zurück. Ein zusätzliches Problem ist, dass die französischen Banken das ökologische Engagement nicht unterstützen. Das macht es noch schwieriger, eine wetterbedingte Flaute zu überleben.

PS: Bayer übernimmt Monsanto für 66 Milliarden Dollar. Der Konzern will durch diese Fusion «dazu beitragen, die stark wachsende Weltbevölkerung auf eine ökologisch nachhaltige Weise ernähren».