NACHTFALTER, GLYPHOSAT UND WIRBELSCHLEPPEN

Das neue Jahr beginnt stürmisch. Burglind beziehungsweise Eleanor, je nachdem, fegt übers Land und macht allen, die von Schneewanderungen, Skitouren und Waldspaziergängen träumen, einen dicken Strich durch die Rechnung.

Nachtfalter im Rampenlicht
Dafür bleibt genügend Zeit, um ins Museum zu gehen. Zum Beispiel in den ehemaligen Pénitencier in Sion/Sitten, wo in der kleinen, aber feinen Ausstellung «Noctuelles en lumière» die Nachtfalter im Mittelpunkt stehen. In der Schweiz sind rund 600 Arten bekannt, 500 davon sind im Wallis heimisch. Dank Hans-Peter Wymann, dem wissenschaftlichen Illustrator und Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums Bern, können sie nun auch tagsüber anhand von 1800 Darstellungen besichtigt werden, und zwar direkt neben dem historischen Gefängnis in der früheren Kanzlei. Sie sind auch in einem voluminösen, vom hiesigen Naturmuseum gesponserten Buch veröffentlicht worden.
50 echte, aufgespießte Exemplare ergänzen die minutiös gemalten Schmetterlinge. Hat man Glück, führt einen die perfekt zweisprachige Biologin und Kuratorin Sonja Gerber durch die Ausstellung und macht die Besucher unter anderem auf Kuriositäten aufmerksam wie die Raupe, die sich täuschend ähnlich als Vogelkot tarnt… Bleibt nur zu hoffen, dass es sich nicht bloß um ein Memorial handelt, sondern die schönen Nachtschwärmer dereinst auch vermehrt wieder draußen, in der Natur, zu bewundern sein werden.
Geöffnet Dienstag bis Sonntag, 11–17 Uhr, bis zum 15. April 2018. http://www.musees-valais.ch

Mehr Glyphosat will der Bund!
Man hört und liest es fast täglich: Unsere Bauern sollen ökologischer handeln, weniger Pestizide spritzen und weniger Subventionen kassieren. Den Gewässern, den Konsumenten, den Insekten und der ganzen Umwelt zuliebe. Der Bundesrat hat zu diesem Zweck einen Aktionsplan mit 50 Maßnahmen erarbeitet, den der Schweizer Bauernverband unterstützt. Daraufhin verkündete Bundesrätin Doris Leuthard strahlend, das Bundesamt für Umwelt (Bafu) wolle den Grenzwert für den tolerierten Glyphosatgehalt in Schweizer Gewässern von 0,1 Mikrogramm pro Liter Wasser um den Faktor 3600 erhöhen. Man reibt sich Augen und Ohren, doch wir haben es richtig verstanden: Sage und schreibe 3600 Mal mehr von dem umstrittenen Gift darf künftig in Bächen, Flüssen, Teichen und Seen schwimmen. Ist das nicht ein tolles Weihnachtsgeschenk?

Die NZZ berichtete am 19. Dezember 2017 über den grotesken Bescheid aus Bern: «Die Befürworter der Trinkwasser-Initiative reagieren empört. Sie werfen dem Bafu vor, das Pestizidproblem auf dem Papier lösen zu wollen. Daniel Hartmann sagt, er sei ‚fast vom Stuhl gekippt‘, als er das gesehen habe. Hartmann hat während 25 Jahren im Bafu gearbeitet. ‚Was mein ehemaliges Bundesamt jetzt macht, ist peinlich‘, sagt er. Das sei, als würde man das Raserproblem mit einer neuen Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h lösen.» Doch der Nachfolger von Daniel Hartmann beim Bafu, Christian Leu, sieht das völlig anders. Es sei nicht die Aufgabe des Gewässerschutzes, zu beurteilen, ob Glyphosat für den Menschen tatsächlich krebserregend sei. «Wir sind dafür da, die Pflanzen und Tiere im Wasser zu schützen. Und für sie ist das Glyphosat, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Pflanzenschutzmitteln, erst ab einer deutlich höheren Konzentration als 0,1 Mikrogramm pro Liter ein Problem.»

Folglich scheint es dem Bafu logisch, den erlaubten Wert um den Faktor 3600 zu erhöhen. Worauf sich diese erstaunliche Zahl stützt, verraten weder die zuständigen Beamten noch Bundesrätin Leuthard.
Dass sich Glyphosat und Neonicotinoide häufig im Honig nachweisen lassen und zweifellos zum Bienensterben beitragen, scheint unserem Bundesamt für Umwelt entweder nicht bekannt oder vollkommen egal zu sein.

Insektenkiller Windmühlen?
Modirama Kopelke von der Firma Soltuuli, der Erfinder der neuartigen Zédolille-Windkraftanlage, hat mir kurz vor Weihnachten folgenden Mail geschickt: «Hinter den Propeller-Windmühlen bilden sich bis 20 bis 30 km lange Wirbelschleppen. Wirbelschleppen sind Kardan-Wirbelstraßen. Dort ist die Strömung chaotisch mit vielen Druckwechseln. Durch diese Wirbelschleppen können neben Ultraleichtfliegern auch keine Insekten fliegen. Ich sehe darin den wahren Grund für das momentane Insektensterben.» Auf seiner Homepage ist dieses Thema sowie vieles andere zum Windturbinen-Problem ausführlicher behandelt. Siehe: http://www.soltuuli.com

Ich habe dieses Mail zudem an Elias Meier vom Verband Freie Landschaft Schweiz weitergeleitet. Seine Antwort: «Vielen Dank für Ihre wertvolle Info. Mir war dies physikalisch stets bewusst, aber ich habe nicht daran gedacht, dass sich da ja sämtliche leichten fliegenden Lebewesen gestört fühlen können. Ich frage mich aber, ob dieser Korridor wirklich länger als ein paar hundert Meter werden kann.» Genau das habe ich mich auch gefragt. Gibt es Beweise dafür? Zahlreiche hochinteressante Infos darüber finden sich zum Beispiel unter «Der Tornado der Energiewende: Wirbelschleppen» http.//ruhrkultour.de. Etwa diese: «Das Renditemodell der Windparkbetreiber verpufft in der Wirbelschleppe. Hausbesitzer, die in der Nähe von Windkraftanlagen wohnen, müssen mit Beschädigungen an der Bausubstanz ihrer Häuser rechnen, bekommen die Schäden aber möglicherweise nicht von den Windparkbetreibern erstattet. Die Besitzer von Obstplantagen, die auf die Bestäubung der Obstpflanzen durch Bienen oder Insekten angewiesen sind, müssen ihr Unternehmen möglicherweise aufgeben.»

FRANKREICH HOLT MÄCHTIG AUF

44 L'Eyrieux_du_pont_de_Saint_Sauveur_de_MontagutWenn wir unseren Schweizer Besuchern  im Eyrieuxtal in der Ardèche vorschlagen, ein Bad im Fluss zu nehmen, reagieren sie meist misstrauisch. Gewiss, das Wasser ist nicht glasklar, und die Steine sind mit Algen überzogen. Aber wie steht’s mit der Reuβ, der Aare, dem Rhein oder der Rhone? Immerhin wird das Wasser des Eyrieux im Sommer zweimal im Monat auf seine Sauberkeit überprüft, und seit 1997 wacht das Syndicat Eyrieux Clair über den Fluss und sein Einzugsgebiet.

44 Einzugsgebiet EyrDazu gehört auch Aufklärungsarbeit bei Schülern und Erwachsenen, Kleingärtnern und Landwirten, Gewerbe und Industrie. Ein Beispiel: Am 16. Oktober finden in unserem Dorf im Rahmen der Fête de la Science 2016 unter dem Motto «Gärtnern ohne Pestizide ist möglich» verschiedene Anlässe mit dem Ziel statt, die Bevölkerung für den Gewässerschutz und die davon profitierenden Tiere zu sensibilisieren. Es sollen sich inzwischen sogar wieder einige Fischotter angesiedelt haben!

44 otterDas war nicht immer so: Noch vor fünfzehn, zwanzig Jahren gehörten Müllhalden sozusagen zum Landschaftsbild. Sie wurden von Zeit zu Zeit einfach angezündet, und dabei floss so einiges in den Fluss, das dort nicht hingehört. Heute stehen in jedem Quartier Container für die getrennte Abfallentsorgung zur Verfügung, und Kläranlagen reinigen das Abwasser. Mehr unter: www.eyrieux-clair.fr/

44 dephy bildNicht bio, aber besser als vorher
Seit 2008 gibt es «Dephy», ein Netzwerk von Landwirtschaftsbetrieben, denen es ein Anliegen ist, möglichst wenig Pestizide einzusetzen. In ganz Frankreich bemühen sich heute 1900 Mitglieder, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf ein Minimum zu reduzieren. Im Süden sind es vor allem Wein- und Obstbauern, die sich von den Dephy-Fachleuten beraten lassen, um ein gutes Gleichgewicht zwischen Ertrag und Umweltschutz zu erreichen. Die meisten wollen zwar den Schritt zum biologischen Landbau nicht machen, suchen aber dennoch nach alternativen Möglichkeiten, mit denen sie und die Konsumenten besser leben können.

44 Dephy-beraterinDephy-Beraterinnen und -Berater begleiten die Landwirte und Winzer, mit denen es das Wetter dieses Jahr nicht besonders gut meinte. Maud Bonnefoux, die elf Weinbauern in der Südardèche berät, betrachtet die Pflanzenschutzmittel als eine Art Medikament, das mit groβem Fingerspitzengefühl eingesetzt werden muss. Um die richtige Dosierung zu finden, schätzt sie mit geübtem Blick die Menge des Blattwerks ein. Auβerdem werden zum Versprühen «hyper-technische» Geräte verwendet, die Millimeterarbeit leisten. Die Winzer sind zufrieden: Sie konnten ihren Pestizidverbrauch immerhin um ein bis zwei Drittel reduzieren. Und sie hoffen selbstverständlich, dass es noch besser wird.

Regional und saisonal
44 Ferme du Pin BesitzerAuf dem Bauernhof Le Pin bei Valence im Rhonetal ist seit acht Jahren Selbstbedienung Trumpf. Auf ihrer hervorragenden Internetsite www.lafermedupin.fr stellen Brigitte und Denis Cortial sich und ihren 4,5 Hektar groβen Garten ausführlich vor. Man erfährt dort, was wann geerntet werden kann, und wie das funktioniert. Beratung für Anfänger und das dazu benötigte Material stehen zur Verfügung; mit rund 30 Sorten ist die Auswahl an Gemüse und Beeren reich; und die Preise sind mehr als anständig, jedenfalls für Schweizer Verhältnisse. Auf Bestellung können zudem auch Hühner aus Freilaufhaltung und Eier gekauft werden.

44 Ferme du Pin KarettenUnd wie wird das alles produziert? Auf ihrer Homepage erklären die Cortails ihre Philosophie und ihre Methode(n) ausführlich. Demnach halten sie sich weitgehend an die Richtlinien der biologischen Landwirtschaft, wollen sich jedoch nicht durch ein Label in ein Korsett zwängen lassen. So wird ausschlieβlich von Hand oder maschinell gejätet, Herbizide und Insektizide werden nicht verwendet. Auch mit Fungiziden ist man zurückhaltend und setzt, falls nötig, nur die auch im Bio-Landbau erlaubte Bordeaux-Brühe auf Kupferbasis ein. Als Dünger kommen zu 95% organische Mittel auf die Felder, und die restlichen 5% Chemie seien für die Konsumenten unbedenklich. Ihr Motto lautet: Wir wollen möglichst natürlich und verantwortungsbewusst produzieren, aber nicht riskieren, die Ernte zu verlieren. Und wir legen groβen Wert auf Qualität und Geschmack.

44 Ferme du Pin WagenIhre Kundschaft dankt diesen Einsatz (sie arbeiten beide rund 70 Stunden pro Woche) mit Treue. Immer mehr Franzosen schätzen es, wenn sie wissen, woher die Nahrungsmittel stammen und wie sie hergestellt wurden. «Lokal» und «saisonal» ist ein Trend, der an Bedeutung gewinnt. Dazu kommt, dass das Selberernten für viele Familien zum Erlebnis wird, das auch den Kindern Spaβ macht. Ein junger Mann bringt es auf den Punkt: «Diese Gemüse haben einen besonderen Wert. Einerseits sind sie besser und gesünder, sie bieten uns jedoch auch die Gelegenheit, die Landwirte unserer Region zu treffen und die lokale Wirtschaft zu unterstützen!»