KLIMA, KUNST UND KNETE

Am Samstagmittag, 12. Dezember 2015, ging die Klimakonferenz zu Ende. Die Teilnehmer stiegen in die Flugzeuge und kehrten nach Hause zurück. Was das Megatreffen gebracht hat, wird sich später weisen. Welchen Kohlenstoff-Ausstoß die COP21 produziert hat, erfahren wir hingegen wohl nie.

Viel Energie für wenig Erkenntnis
Der dänische Künstler Olafur Eliasson, 48, lebt in Berlin, wo er laut Wikipedia  vierzig bis fünfzig Mitarbeiter beschäftigt. Seine aufwendigen Installationen spielen häufig mit Lichteffekten, die auf Phänomene der Natur aufmerksam machen sollen. Und eine Menge Energie verschlingen. Zwei Beispiele: Zur Visualisierung des Übergangs vom Tag zur Nacht wurde «ein 48 Meter langes Gitter entlang der Fassade in den Gehsteig eingelassen. Darunter sind die 32 Leuchtstoffröhren sichtbar, die das spezifische, vom Künstler genau abgestimmte gelbe Licht erzeugen.» In Manhattan ließ er 2008 vier große Wasserfälle installieren: «Geschätzte 13,1 Milliarden Liter stürzten 110 Tage lang von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends von Gerüsten in den East River. Der Energieverbrauch soll durch Kredithandel mit Windenergie kompensiert worden sein.»Blog 18 olafureliasson

Für die Aktion in Paris namens «Ice Watch» ließ Eliasson rund 100 Tonnen Eis aus Grönland transportieren, in gekühlten Containern per Schiff und Lastwagen, und auf der Place de Panthéon in 12 großen Brocken aufstellen. Die NZZ erklärt, was damit bezweckt wird: «Die Installation, die 30 Tonnen CO2 verursachte, soll fassbar machen, welche Folgen der Klimawandel in der Arktis hat. Das Schmelzen des Eises geschieht nun nicht mehr weit weg im hohen Norden, sondern vor den Augen der Bewohner und Besucher in Paris.» Aha.

Es handelte sich dabei übrigens nicht um eine Premiere, ein ähnliches Projekt  stand bereits im Sommer 2013 auf dem Programm. Damals wurde ein Stück des isländischen Vatnajökull-Gletschers nach New York geschippert, selbstverständlich in Kühlcontainern. Und das Eis musste natürlich ebenfalls in der Galerie rund um die Uhr gekühlt werden, sonst hätten die Besucher das Nachsehen und nasse Füße gehabt… Es gab den einen oder andern zu denken, dass ein solcher energetischer Aufwand betrieben wird, um das Publikum darauf hinzuweisen, dass die Gletscher wegen der globalen Erwärmung und möglicherweise unseres Energieverbrauchs dahinschmelzen.

Sponsoring  dank Öl und Kohle
Und wer bezahlt die COP21? Zum Teil sind es die offiziellen Partner von «Paris 2015», die sich finanziell oder mit Naturalien an den Kosten beteiligen. Das ist Marketing, denn sie dürfen ihr Engagement zu Werbezwecken verwenden. Das ist gut fürs Image, denn es handelt sich dabei nicht nur um ökologisch «saubere» Unternehmen, im Gegenteil. Ein französischer Umweltbeauftragter verschweigt dem Magazin «L’Obs» nicht, dass die Kasse der Klimakonferenz ziemlich leer geblieben wäre, hätte man sich auf die tugendhaften Firmen beschränkt.Blog 18 Kamine

Tatsächlich denkt man bei Namen wie Renault-Nissan, Air France, EDF (französische Elektrizitätsgesellschaft), Total, ExxonMobil oder Shell nicht automatisch an den Schutz unseres Planeten. Auch weniger geläufige Namen sind dabei, etwa Socfin, die von Palmöl-Plantagen lebt, oder die auch in der Schweiz tätige Bank BNP Paribas, die unter anderem weltweit in Kohle investiert. Letztere verteidigt sich, dass man diesen Sektor bis 2030 um 13% reduzieren wolle. Auch Michelin verarbeitet pro Jahr 800’000 Tonnen Naturkautschuk, der aus südamerikanischen Plantagen stammt. Ob für diese der Regenwald gerodet worden sei, ist laut Pneuproduzent leider schwierig zu kontrollieren, man arbeite aber daran… Besonders pikant ist das Sponsoring eines 2015 gegründeten Firmenverbunds, der sich für die Förderung des in Frankreich höchst umstrittenen Fracking stark macht. Involviert ist dabei auch die texanische Fabrik Corpus Christi (sic!), die das Hexagon mit US-Gas beliefern wird, das im Fracking-Verfahren gewonnen wurde. Wenn’s ums liebe Geld geht, drücken offensichtlich selbst Klimaretter mitunter beide Augen zu.

Grau ist alle Theorie
Drei Tage vor dem Abschluss des Pariser Gipfels kam’s in der Schweiz zum Supergau: Zürich stand am Mittwochmorgen im Zeichen eines großflächigen Stromausfalls! 21’000 Anschlüsse waren betroffen, unzählige Trams standen still, Verkehrsampeln erlöschten, und der Hauptbahnhof blieb zwischen acht und neun Uhr dunkel. Rolltreppen und Billettautomaten waren außer Betrieb, in den Läden und Restaurants behalf man sich, wenn überhaupt, mit Kerzenlicht. Eine gespenstische Situation, die durch einen Kurzschluss im Unterwerk Letten ausgelöst worden war.

Um das Maß vollzumachen, hat die Netzbetreiberin Swissgrid am 2. Dezember in einem Pressecommuniqué angekündigt, die Energieversorgung für den Winter 2015/16 werde angespannt sein. Schuld daran seien vor allem der trockene Sommer und Herbst. Und auf die Stromlieferungen aus dem Ausland könne man sich nicht unbedingt verlassen.

Wir müssen uns diesen Winter warm anziehen. Und Glühwürmchen züchten, um ein wenig Licht ins Dunkle zu bringen.

KLIMARETTUNG MIT PARISER CHIC

FahnenIn Paris hat die Klimakonferenz begonnen. Zum Auftakt gab’s auf der Place de la République trotz Demonstrationsverbot heftige Krawalle mit 149 Festnahmen. Weltweit sollen fast 600’000 Menschen auf die Straße gegangen sein, um die Entscheidungsträger daran zu erinnern, dass dringender Handlungsbedarf bestehe.

Wir packen es an!
40’000 Spezialisten und Politiker aus 194 Ländern sollen in die französische Hauptstadt gereist sein, einige sogar mit der Eisenbahn. 115’000 Polizisten und Militärs wurden aufgeboten, für ihre Sicherheit zu sorgen. Das ist gewiss kein Kinderspiel in der gegenwärtigen Situation. Es ist erst drei Wochen her, als hier blutiger Terror und Chaos herrschten. Doch das Leben geht weiter, wenn auch weniger leichtfüßig als vorher.Krawall

Das gemäßigt linke Wochenmagazin «L’Obs» (bis 2014 «Le Nouvel Observateur») widmet seine neuste Nummer hauptsächlich den IS-Attentaten und ihren Hintergründen, vergisst aber den Klimagipfel dennoch nicht ganz. Mit Tipps und Trends für den urbanen Menschen, der die Erderwärmung ungewöhnlich, spielerisch und fröhlich stoppen will. Denn wer sich Mühe gibt, bewusster zu leben, lebt auch glücklicher und gesünder, meint das Blatt. Um den CO2-Ausstoß von 9 Tonnen pro Kopf auf das Traumziel von 2 Tonnen zu reduzieren, müssten die Franzosen ihren Lebensstil ändern. Aber wie? Die meisten Ratschläge unterscheiden sich nicht von jenen, die auch wir befolgen müssten. Öfter zu Fuß gehen oder velofahren, weniger Fleisch, dafür mehr bio und lokal essen und ganz allgemein den Konsum drosseln.

Nachhaltige Gourmets und Mode-Nerds
Einige Tipps sind dennoch ein wenig anders, französischer eben. Zum Beispiel die Insekten-Apéros, zu denen man sich in einem Pariser Kaffeehaus regelmäßig trifft, um die neusten Kreationen zu degustieren. Beim letzten versuchten 150 Personen, wie mit Paprika, Kurkuma und Sesam gewürzte Mehlwürmer und Heuschrecken schmecken. Den Mehlwurm nenne man Molitor, das höre sich appetitlicher an. Das biete Gelegenheit für sympathische Soirées! Auch das urbane Gärtnern, Jardingue genannt, wird zum gesellschaftlichen Anlass, der in Paris jeden zweiten Dienstag im Monat Gleichgesinnte und deren Kinder zusammenführt. Die paar Kartoffeln und Rüebli füllen ja nicht den Frigo, aber es sei «100% made by you».

Was das Reisen betrifft, schlägt «L’Obs» unter anderem vor, klimafreundlich ins nahe Vercors zu reisen und dort im selbstgebauten Iglu zu nächtigen. Oder nach Lappland, wo für 500 Euro eine Trapperhütte ohne Elektrizität, dafür mit einem Holzofen und Regenwasser in der Tonne auf einen wartet. (Die Frage, wie man dorthin gelangt, ohne seinen ökologischen Fußabdruck übermäßig zu vergrößern, wird nicht erörtert…)

Die Mode spielt in Paris immer noch eine wichtige Rolle. Entsprechend bunt ist auch die SzenePlanet der Boutiquen, die destrukturierte Teile verkaufen, das heißt Kleider, die aus gebrauchten Stücken neu zusammengesetzt werden. Auch Secondhand beziehungsweise seconde main liegt im Trend, besonders, wenn große Marken wie Dior, Gucci, Prada oder Céline zu relativ bescheidenen Preisen angeboten werden. Wer nachhaltig konsumieren will, bringt seine getragenen Butler-Jeans in den Laden zurück und kriegt die neue zum halben Preis. Ein Blick ins Internet zeigt: Je zerrissener und schmutziger die Hose,  desto teurer ist sie. «Garantiert nie gewaschen!» gilt als besonderes Gütezeichen. Ausserdem werden Kurse angeboten, wie man seine Garderobe mit Nadel und Faden selbst kreativ erneuern kann. Das gibt es mittlerweilen auch ausserhalb Frankreichs, aber vielleicht nicht ganz so chic und wahrscheinlich nicht in Verbindung mit kulinarischen Genüssen und Weindegustationen. La douce France!